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Ausgabe Nr. 06/2020 vom 04.02.2020, Foto: Warner Music
Bis zu sechs Stunden am Tag sang Watson für Passanten.
Das Mädchen von der Straße
Vor nicht allzu langer Zeit war Toni Watson eine unbekannte Straßensängerin in Australien.
Bis die 26jährige mit dem Lied „Dance Monkey“ im Internet für Aufsehen sorgte. Seither ist für Watson, die sich mittlerweile Tones and I nennt, nichts mehr so, wie es einmal war.
„Mein Leben ist wie ein Film, den ich durch meine eigenen Augen betrachte“, sagt Watson. „Alles ist verrückt und komplett irreal.“ Die Australierin besuchte kürzlich Europa – zum ersten Mal, und war von der Landschaft angetan. „Die kleinen Bauernhäuschen und Hügel, die ich vom Flugzeugfenster aus gesehen habe, fand ich ziemlich niedlich, das sah ein bisschen wie im Hobbit-Land aus.“

Die 26jährige lernt die Welt derzeit im Zeitraffer kennen, vorgestern Taiwan, gestern England, dann Deutschland, Frankreich und Amerika, alles innerhalb von zehn Tagen, und es ist ihr anzumerken, dass das Tempo, mit dem sie neuerdings durchs Leben hechelt, gewöhnungsbedürftig ist. Die Kappe hat sie tief ins Gesicht gezogen, die blonden Haare hängen etwas matt herunter. Die Sängerin wirkt fällig für ein Wellness-Wochenende, aber dafür ist eben jetzt nicht Zeit.

Denn „Dance Monkey“ ist ein Weltereignis. Seit Monaten steht das Lied in Australien auf den vordersten Plätzen der Hitparade, das gilt auch für Europa und Amerika. Watson kann den Erfolg kaum fassen. „Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, dass mir so etwas passieren wird, hätte ich ihn ausgelacht.“ Dabei wirkt „Dance Monkey“ wie ein Kinderlied. Es besteht aus nicht allzu vielen Worten, ein paar schlichten Beats sowie einer sich ständig wiederholenden, dabei leicht variierenden Melodie. Jedes Kleinkind kommt hier auf seine Kosten, und die Älteren (zumindest jene, die das Liedchen nicht abgrundtief und grundsätzlich hassen, denn auch die gebe es, sagt Watson) finden das Lied originell bis skurril. Dazu kommt noch diese charakteristische schrille Stimme, von der die 26jährige gar nicht dachte, dass sie außergewöhnlich sei, „bis alle anfingen, mir zu sagen, dass meine Stimme ja nun wirklich nicht ganz normal ist“.

Viel mehr ist über die Person, die hinter Tones and I steckt, nicht bekannt. Ein paar Gerüchte ranken sich um die Australierin.

Anfangs hieß es, sie sei 19 Jahre alt, dabei ist sie in Wirklichkeit schon 26, und über die ersten 25 Lebensjahre bleiben ihre Auskünfte in Andeutungen. Im Küstenort Mount Martha bei Melbourne an der Südspitze des fünften Kontinentes sei sie aufgewachsen, habe als Teenager leidenschaftlich gern und gut Basketball gespielt, sich selbst das Schreiben von Liedern und das Spielen am elektronischen Klavier beigebracht und hauptberuflich in einem Bekleidungsgeschäft in Melbourne gearbeitet, berichtet Watson.

Dann absolvierte sie erste Shows und hat Lieder ins Internet geladen. Weil ihre Bemühungen Anklang fanden, drängte die Australierin immer vehementer in Richtung Musikerin. Zunächst wurden ihr dabei allerlei Prügel in den Weg gelegt. Unter anderem durch lange Wartezeiten auf eine Straßenmusik-Lizenz für die Metropole Melbourne. Das Ausstellen kann bis zu eineinhalb Jahre dauern, zudem muss der Antragsteller eine Prüfung ablegen und einen Batzen Geld auf den Tisch legen.Also zog Toni Watson im Herbst 2017 kurzerhand um nach Byron Bay. Das lässige Strandstädtchen nahe Brisbane an der Ostspitze Australiens ist einerseits mondän und edel, andererseits bietet es genügend Raum für Freigeister. „In Byron Bay lebst du ziemlich frei“, meint die Sängerin, „die Menschen sind äußerst tolerant. Ich konnte mich auf die Straße stellen und Musik machen, wann immer und wie lange ich wollte.“ Das tat sie bis zu sechs Stunden am Tag.

Dort auf der Straße fiel ihr dann auch der Text und die Melodie zu ihrem Hit „Dance Monkey“ ein. Weil es dann doch auch Passanten gegeben hat, die betrunken waren und sie angepöbelt haben. Das Lied hört sich nach Spaß an, ist aber ursprünglich aus Frust über die respektlosen Menschen entstanden. „Ein besonders rüdes Mädchen wollte mir sogar das Keyboard stehlen. Für mich ist ,Dance Monkey‘ deshalb viel mehr als nur ein gutes Lied.“ Um das herum Tones and I bald darauf ihr Erstlingswerk „The Kids Are Coming“ bastelte. S. Rüth
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