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Ausgabe Nr. 04/2020 vom 21.01.2020, Foto: picturesdesk.com
80-Jahr-Jubiläum der Hahnenkammrennen in der Gamsstadt.
Rot-weiß-rote Helden von KITZBÜHEL
Sie sind gefürchtet und brutal, jene Rennen, die Kitzbühel (Tirol) mit seiner Abfahrtsstrecke „Streif“ seit Jahrzehnten zum „Mekka des Schisportes“ machen. Anlässlich des 80. Jubiläums der Hahnenkammrennen blicken die sechs größten rot-weiß-roten Helden des mythischen Rennortes zurück auf ihre Abenteuer.
Noch heute kann es Hannes Reichelt, 39, nicht glauben, dass er im Jahr 2014 als bislang letzter heimischer Sieger im Ziel mit Bestzeit abschwang, trotz akutem Bandscheibenvorfall. „Die Streif hinunterzurasen war schon als Gesunder wie ein Fallschirmsprung“, gesteht der derzeit verletzte Athlet. „Doch als ich damals durchs Ziel fuhr, hatte ich kein Gefühl mehr im Fuß und konnte nicht einmal mehr aufrecht stehen.“ Reichelt musste ge-
stützt werden, um den Zielraum zu verlassen, und gab danach das Saisonende wegen der Verletzung bekannt. „Aber der Wunsch, Kitzbühel zu gewinnen, hatte mich über die Grenzen gehen lassen, dabei hätte schon der kleinste Fahrfehler fatal enden können.“ So wie das zuvor schon vielen heimischen Assen wie Hans Grugger, Patrick Ortlieb, Roland Assinger, Andreas Buder oder Thomas Graggaber passiert war, deren schwere Stürze auf der Streif ihr Karriereende bedeuteten.

Wie seine Vorgänger kam auch Reichelt in seiner Siegesfahrt auf der „Abfahrtshölle“ bei Weitem nicht an den Streckenrekord heran, den Fritz Strobl, 47, seit 1997 mit 1:51,58 Minuten bis zum heutigen Tag hält, trotz immer besserer Präparierung und immer hochwertigerem Material. „Ich glaube, diese Bestmarke bleibt mir bis in die Ewigkeit“, schmunzelt Strobl, denn die Streckenführung war damals noch direkter als heute. Den laut vorhandenen Daten langsamsten aller Abfahrtsläufe in Kitzbühel absolvierte im Jahr 1956 der Spanier Arche Jose Maria mit mehr als drei Minuten Rückstand auf den Sieger. „Mir hingegen ist vor 23 Jahren ein Superlauf geglückt, anschließend durfte ich vor 8.000 Menschen und herrlicher Stimmung die letzte Siegerehrung im Stadtzentrum erleben, die danach verlegt wurde“, berichtet Strobl. Er verabschiedete sich 2007, indem er kostümiert über die Streif raste und sein selbstgesungenes Lied „Ich bin der Mozart der Mausefalle“ öffentlich vorstellte. „Damit gewann ich Gold und Platin“, weiß er noch.

Der vermutlich auf alle Zeiten uneinholbare heimische „Kaiser“ der Streif ist Franz Klammer, 66, der dort mit vier Triumphen öfter gewann als jeder andere Landsmann. International schaffte auf jener Strecke, die eigentlich
einem Schreibfehler zum Opfer fiel und nach dem dort angesiedelten Bauern „Straiff“ hätte heißen müssen, nur der Schweizer Didier Cuche einen Sieg mehr. „Kitzbühel war für mich immer das schönste und wichtigste Rennen des Jahres, ich musste dort einfach gewinnen“, erinnert sich die Kärntner Legende. „Wir haben es nicht trotz der Gefahr, sondern gerade wegen der Gefahr geliebt. Zu meiner Zeit gab es kaum Sicherheitsmaßnahmen und wir hatten nicht mehr Schutz als ein paar betonhart gefrorene Strohballen.“ Vielleicht wurde gerade deswegen auch die Gefahr mit mehr Humor genommen als heute. „Ein Mal verlor ich in der Mausefalle einen Schi und raste in einen Strohballen. Wenige Sekunden später stürzte Ken Read an derselben Stelle und donnerte nur wenige Zentimeter über mich hinweg. Ich lachte ihn an und sagte: ‚Heh, das ist mein Platz.‘“

Der Vorarlberger Marc Girardelli, 56, konnte am Hahnenkamm sowohl Abfahrt als auch Slalom und Kombination gewinnen, seine sieben Gesamtsiege sind seit der Einführung des Weltcups 1967 bis heute unerreicht. „Ich wollte immer ein kompletter Schifahrer sein und zu dieser Zeit gelang es mir, alle Disziplinen zu dominieren, darauf bin ich stolz“, erzählt der damals für Luxemburg startende heutige Geschäftsmann. Girardelli musste sich auf der Streif aber brutal überwinden. „Beim ersten Mal wäre ich im Starthaus beinahe wieder umgekehrt“, weiß er noch. „Nur die Angst vor der Blamage hielt mich davon ab.“

Als legendärer Pionier auf dem Kitzbüheler Rennschnee gewann einst auch Karl Schranz, 81, Riesentorlauf, Kombination und wie Klammer vier Mal die Abfahrt, allerdings nur drei davon bei Hahnenkamm-Rennen. „Um einen Sieg hätten sie mich fast betrogen“, erinnert sich der Hotelier. „Die Zeit war nicht gestoppt worden. Doch der Verbandschef Sepp Blatter kam zu mir und sagte: ,Nur kein Skandal, Karl, wir sprechen dir den Sieg zu.‘“ Dass heute so viel über die Gefahr diskutiert wird, kostet Schranz nur ein Lächeln, einmal bohrte sich sogar ein Schistock in seine Genitalien. „Bei uns war alles viel brutaler, jedes Jahr gab es zwei Tote.“

Die vielleicht größte Legende der Gamsstadt bleibt aber Andreas „Anderl“ Molterer, 88. Als gebürtiger Kitzbüheler kannte der „Weiße Blitz aus Kitz“, wie er wegen seiner hellblonden Haare genannt wurde, die Strecken wie seine Westentasche und dominierte in den 1950ern mit Siegen in Abfahrt (2), Slalom (3) und Kombination (3). „Ich wusste immer bei der Zieldurchfahrt auch ohne Zeitnehmung, ob ich gewonnen hatte oder nicht“, erinnert sich der Tiroler, der mit seiner Lebensgefährtin Key imUS-Bundesstaat Tennessee lebt. Kreuziger
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