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Ausgabe Nr. 04/2020 vom 21.01.2020, Fotos: Vida, swoe.at
Michaela Guglberger, Walter Marschitz
35-Stunden-Woche für Pflegekräfte?
Die türkis-grüne Koalition will eine „grundlegende Reform der Pflege“ angehen. Auch mit mehr Personal, bis zum Jahr 2030 sind 75.000 zusätzliche Pflegekräfte notwendig. Die Beschäftigten im privaten Gesundheits- und Sozialbereich fordern bei den laufenden Kollektivvertrags-Verhandlungen die Einführung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Derzeit sind es 38 Stunden. Das brächte bei Vollzeit-Arbeit 18 Tage mehr Freizeit im Jahr, bei Teilzeit eine Gehaltserhöhung von 8,6 Prozent.
JA: Michaela Guglberger,
Gewerkschaft vida:

„Prinzipiell soll es eine 35-Stunden-Woche für alle Beschäftigten in der Sozialwirtschaft geben, nicht nur für die Pflegekräfte, weil es ein äußerst belastendes Berufsfeld ist. Egal, ob das in der Kinder- und Jugendbetreuung ist, in der Behindertenarbeit oder in der Pflege, egal, ob stationär oder mobil, das sind enorm belastende Berufe, körperlich und psychisch. Da können wir nur Entlastung hineinbringen, indem wir die Arbeitszeit verkürzen. Wir haben im Schnitt einen Teilzeitanteil von mehr als 70 Prozent. Wenn jeder Teilzeitbeschäftigte etwa ein oder zwei Stunden mehr arbeiten würde, wäre das schon ausgewogen. Die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ist unsere einzige Forderung. Ich höre seit Jahren, dass die Arbeitsbedingungen in den Pflege- und Betreuungsberufen verbessert gehören. Die 35-Stunden-Woche wäre eine Maßnahme dazu. Ob sie umgesetzt wird, ist nur eine Frage des politischen Willens. Derzeit sind viele Kolleginnen im Alter von 50 plus, die in absehbarer Zeit ihren wohlverdienten Ruhestand antreten werden. Die 35-Stunden-Woche würde hier dazu beitragen, dass die Branche attraktiv für junge Menschen, aber auch für Quereinsteiger wird.“

NEIN: Walter Marschitz,
Sozialwirtschaft Österreich:

„Im Bereich der mobilen Pflege (Hauskrankenpflege, Heimhilfe) arbeiten jetzt schon 93 Prozent nicht mehr als 35 Stunden. Für sie würde sich bei der Arbeitszeit durch die Einführung einer 35-Stunden-Woche gar nichts ändern. Sie würden dadurch überhaupt nicht entlastet. In den Pflegeheimen arbeitet derzeit etwa die Hälfte der Mitarbeiter mehr als 35 Stunden pro Woche. Da es aber nicht genügend freie Pflegekräfte gibt, um die bei einer Arbeitszeitverkürzung wegfallenden Stunden auszugleichen, würde sich auch hier in der Praxis wohl wenig ändern. Denn die Versorgung der pflegebedürftigen Menschen können und wollen weder die Pflegeorganisationen noch die Beschäftigten gefährden. Im Fall der Einführung einer 35-Stunden-Woche würden daher in den Pflegeheimen in erster Linie die Mehr- und Überstunden steigen, was ja nicht der Sinn einer Arbeitszeitverkürzung sein kann. Auch hier würden die Mitarbeiter nicht entlastet werden. Letztlich läuft eine Arbeitszeitverkürzung im Pflegebereich im Wesentlichen auf eine indirekte Lohnerhöhung hinaus. Den gleichen Effekt könnte man aber auch mit einer Erhöhung der Gehaltstabellen erreichen.“
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