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Ausgabe Nr. 03/2020 vom 14.01.2020, Foto: GEPA pictures
Severin Kiefer und Miriam Ziegler haben bei der Eiskunstlauf-Heim-EM das Podest im Visier
Eistanz zurück in die Zukunft
Stolze 44 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften, Europameisterschaften oder Olympischen Spielen erhoben unser Land einst zu einer Größe im Eiskunstlauf, doch seit fast vier Jahrzehnten herrscht „Medaillen-Eiszeit“. Bei der Europameisterschaft in der kommenden Woche in Graz (Stmk.) unter dem Motto „Eiskunstlaufen kehrt heim“ könnte das Eistanzpaar Miriam Ziegler, 25, und Severin Kiefer, 29, an alte Zeiten anknüpfen.
Früher versuchten sie es noch öfter mit Komödie und Humor. In kurzen Lederhosen, kariertem Wanderhemd und Hosenträgern auf dem Eis brachten Miriam Ziegler, 25, und Severin Kiefer, 29, die Zuschauer ebenso zum Lachen wie in rot-weiß-rot gestreiften, fast clownartigen Kostümen. Bei der Europameisterschaft freilich ist Schluss mit lustig.

„Wir werden in unauffälligen Lila- und Dunkelblautönen auftreten“, verrät Kiefer vor dem EM-Start in der kommenden Woche in der Steiermarkhalle am Schwarzlsee bei Graz (Stmk.). „Zu wilde Kostüme und massenhaft Glitzersteine sind ohnehin nicht unser Stil.“ Er wäre eher dezent, elegant und künstlerisch, die Kritiker behaupteten freilich, auch manchmal ein bisschen zu langsam und zu wenig tänzerisch. Deswegen schraubte das burgenländisch-salzburgerische Eistanzduo zuletzt gehörig am Tempo, baute vor allem in die Kür zum Lied „Broken“ des Sängers Patrick Watson neue Figuren ein, worauf die nur 154 Zentimeter kleine Ziegler nun von ihrem Partner so oft durch die Luft gewirbelt wird wie noch nie. „Da ist schon stets ein wenig Risiko und Gefahr mit dabei“, gesteht sie. „Eine Eisläuferin muss fast ein bisschen verrückt sein, um beim Paarlauf mitzumachen, so wie ich. Bei mir gibt es im Grunde niemals Angstmomente.“

Darum und auch wegen des zuletzt vierten Platzes in Moskau (Russland) träumt sie ebenso wie ihr Partner vom Edelmetall, es wäre die erste Eiskunstlaufmedaille unseres Landes seit dem EM-Gold von Claudia Kristofics-Binder im Jahr 1982. „Platz fünf ist unser Minimalziel. Wenn es aber einen Heim-Effekt bei uns oder den Preisrichtern gibt, wenn wir einen super Tag haben und alles für uns läuft, dann ist ein Podestplatz möglich“, glaubt Kiefer, für den die EM eine Familienangelegenheit ist. Mama Carmen Kiefer, Funktionärin der Eisunion Salzburg, ist die EM-Organisatorin.

Auf dem Eis glänzt ihr Sohn samt Partnerin in der Regel mit millimetergenau abgestimmten Bewegungsabläufen und einer Extraportion Harmonie, denn die vierfachen Staatsmeister im Paarlauf sind auch privat ein Paar, wollten sich ihre Liebe aber lange Zeit nicht zugestehen. „Unsere Gefühle füreinander entstanden, als wir schon einige Zeit miteinander tanzten. Aber wir hatten Sorge, die Olympiaqualifikation für 2014 könnte darunter leiden, und haben dem anfangs nicht nachgegeben“, erinnert sich die Burgenländerin. Privat liiert zu sein, kann in der Eisbranche auch schiefgehen, nicht umsonst sind nur ein Drittel der internationalen Tanzpaare Liebespaare. Heute wissen beide, dass es die richtige Entscheidung war. „Wir kleben zwar jetzt rund um die Uhr aneinander, aber wir sind es gar nicht mehr anders gewohnt“, lächelt Severin Kiefer. Er gilt als ruhiger, aber chaotischer Teil des Pärchens, Miriam Ziegler ist die Ordnungsfanatikerin, beide diskutieren gerne und viel über Politik. „Wir haben seit einiger Zeit auch einen gemeinsamen Hund, einen Beagle namens ‚Kenny‘, der die meiste Zeit mit uns zusammen ist“, berichtet der Salzburger. „Nur ins Flugzeug nehmen wir ihn nicht mit.“ Der ursprünglich aus Kuchl (S) stammende Kufenflitzer wohnt heute mit seiner Eisprinzessin vorwiegend aus Trainingsgründen in Berlin (D), das Paar verfügt aber auch über eine Wohnung in Jadorf im Tennengau (S), wo es oft gemeinsam kocht, besonders gerne das thailändische Pad Thai, ein Gericht aus Reisbandnudeln, Gemüse und Erdnüssen.

„Für mich bleibt aber mein burgenländischer Heimatort Stoob immer die wahre Heimat“, gesteht Ziegler. „Ein Schnitzel von der Mama ist nicht ersetzbar.“

Neben dem Sport studiert Kiefer derzeit an der Fernuniversität Hagen (D) Politikwissenschaft, Ziegler an derselben Uni Kulturwissenschaft. Beide wollen jedoch abseits der Berufsausbildung noch einige Jahre auf dem Eis bleiben, auch wenn sie mittlerweile erlebt haben, dass der Eiskunstlaufsport nicht immer nur eine große Bühne, sondern auch ein gefährliches Haifischbecken sein kann.

Während Kiefer als junger eislaufender Bursch in der Schulklasse manchen Spott ertragen musste, beendete Ziegler zwischenzeitlich sogar wegen des negativen Umfeldes ihre Karriere als Einzelsportlerin, bevor sie als Paarläuferin neu durchstartete. „Ich selbst fühlte mich mit 15 Jahren als Mädchen von neidischen Kolleginnen gemobbt und auch die berühmten eisenharten Schleifertrainerinnen gibt es heute noch“, erzählt sie.

Doch die Eiskunstlaufszene sei nicht nur inzwischen menschlicher, sondern auch die Leistungen seien besser geworden. „Wir haben derzeit ein so gutes Niveau in unserem Land wie schon lange nicht“, glaubt Kiefer an einen Aufwärtstrend. „In mehreren Bereichen haben wir gute Athleten am Start und auch talentierten Nachwuchs dahinter.“

Deswegen hofft seine Partnerin Miriam Ziegler auch auf die Chance, den Stellenwert des Eiskunstlaufes bei der Heim-Europameisterschaft wieder kräftig aufzupolieren. „Heute sind die alten Erfolge hierzulande längst vergessen und der Stellenwert des Sportes nur noch gering. Aber mit einer erfolgreichen EM könnten wir den Eiskunstlaufsport wieder auf einen guten Kurs bringen.“
Wolfgang Kreuziger
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