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Ausgabe Nr. 02/2020 vom 07.01.2020, Foto: ÖHB/Agentur Diener/Eva Manhart
Thomas Bauer hütet bei der Heim-EM unser Handballtor.
„Ich bin ein Krieger auf dem Handball-Parkett“
Bei der in dieser Woche beginnenden Handball-Europameisterschaft, die nicht nur in Schweden und Norwegen, sondern auch in unserem Land ausgetragen wird, wirft sich der Nationaltormann Thomas Bauer, 33, schonungslos den Angreifern entgegen. Im Interview spricht er über die wichtigste, aber vielleicht auch gefährlichste Position, über Tormannkollegen mit verlorenem Augenlicht und warum ihn das Risiko dennoch reizt.
Fiebern Sie schon dem ersten Duell der Handball-EM gegen Tschechien entgegen, Herr Bauer?
Absolut, ich bin in Top-Form und freue mich darauf. Ich war ja als einer von nur zwei Spielern unseres Kaders bereits 2010 dabei und zwei Heim-Europameisterschaften spielen zu dürfen, ist für mich ein Privileg, ein sensationelles Gefühl und ein Karriere-Höhepunkt. Aber Achtung, unsere Gruppe mit Nordmazedonien und Ukraine sieht auf Anhieb leichter aus, als sie ist.

Im Fußball werden Tormänner oft als „Verrückte“ bezeichnet. Gilt das im Handball auch?
Auf jeden Fall. In einem Spiel hast du bis zu 20 verschiedene Torschützen, aber nur zwei Tormänner, und wer den besseren hat, gewinnt. Er muss sich dabei, ohne zurückzuziehen, ein ums andere Mal den heranspringenden Angreifern entgegenstemmen und es war für mich schon als Kind extrem reizvoll, diese letzte Bastion zu sein, die letzte Rettung vor dem Gegentreffer. Du hast einfach die größere Verantwortung.

Um wie viel ist sie denn größer?
Ich sage das nicht nur, weil ich selbst zwischen den Pfosten stehe, aber der Torhüter macht mehr als die Hälfte des Erfolges im Handball aus, das ist international eine Tatsache. Du kannst eine super Mannschaft haben, aber ohne guten Tormann gewinnst du nix. Andererseits haben exzellente Torleute wie der Spanier Arpad Sterbik oder der Däne Niklas Landin ihrem Team über Jahre dazu verholfen, zahlreiche Pokale abzuräumen.

Allerdings ist der Preis mitunter hoch, viele Handballtorleute erleiden schwere Verletzungen bis hin zur Gehirnerschütterung. Wie gefährlich lebt es sich zwischen den Pfosten?
Handball ist schon generell ein harter Sport, als Tormann aber bis du noch exponierter. Ich hatte bisher fast immer Glück und bin von schweren Verletzungen weitgehend verschont geblieben. Aber ich kenne auch viele Freunde mit dramatischen Unfällen. Mein Teamtorhüter-Kollege Nikola Marinovic hatte nach einem Schuss aufs Auge ein Loch in der Netzhaut und musste lange pausieren, auch Norwegens Ole Erevik hatte grobe Verletzungsprobleme.

Sie selbst kassierten schon harte Schüsse auf Augen, Nase und Zähne. Wie schnell verarbeiten Sie das?
Ich denke nicht viel darüber nach. Einmal bekam ich vormittags einen Ball aufs Auge und stand nachmittags mit nur einem sehenden Auge wieder zwischen den Pfosten. Handballtormänner sind so, wir sind Krieger und hart im Nehmen. Unsere Devise lautet, wenn wir ein Auge verlieren, haben wir noch ein zweites. So wie der polnische Tormann Karol Bielecki seine Karriere mit einer Spezialbrille fortsetzte, obwohl er das Augenlicht auf einem Auge verloren hatte.

Die deutsche Torfrau Pauline Radke erlitt sogar ein Schädel-Hirn-Trauma, verbunden mit Panikattacken im Supermarkt und völligem Nerven-zusammenbruch …
Ich kenne Pauline persönlich, sie ist eine Freundin unserer Familie. Sie hat es leider schlimm erwischt, ausgelöst durch Kopftreffer musste sie am Ende ihre Karriere in Deutschland beenden und kämpft noch mit den Folgen. Ich hoffe, selbst nie betroffen zu sein, aber es gibt auch kaum Möglichkeiten, sich davor zu schützen. Trotzdem versuche ich, als Tormann offensiv zu bleiben und den Angreifer zu überraschen, statt zurückzuziehen.

Wie verunsichern Sie einen heranstürmenden Gegner?
Indem ich Schock-Momente erzeuge. Kommt der Stürmer auf mich zu, schneide ich Grimassen, lege mich in der Luft quer, mache ihm als Falle eine Ecke auf oder stelle ihn sonstwie vor Probleme. Ich schockiere meine Gegner gezielt, damit sie Fehler machen. Das klappt gut.

Hat Ihre Frau keine Angst, wenn der Ehemann zwischen den Pfosten seine Gesundheit riskiert?
Nein, Laura kennt mich schon lange als wilden Hund, sie war ja selbst auch Handballerin und hat 150 Länderspiele für unser Land in den Beinen. Auch ihre Eltern waren davor Handballer und sie weiß auch, dass ich gut auf mich aufpassen kann.

Wie lebt es sich in Portugal, wo Sie derzeit für den FC Porto spielen?
Wir lieben es, weil es schön, warm und finanziell leistbar ist. Porto ist eine faszinierende Stadt und Portugal das bereits fünfte Land, in dem ich Handball spiele. Meine Familie wohnt nur 15 Minuten vom Meer entfernt. Wenn ich in der Früh zum Training fahre, macht Laura mit unserem einjährigen Sohn Jonathan bereits den ersten Strandspaziergang. Vielleicht bleiben wir länger. Wenn es gut läuft, kann ich noch bis zu zehn Jahre auf hohem Niveau spielen.

Sie sind auch Hobbymusiker und haben schon eigene Lieder veröffentlicht. Ist Ihr Energiepotenzial unendlich?
Ich habe so viele Ideen, ich könnte Hunderte Sachen machen. Etwa Musik, denn ich spiele Klavier, Gitarre, komponiere Lieder und habe vor ein paar Jahren sogar ein bissl Geld damit verdient. Ich studiere aber nebenbei auch das Lehramt für Sport, Psychologie und Philosophie und möchte irgendwann als Nachwuchs-Handball-
tormanntrainer arbeiten. Ich probiere alles aus, was mich reizt, denn eines möchte ich an meinem Totenbett nie sagen müssen: dass ich irgendetwas nicht versucht hätte, weil ich mich nicht getraut habe. Kreuziger
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