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Ausgabe Nr. 01/2020 vom 30.12.2019, Fotos: blickwinkel, StephanWyckoff
Weil unsere Politiker geschlampt haben, gibt es kein Glyphosat-Verbot.
Glyphosat-Experte Burtscher-Schaden.
Wir schlucken weiter Pflanzen-Gift
Mit 1. Jänner hätte das Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat in unserem Land verboten werden sollen. Weil es wahrscheinlich krebserregend ist. Doch durch einen „Formalfehler“ unserer Politiker kommt es vorerst nicht dazu.
Alva und Alberta Pilliod leiden an Lymphdrüsenkrebs. Das 70jährige Rentnerehepaar hat nach eigenen Angaben 35 Jahre lang auf seinem Grundstück in der Nähe von San Francisco im US-Staat Kalifornien das Unkraut-Vernichtungsmittel „Roundup“ verwendet. Dieses Mittel enthält den Wirkstoff Glyphosat, das weltweit am häufigsten eingesetzte Pestizid. Es tötet jede Pflanze ab, die nicht entsprechend gentechnisch verändert wurde. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend ein.

Für den Anwalt des Ehepaares Pilliod ein starkes Argument, dem die Geschworenen in einem aufsehenerregenden Prozess Folge leisteten. Sie waren der Ansicht, dass Glyphosat für den Lymphdrüsenkrebs des Paares verantwortlich sei und verdonnerten den amerikanischen Herstellerkonzern Monsanto, der mittlerweile ein Tochterunternehmen des deutschen Chemie-Konzernes Bayer ist, im Frühjahr 2019 zur Zahlung von zwei Milliarden Dollar. Eine Rekordstrafe. Sie wurde später aber auf knapp 90 Millionen Dollar reduziert. Das sind etwa 80 Millionen Euro.

Glyphosat ist tödlich. Das haben Versuche an Tieren gezeigt. Freilich können Tests an Menschen in der Form nicht durchgeführt werden, doch dass entsprechende Untersuchungen die WHO veranlassten, den Stoff als „wahrscheinlich“ krebserregend einzustufen, zeigt nach Ansicht des Umweltchemikers und Glyphosat-Experten DI Dr. Helmut Burtscher-Schaden von der Umweltorganisation Global 2000 dessen Gefährlichkeit. „Deshalb ist es ein Skandal, dass die Europäische Union die Zulassung von Glyphosat bis 2022 verlängert hat. Weil nach den Richtlinien der EU das ,wahrscheinlich‘ quasi einer Bestätigung der krebserregenden Wirkung gleichkommt.“

Und dieser Stoff wird weiter auf unseren Feldern und in Gärten verbreitet. Wir opfern unsere Gesundheit im Glauben, bessere Erträge erzielen zu können. Dabei sollte ab 1. Jänner des neuen Jahres bundesweit ein Glyphosat-Verbot in Kraft treten. Doch das wurde verschlampt.

Verantwortliche gibt es mehrere. Die SPÖ, weil sie endlich eines ihrer Prestige-Projekte umsetzen wollte. Durch die türkis-blaue Regierung lag es seit 2017 auf Eis. Dann platzte Ende Mai 2019 diese Koalition und im Juli beschloss auf Drängen der SPÖ der Nationalrat, Glyphosat in unserem Land mit Jahresbeginn per Gesetz zu verbieten. Damit schossen unsere Politiker übers Ziel hinaus. Denn in solchen Fällen ist es üblich, der EU in Brüssel (Belgien) die entsprechende Gesetzes-„Vorlage“ zur Absegnung zukommen zu lassen. Doch von unserer Regierung wurde bereits das beschlossene Gesetz nach Brüssel übermittelt. Ein „Formalfehler“, wie es Kanzlerin Brigitte Bierlein formulierte. Und hier treten die zweiten Verantwortlichen auf den Plan. Die Mitarbeiter des Umweltministeriums unter Ministerin Maria Patek. Sie mussten wissen, dass die Brüsseler Beamten für die ausstehende Notifizierung, also die Möglichkeit zur Stellungnahme, die Vorlage und nicht das Gesetz benötigen. Das Landwirtschaftsministerium ist
seit jeher eine Domäne der ÖVP, böse Zungen könnten behaupten, die Schwarzen hätten absichtlich das Vorhaben der Roten torpediert. Vor allem, weil es gereicht hätte, das Gesetz als Gesetzesvorlage zu bezeichnen.

Schließlich tragen auch die Beamten in Brüssel selbst dazu bei, das Glyphosat-Verbot außer Kraft gesetzt zu haben, wie der Global-2000-Experte Burtscher-Schaden erklärt. „Die Kommission hätte die Möglichkeit gehabt, klare Verhältnisse zu schaffen. Sie hätte entweder eine ausführliche Stellungnahme abgeben können – damit hätte sie das Verbot verhindert, wäre aber europaweit kritisiert worden –, oder sie hätte diesen ,Formalfehler‘ – der keine inhaltlichen Auswirkungen hat – ignorieren und damit das Verbot akzeptieren können.“

Einen ähnlichen Fall mit einem anderen Wirkstoff gibt es in Frankreich. Dort genehmigte die EU ein staatliches Verbot, allerdings sehen sich die Franzosen mit Klagen des Herstellers konfrontiert.

Das kann auch unserem Land drohen, sollte das Glyphosat-Verbot doch noch durchgesetzt werden. Die Noch-Kanzlerin wurde vom Nationalrat mit den Stimmen der SPÖ, FPÖ, Grünen und Neos aufgefordert, eine entsprechende Gesetzes-Vorlage zur Notifizierung nach Brüssel zu schicken.

Der Global-2000-Experte Burtscher-Schaden ist jedoch skeptisch, was den Erfolg betrifft. Weil in der künftigen Regierung von Sebastian Kurz das zuständige Landwirtschaftsministerium wohl in schwarzer Hand bleiben wird. Und die ÖVP ist gegen das Verbot. Zudem kämpfen die Umweltschützer gegen Großkonzerne und deren Milliarden-Umsätze, die sie nicht verlieren wollen. Selbst 13.400 Klagen wegen Krebs, ähnlich dem Fall des Ehepaares Pilliod, allein in Amerika, halten Monsanto und den Bayer-Konzern nicht davon ab, das Gift Glyphosat weiter zu produzieren. Mehr noch, erst kürzlich, am 12. Dezember, stellte die sogenannte „Glyphosate Renewal Group“, zu der auch der deutsche Bayer-Konzern gehört, in Brüssel bei der EU den Antrag auf Zulassungserneuerung des Wirkstoffes über das Jahr 2022 hinaus, um ein drohendes weitreichendes Verbot abzuwenden.

Was bleibt, ist der freiwillige Verzicht, Glyphosat einzusetzen. Bereits jede dritte Gemeinde in unserem Land setzt bei der Pflege öffentlicher Flächen nicht mehr auf dieses Pflanzenvernichtungsmittel. In Kärnten wurde das Pestizid im Privatbereich verboten und Unternehmen wie die ÖBB oder die ASFINAG haben sich dazu entschlossen, auf Glyphosat zu verzichten.

Neuesten Forschungen zufolge wäre es sogar möglich, die gesamte Landwirtschaft auf nachhaltige Bio-Produktion umzustellen und damit die Weltbevölkerung zu ernähren. Das würde aber nur funktionieren, wenn sich Agrarmethoden und Konsumverhalten drastisch änderten.

So müssten die Menschen vor allem weniger Fleisch essen und weniger Lebensmittel verschwenden. Denn um Fleisch zu produzieren, wird für Tierfutter ein Vielfaches der Fläche benötigt, die für die Produktion von Obst, Gemüse oder Getreide gebraucht wird.
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noparking
Wir schlucken weiter Pflanzen-Gift
.... und wieder ein Beispiel dafür das unsere Regierung kläglich versagt ....
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