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Ausgabe Nr. 01/2020 vom 30.12.2019, Foto: GEPA pictures
Simone Steiner, Galionsfigur unter unseren Eisstockschützen.
Atemlos auf dem Eis
Auf dem spiegelglatten Parkett des Eisstocksports lässt sich Simone Steiner, 24, schon lange nicht mehr aufs Glatteis führen. Mit sechs Weltmeistertiteln und drei Mal Gold bei Europameisterschaften ist die Steirerin weltweit die Dominatorin im Zielbewerb und hat als Neujahrsvorsatz weitere Titel im Visier.
Sie war im wahrsten Sinne des Wortes „atemlos“, als sich Simone Steiner, 24, mit zarten 18 Jahren 2014 zur jüngsten Eisstock-Weltmeisterin aller Zeiten krönte und danach den gleichnamigen Hit der Schlagersängerin Helene Fischer zur persönlichen Siegeshymne erklärte. „Ganze 78 Mal haben wir das Lied beim Feiern im Mannschaftsbus abgespielt und dazu gesungen, irgendjemand hat eine Stricherlliste gemacht“, erinnert sie sich schmunzelnd an die feuchtfröhliche Heimreise.

Fünf Jahre später hat die junge Dame aus Wenigzell in der Oststeiermark ihre Sammlung auf sechs WM- und drei EM-Titel hinaufgeschraubt, in wenigen Wochen könnte sie den unglaublichen 21. heimischen Staatsmeistertitel im Einzel nachlegen. Damit ist sie eine der größten Galionsfiguren unter den Eisstockschützen unseres Landes, die mit rund 120.000 registrierten Vereinsmitgliedern und 200.000 Hobbyspielern unangefochten die Wintersportart Nummer eins darstellen. Selbst in den kleinsten Dörfern gibt es hierzulande Bahnen, auf denen sich im Winter, aber auch im Sommer beim Spielen auf Asphalt der ganze Ort trifft.

Für Steiner freilich wirkt es sich kaum aus, dass sie schon doppelt so viel WM-Gold wie das Schi-Ass und die Werbe-Ikone Anna Veith in der Vitrine liegen hat. „Im Stocksport gibt es nichts zu verdienen, damit muss ich mich abfinden. Uns haftet auch immer noch das Klischee von Gaudi und Alkohol an, so dass sich nur die wenigsten vorstellen können, wie hart wir trainieren.“ Rund drei Mal wöchentlich steht Steiner beim Training auf dem Eis, dazu kommen bis zu acht Stunden Konditionsarbeit und am Wochenende Wettkämpfe. „In Wenigzell gab es in meiner Kindheit nur Fußball oder den Eisstocksport, den im Ort sicher jeder Dritte betreibt“, erinnert sie sich, deren Eltern auch leidenschaftliche Spieler waren und deren Zwillingsbruder Christian lange als großes Talent galt. „Ich wählte also auch den Eisstock, musste mich in der Jugend leider ständig zwischen Fortgehen und Training entscheiden. Das private Vergnügen mit den Freunden kam oft zu kurz“, sagt sie.

Dafür wurde Steiner allerdings im Zielbewerb weltweit zum Maß aller Dinge, bei ihrer Spezialdisziplin muss sie in insgesamt 48 Versuchen vier Teilaufgaben bewältigen. Im ersten Durchgang gilt es, möglichst nahe an die im Zentrum des Zielfeldes platzierte Daube (eine kleine Hartgummischeibe) heranzukommen, im zweiten müssen im Zielbereich liegende Stöcke herausgeschossen und im dritten einzelne links und rechts im Zielfeld positionierte Dauben anvisiert werden. Im vierten Durchgang schließlich stehen Kombinationen der ersten drei Aufgaben auf dem Programm. „Besonders wichtig ist es, auf dem Eis für unsere Stöcke die richtigen Laufsohlen aus Gummi zu wählen, ähnlich wie Formel-1-Piloten mit ihren Reifen pokern“, erzählt sie. Die Luftfeuchtigkeit, die Anzahl der Zuschauer, ja sogar wie gründlich der Eismeister die Oberfläche behandelt hat, können die Gleiteigenschaften stark beeinflussen. Etwa 40 verschiedene Modelle an Laufsohlen hat Steiner daheim, die in den unterschiedlichsten Farben schillern und durch spezielle Härtegrade des Gummis leichter oder schwerer auf dem Eis rutschen. „In der Formel 1 werden nur neue Reifen verwendet, unsere Gummis hingegen werden erst nach fünf bis sechs Jahren Verwendung gut.“

Heute wohnt Steiner mit ihrem Freund Florian, ebenfalls ein Eisstockschütze, in einer Wohnung in Seiersberg (Stmk.). Von dort ist es für die Hobbyköchin und Liebhaberin von Fantasyfilmen wie „Herr der Ringe“ nicht weit nach Pinkafeld (B), wo sie Gesundheitsmanagement studiert, um später eine Arbeit in einem Spital oder Pflegeheim anzunehmen.

Die sportlichen Ziele sind der Steirerin trotz der vielen Titel aber keineswegs ausgegangen, im Gegenteil, sie wendet nun auch neue Mentaltechniken an. „Mittels des sogenannten Visualisierens habe ich bereits jetzt die gesamte im kommenden März in Deutschland stattfindende WM vom ersten bis zum letzten Wurf im Kopf durchgespielt“, erzählt sie. „Und am Ende sah ich mich im Geiste mit meinem siebenten WM-Gold auf dem Siegerstockerl stehen.“ Wolfgang Kreuziger
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