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Ausgabe Nr. 5152/2019 vom 17.12.2019, Foto: F1online
Viele Menschen kennen nicht das Gefühl,
ausgeschlafen zu sein. Das ist gefährlich.
Schlechter Schlaf quält den Körper
Stress in der Arbeit, das abendliche Starren ins Mobiltelefon, Atemaussetzer im Schlaf sowie Schnarchgeräusche des Partners stören unsere Nachtruhe gehörig. Das macht nicht nur mürrisch oder müde untertags, sondern verschlechtert über die Jahre hin unsere Gesundheit, mitunter massiv. Dabei ist es nicht schwer, erholsam zu schlafen.
Schlaf, so meinte der amerikanische Erfinder Thomas Edison († 1931) einmal mürrisch, wäre eine „negative, zwangsweise Unterbrechung aller Produktivität“, ein „Verlust von Zeit, Vitalität und Chancen“. Der findige Geschäftsmann irrte gewaltig, denn der Nutzen eines guten und regelmäßigen Schlafes kann, da sind sich moderne Schlafforscher einig, nicht hoch genug geschätzt werden. Dennoch, die Zahl der Menschen, die abends im Bett wachliegen oder nach einer Aufwachphase nicht wieder in den Schlaf finden, steigt. Einschlafstörungen sind an der „Tagesordnung“, weiß der Neurologe Dr. Stefan Seidel vom Schlaflabor der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni-Wien und Allgemeinen Krankenhaus Wien. „Von Einschlafstörungen sprechen wir, wenn ein Mensch regelmäßig nachts länger als dreißig Minuten zum Einschlafen braucht“, fügt er erklärend hinzu.

Die Schlafenszeit wird weniger

Die lange Zeit gültige „Rechnung“, dass wir ein Drittel unserer Lebenszeit schlafend verbringen, trifft auf immer weniger Menschen zu. Im Gegenteil, unser moderner Lebensstil verkürzt die Zeit im Schlaf zusehends.

Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts, so schätzen die Schlafforscher, schläft der Mensch durchschnittlich eine Stunde weniger. Eine Entwicklung, die auch der Schlafforscher und Psychotherapeut Prof. Manuel Schabus vom Labor für Schlaf- und Bewusstseinsforschung in Salzburg sieht. „Grundsätzlich wird der Schlaf der Menschen in der westlichen Welt weniger. Einschlaf- und Durchschlafstörungen werden jedes Jahr mehr.“

Sieben von zehn Frauen ab 60 Jahre schlafen schlecht

Eine Erhebung zur Schlafqualität, die vom Salzburger Labor für Schlaf- und Bewusstseinsforschung über ein Jahr geleitet wurde und eintausend Menschen zwischen 18 und 90 Jahren umfasste, bringt diesen Negativ-Trend in Zahlen. „Ein Drittel der Teilnehmer gab an, schlecht zu schlafen. Frauen trifft es besonders. Mit den Jahren steigen ihre Schlafprobleme auf mehr als das Doppelte. Von 34 Prozent bei Menschen, die jünger als dreißig Jahre alt sind, auf 72 Prozent bei jenen jenseits der sechzig. Bei Männern steigt dieser Wert von 31 auf 45 Prozent. Und während jeder zehnte Mann älter als 60 Jahre ‚sehr gut‘ schläft, trifft das nur auf jede zwanzigste Frau zu“, verrät Prof. Schabus.

Erschöpft statt ausgeschlafen

Schuld an den schlaflosen oder schlafgestörten Nächten sind psychischer Stress durch Beruf oder Familie, das einsetzende „Gedankenkarussell“, Schnarchgeräusche des Partners oder Atemstillstände während des eigenen Schnarchens und helles Licht, wie es aus Mobiltelefonen und tragbaren Computern (Tablets) scheint.

Die unmittelbaren Folgen einer schlechten Nachtruhe ließ der Kärntner Wasserbetten-Hersteller BluTimes unter 1.200 Frauen und Männern abfragen. Das Ergebnis, fast die Hälfte (45 %) gab an, sich in der Früh erschöpft, verspannt oder gereizt zu fühlen.

Gehirn, Herz und Gefäße leiden

Hält dieser Zustand des „nicht Ausgeschlafenseins“ länger oder gar Jahre an, geht das an die körperliche Substanz, warnt Prof. Schabus. „Es steigt das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen (Anm. Demenz, Alzheimer, Parkinson …), Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht und Depression“, zählt er die möglichen schwerwiegenden Folgen auf. Äußerst gefährlich ist die obstruktive Schlafapnoe, das sind kurze Atemaussetzer im Schlaf. „Aufgrund der mangelnden Sauerstoffversorgung steigen der Blutdruck und Blutzucker. Das belastet Herz und Kreislauf enorm. Fett und Kalk lagern sich vermehrt in den Innenwänden der Halsschlagadern ab und verengen sie. Lösen sich davon Bestandteile, gelangen sie mit dem Blutstrom ins Gehirn, verstopfen lebenswichtige Gefäße und führen zum Schlaganfall“, zitiert Josef Hoza von der Selbsthilfegruppe Schlafapnoe Österreich aus Vorträgen des Neurologen Dr. Pawel Kermer aus Göttingen (D).

Ultrakurz-Schläfer sind ein Mythos

Fehlt uns genügend Schlaf, werden wir über kurz oder lang krank. Welche Funktion der Schlaf genau hat, dazu wird
noch geforscht. „Die Evolution hat sich etwas dabei gedacht, dass wir eine lange Nachtschlafphase haben. Damit können wir nicht beliebig herumspielen“, warnt der Salzburger Schlafexperte Prof. Schabus. Der Stand der Wissenschaft, Schlaf hat viele Funktionen. „Wir vermuten, dass unser Gehirn im Schlaf von Stoffwechselprodukten entgiftet, Informationen verarbeitet und wir unseren Bestand an Energie zwischen Tag und Nacht besser umverteilen“, sagt Manuel Zimmer, Neurobiologe an der Universität Wien. Weiters, so Forscher, baut sich das Immunsystem im Schlaf neu auf und auch die körperliche Kraft werde im Schlaf verfestigt.

Wie viel Schlaf der Mensch braucht, dazu gehen die Meinungen auseinander. Sieben bis neun Stunden lautet die Empfehlung. So mancher meint, sechs Stunden würden genügen. Darunter wird es in jedem Fall kritisch,
ist Prof. Schabus überzeugt. „Was mich stört, sind sogenannte Ultrakurz-Schläfer, die behaupten, sie können unter fünf Stunden schlafen und es ist alles gut.“ Das sei ein Mythos, der im Praxistest im Schlaflabor noch nie zu halten gewesen ist. „Diese Ultrakurz-Schläfer gibt es nicht. So etwas zu propagieren, ist gefährlich.“
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