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Ausgabe Nr. 5152/2019 vom 17.12.2019, Foto: Thomas & Thomas
Uwe Kockisch, 75, geht als beliebter „Commissario Brunetti“ in den Donna- Leon-Krimis in den Ruhestand.
„Wir sehen uns wieder“
Sein Fluchtversuch aus der DDR missglückte ebenso wie sein erster Versuch, Schauspieler zu werden. Uwe Kockisch ließ sich nicht entmutigen. Als „Commissario Brunetti“ in den Donna-Leon-Krimis wurde er zu einem der beliebtesten deutschen Darsteller. Am 25. Dezember ist er zum letzten Mal in dieser Rolle zu sehen.
Seine Laufbahn als Schauspieler begann wenig verheißungsvoll. „Ich lernte im Alleingang einige Texte und fuhr zu einer Schauspielschule in Berlin (D)“, erinnert sich Uwe Kockisch. „Nachdem ich meinen Vortrag beendet hatte, sagte die zuständige Professorin: ,Raus. Und komm bitte nie wieder.‘ Das war ganz schön deprimierend.“

Dass er sich überhaupt getraut hatte, ohne professionelle Vorbereitung vorzusprechen, bezeichnet der heutige Publikumsliebling als „Größenwahn“. Geboren am 31. Jänner 1944 in Cottbus in der früheren DDR, versuchte er als 17jähriger, in einem Boot über die Ostsee in den Westen zu flüchten. Er wurde erwischt und landete für ein knappes Jahr im Gefängnis. „Danach bekam ich Arbeit als Nachtportier und Hilfsgarderobier am Theater in meiner Heimatstadt“, erzählt Kockisch. „Da hatte ich Gelegenheit, bei Proben zuzusehen. Ich war fasziniert und beschloss, Schauspieler zu werden.“

Für das nächste Vorsprechen übte er mit einem älteren Darsteller und schaffte es, aufgenommen zu werden. Er absolvierte das Studium mit Auszeichnung. Anschließend wurde er Ensemblemitglied des Berliner Maxim-Gorki-Theaters und blieb es für 20 Jahre. Doch nebenbei war Uwe Kockisch bereits zu DDR-Zeiten auch beim Film und Fernsehen viel beschäftigt, etwa in der Krimiserie „Polizeiruf 110“, die ja aus dem Osten stammt. Obwohl sein Ruf als ehemaliger „Republikflüchtling“ seiner Karriere in der Diktatur nicht eben förderlich war.

Bekannt und beliebt im gesamten deutschen Sprachraum wurde der Darsteller jedenfalls erst durch die Verfilmungen der Krimis von Donna Leon – im Alter von 59 Jahren. „Ja“, lacht der 75jährige Deutsche, „was die große Popularität angeht, bin ich eindeutig ein Spätzünder.“

Als „Commissario Brunetti“ wurde der Sohn eines im Zweiten Weltkrieg gefallenen Jagdfliegers zu einem der letzten Zugpferde des Bildschirmes. „Als ich das Angebot bekam, war ich zunächst ratlos“, gesteht Kockisch. „Ich kannte die Krimis nicht, und in den ersten vier Filmen hatte Joachim Król, 62, die Hauptrolle gespielt. Ein um mehr als zehn Jahre jüngerer Kollege, den ich überaus schätze und dessen Fußstapfen groß waren. Trotzdem sagte ich zu, sozusagen unter dem Motto ,Wer nicht wagt, der nicht gewinnt‘.“

Er gewann. Das Publikum empfand Uwe Kockisch bald als Idealverkörperung des „Brunetti“, wovon die stets überdurchschnittlichen Zuseherzahlen zeugten. „Ohne meine Kollegen abwerten zu wollen, war mir von Anfang an klar: Mein stärkster Partner in diesen Filmen ist Venedig. Zu dem Bild, das die italienische Stadt am Meer den Menschen vermittelt, wollte ich mit dem ,Commissario‘ eine Entsprechung finden – und damit meine ich jetzt nicht die Verfallserscheinungen (lacht). Vor Beginn der Dreharbeiten war ich immer schon einige Tage vorher vor Ort. Ich versuchte, die Stadt in mich aufzunehmen, setzte mich irgendwo hin, roch, hörte und sah. Ich betrachtete den Alltag, beobachtete die Menschen, saugte das alles in mich auf und ließ es wirken. Was mir besonders an den Venezianern gefällt, ist das Spielerische, diese Gelassenheit.“

Mit „Stille Wasser“ endet eine Ära

An den literarischen Vorlagen der amerikanischen Bestsellerautorin Donna Leon, 77, mit der ihn nur eine „flüchtige Bekanntschaft“ verbindet, schätzt Uwe Kockisch vor allem eines: „Das soziale Engagement Brunettis und seinen entlarvenden Blick auf den die Touristen so faszinierenden Fassadenzauber.“

Damit soll künftig Schluss sein. Am ersten Weihnachtsfeiertag zeigt die ARD (ab 20.15 Uhr) mit der Folge „Stille Wasser“ den 26. und zugleich letzten Brunetti-Krimi. Die offizielle Stellungnahme des Senders dazu wurde knapp gehalten und spart mit Details. „Es war eine gemeinsame Entscheidung der ARD und der Autorin Donna Leon, die Reihe nach diesem Fall zu beenden. Wir freuen uns, dass wir 26 wunderbare Filme mit einem vor und hinter der Kamera großartigen Team an diesem einzigartigen Drehort umsetzen konnten.“

Die zahlreichen Freunde von „Commissario Brunetti“ und Donna Leon freuen sich nicht, sondern ärgern sich und grübeln über den wahren Grund für die Absetzung. Uwe Kockisch wiegelt ab: „Es ist bei so einer Reihe immer gut, dann aufzuhören, wenn es die Zuseher noch bedauern.“ Und fügt kryptisch hinzu: „Ciao Commissario – wir sehen uns wieder.“

Das klingt zwar nicht unbedingt nach einem endgültigen Aus für die Krimireihe, aber Kockisch ist auch ohne Venedig nicht arbeitslos. Die in Deutschland überaus erfolgreiche Serie „Weissensee“ etwa, in der er eine Hauptrolle verkörpert, soll im kommenden Jahr entgegen ersten Ankündigungen nun doch fortgesetzt werden. „Außerdem würde ich gern wieder einmal einen Verbrecher spielen“, meint der Darsteller lachend.

Andererseits käme ein bisschen Ruhe für den Vater zweier längst erwachsener Söhne gar nicht so ungelegen. Gemeinsam mit Christine Gautier, 59, seiner dritten Ehefrau, besitzt er neben seinem Berliner Wohnsitz auch einen in der spanischen Metropole Madrid. „Ich liebe diese Stadt mit ihrem magischen Licht und dem Klima fast noch mehr als Venedig“, gesteht Uwe Kockisch. „Und es wäre schön, wenn wir künftig mehr Zeit dort verbringen könnten.“

Das „Wir“ hat für Kockisch eine besondere Bedeutung. Seit er vor zehn Jahren seine Frau kennenlernte und sie zwei Jahre später heiratete, sind die beiden unzertrennlich. „Bei uns war es – wie in einer kitschigen Geschichte – tatsächlich Liebe auf den ersten Blick. Eine Tür ging auf, sie kam herein und ich dachte: Das gibt‘s nicht, das muss ein Traum sein.“ Gautier ging es ähnlich. „Uwe schaute mich an und es war wie ein Blitz zwischen uns. Unglaublich, aber wahr.“

In seiner Freizeit gehört Lesen zu den bevorzugten Beschäftigungen des Darstellers. „Am liebsten lese ich Drehbücher. Aber auch bei den meisten Romanen entsteht in meinem Kopf automatisch ein Film. Immer. Es ist für mich eine aufregende, dramatische Angelegenheit. Ich tauche dann so tief in die Handlung ein, dass es vorkommt, dass ich den Alltag als störend empfinde.“ Ideale Voraussetzungen, um es einmal als Regisseur zu versuchen. Doch er winkt ab. „Ich hätte einmal Regie führen können, hatte dann aber zu großen Respekt davor, wahrscheinlich auch zu wenig Selbstvertrauen. Es wäre jemand nötig gewesen, der mir in technischen Fragen geholfen hätte.“

Dass der 75jährige Uwe Kockisch zuweilen auf einen Mann Mitte fünfzig geschätzt wird, entlockt ihm ein Schmunzeln. „Ich weiß, dass ich jünger aussehe, als ich bin. Und ich bin dankbar dafür. Allerdings nicht aus Eitelkeit, sondern immer im Hinblick auf die Rollen, die ich spielen könnte. Für alte Männer, die auch so aussehen, werden die Aufgaben kleiner. Eine Hauptrolle für einen 80jährigen – das ist die Ausnahme von der Regel.“

Warum er so jugendlich wirkt, ist für Kockisch kein Rätsel. „Es ist in erster Linie die Veranlagung. Heute heißt es, der hat gute Gene. Und dann ist natürlich die Lebensführung von großer Bedeutung. Ich war mein Leben lang weder ein Kettenraucher noch ein Säufer, sondern habe mich stets bemüht, einigermaßen gesund zu leben. Und ich habe immer auf mein Gewicht geachtet. Ich bin ja nicht sehr groß, und da wirst du mit zehn Kilo zuviel rasch zur Kugel. Da ich kein Komiker bin, hätte mir das beruflich natürlich geschadet. Und ich wäre vielleicht schnell wieder in einer Portiersloge gesessen (lacht).“ mp
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