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Ausgabe Nr. 5152/2019 vom 17.12.2019, Foto: imago
Rituale geben Sicherheit und stärken das Wir-Gefühl
Rituale sind lebensnotwendig
Schon die Adventzeit ist voll mit Bräuchen, Traditionen und liebgewordenen Gewohnheiten. Zu Weihnachten selbst bestimmen ebenfalls Rituale den Festablauf. Sie sind auch abseits der Festtage wichtig, vor allem für Kinder. Denn diese immer wiederkehrenden Eckpunkte geben ihnen Halt. Aber auch Erwachsene profitieren von der Kraft der Rituale.
Drei Strophen „Stille Nacht“, Bratwürstel oder Karpfen als Weihnachtsmenü und zum Abschluss in die Christmette. Bei vielen Familien läuft Weihnachten immer gleich ab. Und das ist gut so. Denn wir brauchen Rituale.

„In Familien sind Rituale etwas ganz Wesentliches“, weiß die Psychologin und Buchautorin Natalia Ölsböck. „Zum einen geben sie uns Sicherheit, zum anderen stärken sie immens das Wir-Gefühl, schaffen gemeinsame Erinnerungen.“ Die Kraft der Rituale wissen aber auch Firmen-Chefs zu nützen: „Nicht umsonst machen Unternehmen jedes Jahr Weihnachtsfeiern, weil das für das Klima im Unternehmen gut ist.“

Weihnachten ist ein Paradebeispiel für Rituale, wiederholte Handlungen, die mehr oder weniger standardisiert sind. Das beginnt schon im Advent, wenn wir jeden Sonntag eine Kerze anzünden und der Nachwuchs Tag für Tag ein Türl im Adventkalender öffnet. Der Höhepunkt ist am Heiligen Abend, wenn je nach Familientradition vor dem Christbaum gesungen wird, wir Geschenke verteilen und gemeinsam essen. Selbst der Geschmack von Weihnachten, die Lieblingskekse von der Oma oder die Gans am ersten Feiertag gehören zum alljährlichen Ritual, das auch die Generationen verbindet.

Acht von zehn Feiernde wollen zu Weihnachten nicht auf den Christbaum verzichten, hat jüngst eine Umfrage ergeben. Bei ebenso vielen kommt Jahr für Jahr das gleiche
Essen auf den Tisch. Und bei fast jedem Zweiten wird die Bescherung noch vom traditionellen Glöckchen angekündigt. Ihren Ursprung haben die meisten dieser Bräuche in der Kindheit.

Für Kinder sind Rituale auch abseits des Festes äußerst wichtig. „Für sie ist die große weite Welt ständig mit Neuem verbunden“, erklärt Natalia Ölsböck. „Deshalb brauchen sie solche Eckpunkte, bei denen sie ganz genau wissen, was zu einer bestimmten Zeit passiert. Sei es beim ritualisierten Zubettgehen, oder dass sich die Familie zumindest einmal am Tag zusammensetzt, um ein gemeinsames Mahl einzunehmen.“

Erwachsene brauchen ebenfalls „ritualisierte Punkte“ in ihrem Leben, ob im Alltag oder an Festtagen. „Denn psychologisch betrachtet, ist eines unserer Grundbedürfnisse Kontrolle. Rituale vermitteln ein Sicherheitsgefühl, auf sie kann ich mich verlassen, sie schaffen Vertrauen. Sie kommen wieder, auch wenn sich draußen vieles ändert. Auch in Krisensituationen können wir darauf zurückgreifen. In diesem Sinne sind Rituale lebensnotwendig.“

So manches Ritual stammt aus dem Glauben. Auch wenn die religiöse Bedeutung des Weihnachtsfestes für viele nicht mehr im Vordergrund steht, will doch jeder Dritte die Kirche besuchen. Am Heiligen Abend sind die Gotteshäuser voll. „Die Kinderweihnachtsfeier am Nachmittag ist meiner Meinung nach der meistbesuchte Gottesdienst im ganzen Jahr“, bestätigt Gabriele Eder-Cakl, katholische Pastoralamtsdirektorin in Oberösterreich. Doch nicht jeder, der am 24. Dezember die Kirche besucht, hat noch eine enge Beziehung dazu. In Deutschland veröffentlichte die katholische Kirche deshalb sogar einen „Spickzettel für die Christmette“. Darin wird unter anderem erklärt, „wann kniet man sich hin“.

Auch bei uns bemühen sich die christlichen Kirchen zu Weihnachten, „die Menschen, ob sie mehr oder weniger Beziehung zur Kirche haben, anzusprechen“, sagt die oberösterreichische Pastoralamtsdirektorin. „Das tun wir zum Beispiel mit Angeboten, dass Menschen nicht alleine Weihnachten feiern müssen. Wir versuchen, die Weihnachtsbotschaft – Gott wird in einem kleinen Kind Mensch – mit Liedern, Texten, Gottesdiensten und auch Licht in der Kirche sichtbar zu machen.“

Dass das Brauchtum den Blick auf den eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes verstellt, fürchtet Gabriele Eder-Cakl nicht. „Ich bin froh, dass wir hier in unserem Kulturkreis so schöne Zeichen haben.“ Der grüne Christbaum sei etwa „ein Ausdruck von Leben mitten im Winter. Kerzen sind Zeichen der Hoffnung, Wärme und Liebe.“

Doch auch liebgewordene Traditionen können zur Last werden. „In dem Moment, in dem wir merken, dass ein Ritual zu Stress wird, eine Belastung darstellt, sollten wir über eine Veränderung nachdenken“, empfiehlt die Psychologin Natalia Ölsböck. „Rituale dürfen auch einmal aufgebrochen und verändert werden, wenn es nicht mehr passt.“ Dann sollte früh darüber gesprochen werden, warum jemand etwas anders machen möchte. „Ich denke, dass es unser Recht ist, auch einmal zu sagen, nein, so kann ich das nicht mehr“, erklärt die Niederösterreicherin.

Weihnachten gilt als Fest der Familie. Alleinsein wiegt deshalb zu den Feiertagen doppelt schwer. Trotzdem verbringt fast jeder Zwanzigste den Heiligen Abend ohne Gesellschaft, zeigt eine Studie. Wenn jemand „das Gefühl hat, ich halte das Alleinsein nicht gut aus, dann sollte so früh wie möglich überlegt werden, wo kann ich hingehen. Es muss nicht zwingend der 24. Dezember sein. Ich kann mich auch auf den Christtag-Vormittag freuen oder schon vorher Besuche machen“, rät Natalia Ölsböck. „Depressive Menschen sollten unbedingt Hilfe annehmen, Hilfsangebote kontaktieren.“

Doch manche sind am Festtag lieber für sich. „Wenn jemand gerne allein ist, wenn für ihn das auch zu Weihnachten angenehm ist, dann empfehle ich, trotzdem ein neues Ritual zu schaffen. Es ist auch in Ordnung, wenn jemand sagt: ,Ich pfeif auf Weihnachten‘, aber selbst dann ist ein ritualisierter Tagesablauf wichtig, damit man nicht in ein Loch fällt.“
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