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Ausgabe Nr. 50/2019 vom 10.12.2019, Fotos: picturedesk.com, Polydor
Sie gehörten zu den wildesten Rock-Bands der 70er Jahre. Heute sind die Männer von „The Who“ 70 und noch gut drauf.
Elf Lieder umfasst das neue Album (seit Freitag im Handel) der britischen Rock-Legenden „The Who“
Das sind keine anstrengenden alten Knacker
Es ist schon 13 Jahre her, seit die britische Rock-Band „The Who“ ein Album veröffentlicht hat. Doch Pete Townshend, der Texter und Gitarrist, hat ein paar Einfälle zu Papier gebracht und mit seinen in die Jahre gekommenen Kollegen musikalisch umgesetzt. Elf Stücke hat der 74jährige für das Album „Who“ geschrieben. Er ist stolz darauf, wie er dem WOCHE-Reporter Steffen Rüth erzählt hat.
Herr Townshend, sind Sie vor der Veröffentlichung eines neuen Albums eigentlich noch nervös?
Ja, selbstverständlich. Die Gewissheit habe ich ja nie, ich möchte natürlich, dass die Menschen meine Arbeit schätzen. Klar ist, dass sie unsere alten Lieder lieben, aber eine neue Musik ist immer ein Spiel mit unklarem Ausgang.

Warum wollten Sie überhaupt ein neues Album machen?
Wir hatten in den vergangenen Jahren viele Auftritte. Irgendwann entschied ich, nur noch zu touren, wenn wir auch eine neue Musik haben. Ich wollte mich weiter wie ein aktiver Komponist fühlen, denn ich bin durchaus glücklich damit, mir selbst einzureden, als junger Mensch großartige Musik geschrieben zu haben. Ich fürchte mich auch nicht vor der Nostalgie. Aber auch wegen des Internets, wo du alles hören kannst, was du willst, habe ich dieses Jucken gekriegt. Dieses Gefühl, „Verdammt, da draußen ist so viel gute Musik, ich will ein Teil davon sein“.

Haben Sie sich beim Schreiben stark an Ihrem bisherigen Schaffen orientiert?
Das funktioniert nicht. Früher klang alles, was wir spielten, sofort wie „The Who“. Heute nicht mehr. Die Hälfte von „The Who“ lebt nicht mehr. Den alten Sound aufzukochen, würde sich falsch anhören. Also habe ich es gar nicht versucht, sondern unmittelbar für Roger (Sänger Roger Daltrey, 75) geschrieben. Roger ist bis heute archetypisch für den „The Who“-Sound. Ich finde, er singt heute besser als je zuvor.

Also blenden Sie die Klassiker aus?
Ein paar Zugeständnisse mache ich. Es steckt ja doch tief in mir drin. Und so sind „I Don‘t Wanna Get Wise“ und „All This Music Must Fade“ ähnlich strukturiert wie „The Kids Are Alright“.

Sie schreiben in „I Don‘t Wanna Get Wise“ die Zeile „We tried hard to stay young“. Was halten Sie selbst vom Altwerden?
Ich mag das Wissen, das sich mit den Jahren in mir angesammelt hat. Die Weisheit wurde größer. Ich mag auch die besser werdende Eingebung. Ich glaube sogar, dass wir mit dem Alter gewisse hellseherische Fähigkeiten entwickeln. Dieses Lied allerdings dreht sich eher darum, eben nicht zu altersweise sein zu wollen, da ein alter Knacker alle anstrengt (lacht). Alt zu werden, ohne alt zu werden – das ist die Lösung.

Sie haben 55 Jahre Rock ‘n‘ Roll ganz gut überstanden, oder?
Würde ich sagen, ja. Zumal es zwei Menschen aus unserer Band – Keith Moon und John Entwistle – sowie unsere beiden geliebten Manager nicht bis hierher geschafft haben. Und irgendwo fühlst du dich schuldig, hast ein schlechtes Gewissen, dass du noch am Leben bist. Weil du ja auch nicht großartig besser warst als die anderen.

Sie haben nicht gesünder gelebt als Keith Moon (der Schlagzeuger starb im Jahr 1978)?
Ich steckte nicht so tief in den Drogen drin wie andere, ich hörte 1967 mit Marihuana auf. Aber ich trank viel. Sehr viel. Ich habe zum Glück eine gute Leber.

Haben Sie mit 20 Jahren gedacht, diesen Beruf mit Mitte 70 noch ausüben zu können?
Ich hätte nichts dagegen gehabt. Aber mir gefiel es nicht, in einer Band zu sein. Dieses Konstrukt „Band“ war für mich immer wie ein Sicherheitsnetz. Als Kind hatte ich Probleme, meine Eltern ließen mich im Stich, ich wurde missbraucht, ich kam mit sieben zurück zu meinen Eltern und hatte eine bessere Zeit, aber als Teenager bin ich definitiv nicht gut damit zurechtgekommen, ein Teenager zu sein.

Wie sehr haben Sie den Sex-Aspekt des Rock-‘n‘-Roll-
Musikers ausgelebt?

Nicht genug.

Sie hätten gern mit mehr Frauen geschlafen?
Nein, das will ich nicht sagen. Ich war immer ziemlich zufrieden. Auf der Kunsthochschule lernte ich ein Mädchen kennen, Karen, das zwei Jahre jünger war als ich. Wir heirateten, bekamen drei Kinder und blieben dreißig Jahre lang zusammen. Und seit mittlerweile zwanzig Jahren bin ich glücklich in meiner Beziehung zu Rachel, seit drei Jahren sind wir zudem verheiratet. Aber ich war keiner von den Burschen, die Gitarrist wurden, um mit mehr Mädchen schlafen zu können.

Und Ihre Bandkollegen?
Nun ja, die schon. Sie wollten Frauen, Geld und Ruhm. Bekamen sie auch.
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