Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 50/2019 vom 10.12.2019, Foto: Getty Images
James Dyson steckt mit seinen 72 Jahren noch voller Energie.
Der König der Staubsauger
Er ist einer der reichsten Männer Großbritanniens und erlangte durch die Erfindung des beutellosen Staubsaugers Berühmtheit. Doch der Weg zum Erfolg von James Dyson ist gepflastert von finanziellen Rückschlägen und verlorenen Gerichtsverfahren, die ihn an den Rand der Verzweiflung trieben. Jetzt machte der Erfinder und Unternehmer mit dem Umzug seiner Firma nach Singapur und dem Rückzug aus der Elektroauto-Branche Schlagzeilen.
Ein Unternehmen zu gründen ist nicht einfach – davon kann James Dyson wohl ein Lied singen. Bevor der 72jährige Brite mit seiner Idee für einen beutellosen Staubsauger Erfolg hatte, brauchte er laut eigenen Angaben fünfzehn Jahre und exakt 5.127 Prototypen. Der erste Staubsauger mit Wirbelsturm-Technologie bestand gar aus Cornflakes-Schachteln, die mit Klebeband zusammengehalten wurden. Heute beschäftigt der Staubsauger-Mogul in seinem Unternehmen mehr als 12.000 Mitarbeiter in mehr als 60 Ländern, sein Privatvermögen beläuft sich auf gut 13 Milliarden Euro. Das Geheimnis seines Erfolges sieht Dyson vor allem in Durchhaltevermögen und Motivation.

Genau diese Charaktereigenschaften zeigten sich bei dem Erfinder und Geschäftsmann bereits in der Kindheit. Der am 2. Mai 1947 in der kleinen Küstenstadt Cromer geborene James Dyson fiel schon in der Schulzeit mit seinen überdurchschnittlichen Leistungen im Sport auf. Mit vierzehn Jahren gewann er sein erstes Wettrennen, dafür hat er hartnäckig trainiert. „In der Früh stand ich um sechs Uhr auf und rannte stundenlang durch die Wildnis von Norfolk. Oder ich zog abends um zehn Uhr meine Laufschuhe an und kehrte erst nach Mitternacht zurück“, berichtet Dyson in seiner Biografie „Sturm gegen den Stillstand“.

Die Welt der Technik entdeckte der Erfinder während der jährlichen Besuche bei seinem Freund Michael Brown in Somerset und erinnert sich begeistert an die Zeit zurück: „Hinter dem Haus hatte sein Vater eine Werkstatt, die ein Paradies für verrückte Erfinder war“. Was Dyson damals noch nicht wusste, genau diese Werkstatt sollte als Vorlage für den Ort dienen, an dem er später an seinen Staubsauger-Prototypen herumbasteln würde. Von seinem eigenen Vater lernte James Dyson wenig, denn der studierte Altphilologe, der sich vor allem der lateinischen Sprache und dem Altgriechischen widmete, war den größten Teil der Kindheit seines Sohnes krank und starb 1956 an Krebs. Von da an wurde der junge Dyson ein noch verbissenerer Kämpfer. „Jeder im Haus war älter als ich, ich war aber nicht bereit, immer zu verlieren, nur weil ich der Jüngste war. Das, zusammen mit dem Verlust meines Vaters, machte mich ausgesprochen durchsetzungsfähig“, erinnert er sich. Seinen Dickschädel zeigte er auch bei der Wahl des späteren Studiums. Während sein Bruder den Berufsweg des Vaters einschlug und Altphilologie studierte, verabschiedete sich Dyson von Latein und Altgriechisch. „Das einzige Schulfach, in dem ich etwas Nützliches gelernt habe, war Kunst“, rechtfertigt der spätere Erfinder sein Studium an der Byam-Shaw-Kunsthochschule in der englischen Hauptstadt London, wo er auch seine Frau Deirdre Hindmarsh kennenlernte.

Dyson zögerte nicht lange, sondern machte ihr bald darauf einen Heiratsantrag und wechselte an das „Royal College of Art“. Dort studierte Dyson zuerst Innenarchitektur, wechselte aber bald zu Möbeldesign und entschied sich schlussendlich für das Fach Gestaltung und Technik. Da seine Mutter im Alter von 50 Jahren an die Universität zurückkehrte, um englische Literatur zu studieren, zog es Dyson nach Beendigung der Kunsthochschule sofort hinaus in die Geschäftswelt. „Meine Mutter ging zur gleichen Zeit zur Uni wie ich. Deshalb hatte ich niemanden, den ich um Geld anbetteln konnte“, erklärt Dyson seine erste Praktikantenstelle als „Möchtegern-Gestalter“ im Sommer 1968, bei der er 52 britische Pfund im Monat verdiente. Es folgten einige Gestaltungsaufträge, die erste eigene Erfindung entwickelte James Dyson aber erst im Jahr 1974.

Die Idee dazu kam ihm bei der Renovierung eines alten Bauernhauses, das er für sich und seine Familie gekauft hatte. Da alles Geld in den Kauf des Hauses geflossen war, musste er selbst anpacken und verbrachte viel Zeit mit einer handelsüblichen Scheibtruhe, die ihn beinahe
in den Wahnsinn trieb, weil er mit ihr ständig im Schlamm steckenblieb. Daraufhin entwickelte Dyson die „Ballbarrow“ (zu Deutsch: Ballkarren) – eine Scheibtruhe, die anstatt des Rades mit einem Ball ausgestattet war, der das Schieben erleichtern sollte. „In den ehemaligen Schweineboxen hinter unserem Haus hatte ich lediglich mit einer Spanplatte eine Ecke abgeteilt, die als Büro dienen sollte“, beschreibt Dyson die bescheidenen Räumlichkeiten seiner ersten Firma. Die neuartige Scheibtruhe verkaufte sich gut, wurde jedoch 1977 von einer amerikanischen Firma kopiert, die im folgenden Rechtsstreit wegen des Diebstahles der Idee aber nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Dazu kamen Streitigkeiten mit den Firmen-Partnern, die 1978 dazu führten, dass Dyson die Firma verließ. „Meine Erfindung zu verlieren war, wie ein Kind zu bekommen und es dann zu verlieren. Ich war völlig am Boden“, meint Dyson über diese schwierige Zeit.

Schwer verschuldet zog er samt seiner Frau Deirdre und den drei gemeinsamen Kindern Emily, Jacob und Sam in die Ortschaft Bath. Während seine Frau die Familie mit Kunstunterricht, dem Verkauf ihrer Gemälde und Zeichenarbeiten für eine Mode-Zeitschrift finanziell über Wasser hielt, erledigte Dyson die Hausarbeit. Beim Staubsaugen fiel ihm auf, dass die Saugkraft des Gerätes nach dem Wechsel des Staubsaugerbeutels rasch wieder nachließ, das weckte wiederum seinen Erfindergeist. Er gründete eine neue Firma, richtete sich hinter dem Haus eine Werkstatt ein und verschloss sich darin den Großteil der Jahre 1979 bis 1982, um den ersten Staubsauger mit Wirbelsturm-Technologie zu entwickeln. Die Idee dahinter stammt von sogenannten Zyklonen, die eingesetzt werden, um in Sägewerken den Staub aus der Luft zu filtern. Dyson „holte sich dazu ein paar Anregungen“. „Ich wollte versuchen, selbst so ein Gerät zu bauen, fuhr in der Nacht zu einem Sägewerk und schlich mich hinein. Im Mondlicht kletterte ich auf dem Dach herum und fertigte einige Skizzen an.“ Was folgte, waren Jahre des Tüftelns und Verbesserns, bis es im Jahr 1983 endlich so weit war. Der erste funktionstüchtige, beutellose Staubsauger kam in Pastellrosa auf den Markt. Bis zur Gründung der Firma Dyson und dem Erfolg des Staubsaugers sollten weitere zehn Jahre vergehen, in denen sich James Dyson erneut mit Rechtsstreitigkeiten und Unverständnis herumschlagen musste. „Wenn es bessere Staubsauger geben könnte, hätten Hoover oder Electrolux sie schon erfunden“, lautete der Satz, den er in diesen Jahren immer und immer wieder zu hören bekam. Trotz aller Widerstände – im Mai 1992 wurde der erste beutellose Bürstensauger „Dyson Dual Cyclone“ auf die Welt losgelassen, der die Staubsauger-Landschaft bis heute aufwirbelt.

Gut 27 Jahre später umfasst das Dyson-Sortiment neben den weltbekannten Staubsaugern auch Haartrockner, Luftbefeuchter, Luftreiniger, Heizlüfter, Händetrockner und Leuchten.

Zuletzt fiel der Rebell James Dyson in den Medien negativ auf, weil er sich für einen ungeregelten Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union aussprach und die Zukunft des Landes ohne EU rosig ausmalte, nur um kurz darauf seinen Firmen- und Privatsitz nach Singapur zu verlegen, wiewohl das Stammhaus im englischen Malmesbury erhalten blieb. In Asien hat sich Dyson um etwa 54 Millionen Euro auch das höchste und teuerste Penthouse mit eigenem Weinkeller und Schwimmbecken gekauft. Zudem hatte der Erfinder große Pläne für die Entwicklung eines Elektroautos, die er jedoch kürzlich über Bord geworfen hat. „Wir sehen keine Möglichkeit mehr, die Wirtschaftlichkeit (des Projektes) zu erreichen“, erklärte Dyson.

Nun liegt die Zukunft des Unternehmens in den Händen seines Sohnes Jake, der aber nicht daran glaubt, die Firma allzubald übernehmen zu können. „Mein Vater hat eine beachtliche Energie für sein Alter. Er ist 72 Jahre alt, wirkt aber wie 25. Mein Vater lebt für dieses Unternehmen, es ist seine Leidenschaft. Jeder will, dass er so lange wie möglich dabei bleibt, und das wird er auch.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung