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Ausgabe Nr. 50/2019 vom 10.12.2019, Foto: AdobeStock
Die Folgen der Erderwärmung bedrohen
Millionen Menschen.
Unsere Erde hat „Fieber“
Das heißeste Jahrzehnt, seit es Wetteraufzeichnungen gibt, haben wir so gut wie hinter uns. Ohne weltweites Umdenken wird die Durchschnitts-Temperatur in der Atmosphäre und den Meeren um mehr als drei Grad ansteigen. Trotz aller Lippenbekenntnisse.
John Kerry war amerikanischer Außenminister und Präsidentschaftskandidat. Jetzt kämpft der Demokrat gegen den Klimawandel. „World War Zero“, heißt sein neues Klimabündnis, übersetzt in etwa Weltkrieg für den Nuller. Netto soll kein CO2 mehr in die Luft geblasen werden. Für eine Tonne des Treibhausgases müsste dafür eine Tonne gebunden werden, etwa durch Bäume.

Den grimmigen Namen hat die Initiative nicht von ungefähr. Die Erderwärmung sei eine „Frage der internationalen Sicherheit“, erklärt John Kerry, der prominente Mitstreiter hat. Neben Arnold Schwarzen-
egger sind auch die Schauspieler Leonardo DiCaprio und Ashton Kutcher oder der Sänger Sting Gründungsmitglieder.

„Wir werden versuchen, Millionen von Menschen zu erreichen, um eine Armee zu mobilisieren, die Maßnahmen gegen den Klimawandel fordert“, sagt Kerry. Mit Gemeindeversammlungen im ganzen Land soll das gelingen. Auch auf Militär-Basen und in wirtschaftlich schwachen Gebieten, wo die Menschen von „grünen Arbeitsplätzen“ profitieren könnten. Beginnen wollen die Kämpfer gegen den Klimawandel damit im Jänner.

Dass ausgerechnet im Wahljahr die Initiative beginnt, ist wohl kein Zufall. Im November stimmen die Amerikaner über einen neuen Präsidenten ab. Donald Trump ist bekannt für seine Zweifel, dass der Klimawandel von der Menschheit verursacht wird. Die Teilnahme am Pariser Klimaabkommen hat er schon aufgekündigt. Das soll den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad im Vergleich zu vorindustriellen Werten begrenzen.

Offiziell ist das Austrittsdatum zwar erst am 4. November 2020 möglich, einen Tag nach der Präsidentschaftswahl. „Die USA wären die Leidtragenden in der Zwangsjacke“ des Klimaabkommens, begründete der amerikanische Außenminister Mike Pompeo den Ausstieg. Es wäre letztlich „ungerecht“ gegenüber der Bevölkerung und den „amerikanischen Arbeitern.“

Ohne die Vereinigten Staaten, den zweitgrößten „Klima-Sünder“ nach China, ist das Pariser Abkommen deutlich weniger wert. Zumal der weltweite Kohlendioxid-Ausstoß auch zuletzt gestiegen ist.

Das Jahrzehnt von 2010 bis 2019 wird mit ziemlicher Sicherheit als das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1850 in die Geschichte eingehen. „Wenn wir nicht dringend etwas unternehmen, steuern wir auf einen Temperaturanstieg von mehr als drei Grad bis Ende des Jahrhunderts zu, mit immer ernsteren Folgen für die Menschen“, warnte Petteri Taalas, der Generalsekretär der Weltmeteorologiebehörde (WMO) kürzlich. Die WMO ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen.

Bei einer Erderwärmung um drei bis vier Grad könnte der Meeresspiegel um mehr als einen halben Meter steigen, weil das Eis der Polarregionen schmilzt. Große Gebiete würden überflutet, bis zu einer Milliarde Menschen wären davon betroffen.

Doch eine Trendumkehr ist nicht in Sicht, unsere Erde hat nach wie vor „Fieber“. Es gäbe keine Anzeichen „von einem Rückgang der Treibhausgas-Konzentrationen, trotz aller Zusagen im Pariser Klimaabkommen“, sagt der finnische Wetter-Experte Taalas. Daran wird auch die Klimakonferenz, die derzeit in Madrid (Spanien) stattfindet, nichts ändern, zu der rund 25.000 Teilnehmer angereist sind, nicht wenige mit dem Flugzeug.

So auch unser Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Allerdings, so heißt es aus der Hofburg, gebe es für Flug-Dienstreisen eine Klimakompensation. Verschiedene Unternehmen bieten diesen „Klima-Ausgleich“ an, in der Regel werden Projekte finanziert, die helfen, den CO2-Ausstoß anderswo auf der Welt zu vermeiden. Innerhalb unseres Landes fliegen der Bundespräsident und seine Mitarbeiter gar nicht mehr, bei anderen Reisen wird die Anreise mit dem Zug je nach Dauer und Terminen versucht.

Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg hingegen ist mit dem Segelboot von Amerika aus über den Atlantik gereist, um an der Klimakonferenz in Madrid teilzunehmen. Rund drei Wochen war sie unterwegs. Die 16jährige weigert sich aus Klimaschutzgründen, in ein Flugzeug zu steigen. Das letzte Stück ihrer langen Anfahrt legte sie von Lissabon (Portugal) nach Spanien mit dem Zug zurück. Mit ihrem „Schulstreik fürs Klima“ hat Greta Thunberg Abertausende Jugendliche dazu bewegt, auf die Straße zu gehen und Maßnahmen gegen die Erderwärmung zu verlangen.

Schon im Jänner versuchte sie beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz), mit drastischen Worten Spitzenpolitiker und Manager aufzurütteln: „Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt, denn das tut es. Erwachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht“, erklärte Thunberg. „Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“ Rund 65 Stunden saß die Schwedin damals für ihre Reise in die Schweiz und zurück im Zug.

Doch wer hierzulande auf die Bahn umsteigt, wird manchmal sogar „bestraft“. Für den grenzüberschreitenden Bahnverkehr muss etwa Umsatzsteuer bezahlt werden, internationale Flüge sind davon befreit. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat deshalb jetzt eine Sammelklage gegen klimaschädliche Gesetze ins Rollen gebracht. Sie will vor den Verfassungsgerichtshof ziehen. Er „kann klimaschädliche Gesetze aufheben oder den Auftrag erteilen, sie zu reparieren“, hofft der Greenpeace-Geschäftsführer Alexander Egit. „Wenn die Politik die Augen vor der Ernsthaftigkeit der Situation verschließen will, dann werden wir sie eben auf dem Rechtsweg zwingen, die Menschen in diesem Land endlich zu schützen.“

Auf der Internet-Seite „www.klimaklage.at/Mitklagen“ können sich Zugfahrer mit einer ÖBB-Vorteilskarte oder grenzüberschreitenden Zugfahrkarte anschließen.
Ob der Verfassungsgerichtshof sie akzeptiert, ist unsicher.

Der internationale Flugverkehr ist aber nur für 2,5 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Allein acht Prozent der Treibhausgase gehen allerdings allein auf die Zementproduktion zurück. Ingesamt verursacht der Verkehr 14 Prozent der Treibhausgase. Einer der größten „Klima-Sünder“ ist die Energie- und Wärmegewinnung. Wobei vor allem Kohlekraftwerke wahre Dreckschleudern sind.

Bei uns ist das Ende der Kohle bereits eingeläutet. Das Kohlekraftwerk Dürnrohr (NÖ) wurde schon stillgelegt. Auf dem Areal soll eine Photovoltaik-Anlage entstehen, die bis zu 10.000 Haushalte versorgen kann. Das Fernheizkraftwerk Mellach (Steiermark) wird in diesem Winter zum letzten Mal mit Kohle befeuert. „Dann endet die Kohleverstromung in Österreich“, sagt ein Sprecher.

Während unser Land und andere Staaten der Kohle abschwören, geht China jedoch einen anderen Weg. Im „Reich der Mitte“ sind viele Kohlekraftwerke geplant oder stehen vor der Aktivierung. Insgesamt erreichen diese Kraftwerke fast die Leistung aller Kohlekraftwerke in der EU, hat eine aktuelle Studie ergeben.

Und Teile der chinesischen Industrie wollen sogar noch mehr auf Kohle setzen. Auch außerhalb des eigenen Landes. Mehr als ein Viertel aller Kohlekraftwerke jenseits der chinesischen Grenze werden laut Berichten von China finanziert, etwa in Südafrika, Pakistan oder Bangla-
desch, sagen die Forscher. Dabei dürfte es nach Berechnungen der Vereinten Nationen bis 2050 fast gar keine Energiegewinnung mehr aus Kohle geben, wenn sich die Erde um nicht mehr als 1,5 Grad „aufheizen“ soll.

Auf der anderen Seite steckt kein Land der Welt so viel Geld in erneuerbare Energien wie China. Denn in der „grünen“ Wirtschaft liegt die Zukunft. Rund 14 Prozent des gesamten Energieverbrauches in China stammten zuletzt aus nicht-fossilen Energieträgern. Die entwickelten Länder hätten hingegen einen „unzureichenden politischen Willen“, den Klimaschutz zu unterstützen, kritisierte der chinesische Vize-Umweltminister jüngst. Das sei „das größte Problem“ im Kampf gegen den Klimawandel. Tatsächlich verbraucht ein Amerikaner im Schnitt 17 Tonnen CO2 pro Jahr. In China sind es hingegen nur sieben Tonnen, bei uns sind es 7,7 Tonnen pro Kopf.

Immer mehr Menschen verzichten angesichts erschreckender Zukunftsszenarien auf Fleisch oder den Urlaubsflug. In Summe wird das aber wohl nicht ausreichen. Es sind vor allem neue attraktive Technologien, mit denen der Klimawandel gestoppt werden kann.

Der deutsche Klimaforscher Hans von Storch erklärte vor Kurzem, wie ein weltweites Umdenken möglich sei. „Wir müssen einen Weg aufzeigen, wie wir in Wohlstand leben, mit weniger CO2-Emissionen und wie sich das finanziell lohnt.“ Und er machte klar: „Panik und Denkverbote sind miserable Ratgeber bei diesem Thema.“
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