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Ausgabe Nr. 48/2019 vom 26.11.2019
Barbara Gapp hebt mehr Kilo als jeder andere Mensch weltweit in ihrer Gewichtsklasse.
„Ich kann mein vierfaches
Körpergewicht heben“
Sie selbst ist ein „Fliegengewicht“ von 52 Kilo, hebt aber in einem gestählten Körper beim Kreuzheben mit rund 200 Kilo mehr Gewicht als jeder andere Mensch in ihrer Sparte. Die Kraftdreikampf-Europameisterin Barbara Gapp, 38, stieß Mitte dreißig erst als Mutter in die Weltelite vor und will bei der kommenden EM nachlegen.
Verrückt, aber wahr, ohne Tochter Viktoria, 4, wäre Barbara Gapp, 38, wohl niemals in der Kraftdreikampf-
Weltelite gelandet, dazu noch mit einem Beginn im fast biblischen Sportleralter von 34 Jahren. „Ich wollte mehr Zeit für mein Töchterchen haben, als ich vor Jahren vom Crossfit zum familienfreundlicheren, stressreduzierten Kraftdreikampf-Training wechselte“, erzählt sie. Damit war sie in den Übungszeiten flexibler und konnte der Tochter eine Geschichte vorlesen.

Gleich in ihrem ersten Kreuzhebe-Bewerb im Mühlviertel (OÖ) wurde Gapp Zweite, vor einem Jahr baumelte bei ihrer ersten Europameisterschaft schon Gold von ihrem Hals. „Zu diesem Zeitpunkt hatten mir viele Rivalinnen schon fünf bis zehn Jahre an Wettkampferfahrung voraus“, lacht sie. Heute kann kein Mensch in ihrer Gewichtsklasse weltweit mehr heben als sie.

Insbesondere Gapps eiserner Wille bedeutet die Fahrkarte an die Spitze, denn die starke Athletin aus Altenberg im Bezirk Freistadt (OÖ) musste ihr Körpergewicht um 20 Kilo reduzieren, bevor sie mit 52 Kilo in der Weltelite mitmischen konnte. „Ich lebe heute nach einem minutiös kalkulierten Speiseplan, in dem jedes Gummibärli notiert wird“, schmunzelt sie über die harten Bürden ihres Sports. Wenn die Mutter mit der Tochter isst, kommt bei der kleinen Vicky mitunter ein Würstel mit Ketchup auf den Teller, während die Mama zuckerfreien Milchreis mit Quinoa und Magertopfen, gewürzt mit Zitronenschale, verspeist. „Wenn wir gemeinsam ein Eis essen gehen, muss ich das zuvor in den Speiseplan einrechnen und etwas anderes weglassen.“

Gapps Spezialdisziplin ist das „Kreuzheben“, wobei Gewichte an einer langen Hantelstange mit herabhängenden Armen vom Boden aufgehoben werden, bis die Beine durchgestreckt sind. „Ich habe schon ein Mal inoffiziell mit 196 Kilo den Weltrekord in meiner Gewichtsklasse überboten und weiß, dass ich noch mehr kann“, ist sie durch immer bessere Trainingsansätze vor der am Freitag beginnenden EM in Kaunas (Litauen) so stark wie nie. „An einem guten Tag müsste ich 208 Kilo schaffen. Damit würde ich als erste Frau meines Verbandes IPF weltweit bei einem offiziellen Bewerb mein vierfaches Körpergewicht heben.“ Doch auch in den anderen beiden Disziplinen des Kraftdreikampfes steigert sie sich stetig. Beim „Bankdrücken“ liegt ihre Bestleistung bei 67,5 Kilo, wobei die Hantelstange am Rücken liegend mit den Armen emporgestreckt wird. Eine Last von 120 Kilo bewältigt sie beim „Kniebeugen“, dabei liegt die Hantelstange hinter dem Kopf auf den Schultern, während die Knie so weit gebeugt werden, dass die Oberschenkel in der Endposition leicht zum Körper hin abwärts geneigt sind. Gapp, derzeit Single und alleinerziehende Mutter, ist eine Kraftathletin mit Leib und Seele und findet ihren muskulösen Körper attraktiv und schön. „Oft wundern sich die Menschen, wenn sie mich aus der Nähe sehen“, berichtet sie. „Viele sagen: ,Du bist ja eine richtig weibliche Frau.‘“

Der Europameisterin spielt auch in die Karten, dass das harte Training nicht nur ihre Berufung, sondern auch ihr Beruf ist. „In Linz (OÖ) gehört mir das Fitnessstudio ,Cross-
fit Stahlbox‘, in dem ich als Trainerin arbeite“, erzählt sie. Ihre Kraftdreikampf-Vereinskollegen vom ASKÖ Freistadt sind oft bei ihr zu Gast. „Unser Verein beherbergt einige der stärksten Männer und Frauen unseres Landes“, verweist sie auf große Erfolge. Gewichte „zu schupfen“ bringt aber nicht nur Gapps Kassa zum Klingeln, sie profitiert auch in gesundheitlicher Hinsicht. „Manche befürchten, ich würde Körper und Gelenke mit den schweren Gewichten ruinieren. Das Gegenteil ist der Fall“, betont sie. „Nach dem Abstillen hatte ich Stillrheuma und die entzündeten Sehnen einer 80jährigen Frau.“ Durch das Krafttraining verschwanden diese Beschwerden. „Bei einem Motorradunfall war mir ein Teil des Quadrizeps am Knie abgerissen, später hatte ich Hüftprobleme. Seit ich schwere Gewichte hebe, habe ich mit Verletzungen kein Problem mehr.“ Wolfgang Kreuziger
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