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Ausgabe Nr. 48/2019 vom 26.11.2019, Foto: zVg
Gottfried Islitzer sah der Lawine ins Auge.
„Die Lawine kam direkt auf mich zu“
Lawinen, Murenabgänge und Überflutungen. Starke Unwetter im Süden und Westen unseres Landes hielten die Menschen viele Tage in Atem. Dramatisch war die Situation in Osttirol. Aufgrund der Schneemassen waren zahlreiche Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten. Für die Betroffenen bedeutete dies einen Ausnahmezustand.
Die Lawine kommt.“ Als Gottfried Islitzer, 40, aus Prägraten am Großvenediger (T) diese Sprachnachricht von einem Ortsbewohner auf sein Mobiltelefon bekam, ließ er den Löffel, mit dem er gerade gegessen hatte, fallen und stürmte aus dem Haus. „Eine Nassschneelawine kam direkt auf mich zu. Erst kurz vor meinem Haus blieb sie stehen“, erzählt der zweifache Familienvater.

Bereits im Jänner war an gleicher Stelle eine Lawine ins Tal gedonnert, „damals kam sie aber von allen Seiten daher und ging seitlich an meinem Haus vorbei.“ Diesmal bestand die Lawine laut der Gebietsbauleitung Osttirol aus etwa 30.000 Kubikmetern Schnee, das entspricht einem Volumen von rund 15 olympischen Schwimmbecken, und drei rund 30 Meter breiten Hauptarmen.

„Verletzt wurde zum Glück niemand“, erklärt der ÖVP-
Bürgermeister von Prägraten, Anton Steiner. „Jedoch mussten 71 Personen mit Hubschraubern evakuiert werden, weil die Verkehrswege abgeschnitten waren.“ Sie kamen bei Verwandten, Freunden und Bekannten sowie in Pensionen unter.

In Osttirol herrschte aufgrund riesiger Neuschneemassen und starken Regens viele Tage lang Ausnahmezustand. Vor einer „extremen Wettersituation“ hatten Experten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) bereits im Vorfeld gewarnt, sie sollten Recht behalten. In 48 Stunden schneite und regnete es stellenweise mehr als in einem gesamten durchschnittlichen November. „In Teilen unseres Landes sprechen wir sogar von 50jährigen Ereignissen“, erklärt der ZAMG-Klimatologe Alexander
Orlik.

In Osttirol waren etliche Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten, viele Menschen konnten nicht in die Arbeit fahren. Schulen und Kindergärten blieben bereits am Freitag großteils geschlossen, am Montag der Vorwoche dann alle. Zudem fiel in einer Nacht sogar in ganz Osttirol der Strom aus, 24.000 Haushalte waren betroffen.

Die Lebensmittelversorgung erwies sich daher als schwierig. Zeitweise konnte der Nahversorger von Prägraten nicht mehr mit dem Nötigsten beliefert werden. „Die M-Preis Filiale sperrte dennoch zwei Stunden am Sonntag auf, damit sich die Menschen jene Lebensmittel holen konnten, die nicht von der Unterbrechung der Kühlkette durch den Stromausfall betroffen waren“, erklärt Bürgermeister Steiner. Per Hubschrauber konnten dann am Mittwoch rund 2.500 Kilo Lebensmittel nach Prägraten geflogen werden, darunter Milchprodukte, Obst, Brot, Gemüse und Wurst. „Wir wären aber noch nicht verhungert. Ich bin stolz, dass der Zusammenhalt so gut ist“, sagt Bürgermeister Steiner.

Stolz können die Tiroler auch auf Andreas Pargger, 44, aus Abfaltersbach, Bezirk Lienz, sein. Als er in der Nachbargemeinde Anras zu einem Notfall gerufen wurde, war der ehrenamtliche „Ersthelfer“ des Roten Kreuzes sofort mit seinem Radlader zur Stelle. Denn die drei Kilometer lange Straße dorthin war durch umgestürzte Bäume blockiert. Erst durch seine Hilfe konnte der Notarzt zur Patientin durchkommen. „Es war brenzlig, aber dann konnte der Arzt die Frau entsprechend behandeln. Ein Abtransport ins Spital wäre in dieser Nacht nicht möglich gewesen. Denn die Verkehrswege waren alle gesperrt“, erzählt er.

Im Dauereinsatz befanden sich auch die Feuerwehren, berichtet der Lienzer Bezirkskommandant Herbert Oberhauser. Insgesamt rückten 38 Freiwillige Feuerwehren zu 327 Notfällen aus, 4.000 Mann waren im Einsatz. Den längsten Einsatz hatte die Feuerwehr in Lienz. „Bei der Brauerei haben wir drei Tage und drei Nächte lang Wasser abgepumpt.“ Zudem unterstützten die Florianijünger die Tiroler Netze bei der Wiederherstellung der Stromversorgung. Zahlreiche Bäume waren unter der Schneelast umgestürzt und hatten Stromleitungen sowie -masten beschädigt.

Um die stark in Mitleidenschaft gezogenen Wälder vor weiteren Schäden zu bewahren, wandte die Feuerwehr eine besondere Methode an. „Wir haben Bäume mit Wasser abgewaschen, um sie vom Schnee zu befreien. So haben wir die Last entfernt und dafür gesorgt, dass Bäume nicht auf Straßen oder Gebäude stürzen“, erklärt Feuerwehrkommandant Oberhauser. Doch die Einsatzkräfte konnten nicht überall sein. Schätzungen zufolge gibt es durch die Wetterextreme in Tirol rund 150.000 Kubikmeter Schadholz.

Betroffen ist auch der Wald einer 49jährigen Osttirolerin. Bereits im Jahr 2018 hatte der Sturm „Vaia“ mit Böen bis zu 200 Stundenkilometern einen großen Teil ihres Waldes vernichtet. „Viele Fichten waren bereits 120 Jahre alt. Gerade als wir mit den Aufräumarbeiten fertig waren und Sicherheitsnetze aufgestellt hatten, kam jetzt das Unwetter und gab dem Wald den Rest.“

Davon verschont blieben auch Salzburg, Teile der Steiermark und Kärnten nicht. Trauer herrscht in unserem südlichsten Bundesland, wo die Wetterkapriolen das erste Todesopfer forderten. Hier kam ein 79jähriger Pensionsbetreiber ums Leben, als sein Haus in Bad Kleinkirchheim von einer Mure getroffen wurde. In Bad Gastein (S) wurden zwei Frauen, 72 und 79, ebenfalls bei einem Murenabgang teils schwer verletzt. Die ältere der beiden musste notoperiert werden, ist aber außer Lebensgefahr.

Mittlerweile hat sich die Lage entspannt, mit den Aufräumarbeiten werden aber die Schäden sichtbar. Sie gehen in die Millionen. Allein in Osttirol werden die Schäden auf etwa zehn Millionen Euro geschätzt. Jetzt hoffen die Menschen auf Hilfe aus dem Katastrophenfonds. Für 2019 sind darin 475 Millionen Euro vorgesehen, 346 Millionen wurden bereits ausgezahlt. 219 Millionen davon gingen in die Katastrophenvorbeugung, 16 Millionen an private Haushalte, der Rest an Länder und Gemeinden. Im Durchschnitt bekommen Betroffene aber nur rund ein Drittel ihres Schadens ersetzt. Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Finanzminister Eduard Müller versprachen jedenfalls unbürokratische Hilfe. Sie wollen den Katastrophenfonds aufstocken. rb
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