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Ausgabe Nr. 48/2019 vom 26.11.2019, Fotos: Barbara Volkmer
Rolf Schimpf wurde 95 Jahre alt. Er lebt vergnügt im Seniorenheim.
Von 1986 bis 2009 war Schimpf „Der Alte“.
„Der Alte“ ist gut im Nehmen
Müßiggang gibt es beim Schauspieler Rolf Schimpf nicht. Selbst mit 95 Jahren nicht. Er lebt in einer Münchener (D) Seniorenresidenz, steht jeden Tag um sieben Uhr in der Früh auf und geht täglich spazieren. Den Fernseher schaltet er nicht oft ein.
Auf seiner Terrasse hat er ein Standfahrrad. Damit strampelt Rolf Schimpf immer wieder einmal gegen das Alter an. Besiegen lässt es sich freilich nicht. In die Knie zwingen lässt sich wiederum der Schauspieler vom Alter nicht. Auch wenn die Beingelenke nicht mehr so recht mitmachen. „Ich bin froh, dass ich einen Stock aus Familienbesitz zuhilfe habe“, meint Schimpf, der als „Der Alte“ in der gleichnamigen Krimireihe Beliebtheit erlangte. Heute lebt er in München (D) in einer Seniorenresidenz mit eigener Wohnung. Dort feierte er kürzlich seinen 95. Geburtstag.

Er ist noch recht gut beisammen, obwohl er kürzlich unter einer kleinen Schwäche litt. Doch Schimpf geht darüber hinweg. Er ist gut im Nehmen. Nach einer Augenoperation fällt ihm das Sehen wieder leichter. Das Hören, meint er, funktioniere ein Mal besser, ein Mal schlechter. „Im Hirn bin ich noch fit. Aber ich muss sagen: Altwerden ist kein Zuckerschlecken“, meint Schimpf, der am 14. November 1924 in der deutschen Hauptstadt Berlin geboren wurde. Als Nesthäkchen, nach Hans, Dieter und Ulla. An Vater Hans blieben nicht viele Erinnerungen, er starb bereits im Jahr 1935. Als der Rest der Familie ausgebombt wurde, zog Mutter Gretel mit den vier Kindern nach Esslingen (D) zu ihren Eltern. „Die Wurzeln meiner Familie Deffner und Schimpf liegen in Esslingen. An der Schlachthausbrücke hatte mein Großvater Ernst Schimpf eine Handschuhfabrik“, erklärt der Schauspieler. „Meine Großmutter Rosa Helene ließ in der Mettingerstraße ein ganzes Haus um 17 Meter versetzen. Ich war oft mit meinen Vettern Freder und Jörg im Deffnerschen Garten zusammen. Jenseits davon gab es eine Bahnlinie, die uns immer wieder anzog. Dort haben wir verbotenerweise gespielt.“

Seine Kindheit war glücklich, sie endete mit siebzehn Jahren, als er zum Militärdienst eingezogen wurde. Schimpf wurde von einem Geschoss am Hals getroffen und im Lazarett bekam er später noch eine Kugel von einem Franzosen ins Bein.

„Nach dem Krieg wurde ich Bürohengst, beendete dieses Intermezzo jedoch, indem ich mich für die Schauspielerei entschied.“ Im Jahr 1968 heiratete er seine Ilse, ebenfalls eine Schauspielerin, die beiden waren bis zu Ilses Tod im Jahr 2015 unzertrennlich. Sie war immer an seiner Seite. Was war das für eine erfüllte Zeit. Da konnten sie sich austauschen über den Unfug, der manchmal in der Zeitung stand. Sie hatten zu zweit an der Welt teilgenommen und sind nach einem langen Frühstück fröhlich in den Tag gegangen. Die beiden mussten viel arbeiten, um über die Runden zu kommen. Bis er „Der Alte“ wurde, war Rolf Schimpf ein heiterer Schauspieler aus der zweiten Reihe, von dem alle wussten, dass ganz viel in ihm steckt.

Aber gleich, wie viel oder wie wenig auf dem Konto war, die Schimpfs machten es sich schön. Sie nannten sich „Frau Möppelhuber“ und „Herr Möppelhuber“. Sie zogen einander auf – sie konnte freilich manchmal etwas schnippisch sein, doch das glich er mit seiner pfiffigen Lässigkeit wieder aus. Manchmal war sie auch nur laut, weil er wegen der Kriegsverletzung nicht richtig hörte – oder er hörte einfach nur ein bisschen weg. Das Paar genoss Theaterbesuche, Empfänge, Konzerte und Premierenfeiern. Wenn sie auf die Nordseeinsel Sylt auf Urlaub fuhr, ging er auf die Jagd.

Gewehre und Jagdschein hat Rolf Schimpf längst abgegeben. Den Führerschein ebenso. Jetzt sind es die kleinen Dinge, die ihn freuen. „Ich bin ein Süßer. Und wenn mir eine Freundin eine wunderbare hausgemachte Quittenmarmelade mitbringt, schlecke ich den Rest aus dem Glas und wünsche mir ein neues“, meint er mit einem Lächeln, das von seinem akkurat gestutzten Bart umrahmt wird. Da kommt der Preuße in ihm durch.

Schimpf ist stets wie aus dem Ei gepellt. Sein Tag beginnt um sieben Uhr. Zwanzig Minuten nach dem „Appell“ ist er gewaschen, das Bärtchen gestutzt und angezogen. Da gibt es keine Halbheiten. Die Hosen haben Bügelfalten, die Hemden – vorzugsweise in Weiß oder hellem Blau – sind gebügelt, die Schuhe glänzen. Der alte Herr riecht angenehm nach dem Parfum eines Mannes von Welt.

Rolf Schimpf nimmt sich Semmeln, kocht englischen Tee, deckt den Tisch mit Marmelade, Wurst und Käse. Das gute Geschirr, es sind Erinnerungsstücke an das Elternhaus, fehlt ebenfalls nicht. Er setzt sich, bestreicht eine Semmel, nimmt einen Schluck Tee und widmet sich seiner Zeitung.

Das Haus im Münchener Stadtteil Harlaching hat er gegen zwei Zimmer, Küche, Bad und Terrasse mit Blick auf die Alpen eingetauscht. Schimpf hält sich aufrecht im Leben, interessiert sich für neue Techniken und hält mit seinem Computer Kontakt zur Welt. Auch mit dem iPhone kennt er sich aus.

Den Kontakt zu Menschen will der 95jährige dennoch nicht missen. „Ich muss zwar nicht mehr die Puppen tanzen lassen“, meint der Schauspieler, „aber ich verabrede mich gern mit Freunden zum Mittagessen. Dazu trinke ich einen guten Wein und schwelge in schönen Erinnerungen.“ Nachmittags gibt es im Restaurant Kaffee und Kuchen. Er ist dann immer noch der Kavalier der alten Schule. Hat alleweil sein Augenzwinkern parat und versprüht seinen Charme bei den Damen, bei ihnen ist er der Hahn im Korb.

Fernsehen hält sich dagegen bei Schimpf mittlerweile in Grenzen. „Mit den ,jungen Formaten‘ kann ich nicht so viel anfangen. Und bei den Serien ist oft zu bemerken, dass gespart werden muss. Ich lese lieber, zur Zeit eine Napoleon-Biographie.“

Zwei Mal in der Woche ist er beim Physiotherapeuten, um die Beweglichkeit zu trainieren. „Zudem gehe ich täglich spazieren. Auch im Herbstgrau.“ Und in keiner Woche vergisst der Schauspieler auf den Besuch seiner Ilse am Friedhof. „Dort halte ich Zwiesprache mit ihr und ich wünsche mir, dass meine Ille noch da wäre.“

Barbara Volkmer
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