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Ausgabe Nr. 46/2019 vom 12.11.2019, Fotos: Markus Hintzen, Bernhard Noll
Johanna Mikl-Leitner, Thomas Szekeres
Brauchen wir mehr Medizin-Studienplätze?
Zehn Bewerber kamen zuletzt auf einen der 1.680 Medizin-Studienplätze in Wien, Graz, Innsbruck und Linz. Sie müssen einen neunstündigen Test absolvieren, 25 Prozent der Plätze gehen dann an Studierwillige aus dem Ausland. Insgesamt arbeiten aber nur sechs von zehn Medizin-Absolventen später bei uns. Obwohl die Ausbildung eines Arztes den Steuerzahler rund 400.000 Euro kostet. Die ÖVP will den Ärztemangel vor allem am Land mit einer Verdoppelung der Studienplätze bekämpfen.
JA: Johanna Mikl-Leitner,
ÖVP-Landeshauptfrau (NÖ):

„In Österreich sind wir aktuell gut aufgestellt, was den Gesundheits- und Pflegebereich betrifft. Aber wir wissen, dass hier in Zukunft einige Herausforderungen auf uns zukommen werden. Schon jetzt kommt es immer wieder vor, dass Kassenstellen für lange Zeit oder gänzlich unbesetzt bleiben. In den kommenden Jahren wird uns ein Fachkräftemangel in den Gesundheits- und Sozialberufen drohen und durch steigende Bevölkerungszahlen und den Anstieg des Durchschnittsalters werden wir mehr Ärztinnen und Ärzte benötigen. Wir sehen schon jetzt, dass wir bei den Zahlen der Medizinerinnen und Mediziner ein Ungleichgewicht in der Ausbildungskapazität und im Ärztebedarf haben. Gleichzeitig entscheiden sich viele nach ihrem Studium für eine Tätigkeit außerhalb Österreichs. Dazu kommt, dass in den nächsten zehn Jahren 50 Prozent der aktiven Ärztinnen und Ärzte in Pension gehen werden. Angesichts dieser Situation bin ich der gleichen Meinung wie die österreichischen Patientenanwälte und der Chef der Österreichischen Gesundheitskasse: Wie brauchen eine deutliche Erhöhung der Studienplätze für die Human-medizin in Österreich.“

NEIN: Thomas Szekeres,
Ärztekammer-Präsident:

„Bevor man über eine Erhöhung der Medizin-Studienplätze nachdenkt, sollten wir über die Gründe des bestehenden Ärztemangels diskutieren. Die Ärzteschaft steht vor einer Pensionierungswelle und der medizinische Nachwuchs fehlt. Nicht, weil es zu wenige Studenten gibt, sondern auch, weil derzeit 40 Prozent der Medizinstudenten nach dem Studiumsabschluss ins Ausland gehen. Sie kehren Österreich den Rücken, weil die Arbeitsbedingungen in Deutschland, der Schweiz oder in Skandinavien besser sind und dort ebenfalls ein Ärztemangel herrscht. Den Jungärzten werden dort oft neben flexiblen Arbeitszeitmodellen auch gleich eine Wohnung, ein Kindergarten- und Schulplatz für die Kinder oder ein Arbeitsplatz für den Lebenspartner mit angeboten. Daher würde die Erhöhung der Medizin-Studienplätze allein am Problem des Ärztemangels bei uns nichts ändern, sofern nicht die entsprechenden Begleitmaßnahmen auch umgesetzt werden. Andernfalls produzieren wir mit mehr Studienplätzen nur noch mehr Mediziner für das Ausland, die nach dem erfolgreichen Abschluss in Länder abwandern, in denen sie bessere Berufsbedingungen vorfinden als hierzulande.“
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