Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 46/2019 vom 12.11.2019, Fotos: Alex Singer, Thomas Knie
„Slammerella“ aus der Steiermark ist der aufgehende Stern im Frauenwrestling
Andrea Haid kleidet sich gern in ein buntes Märchengewand in Regenbogenfarben.
Da kommt was auf die Gegnerin zu
Sie ist die Prinzessin mit dem harten Schlag. Die Wrestlerin „Slammerella“ alias Andrea Haid, 28, aus Zeltweg (Stmk.) kleidet sich gern in ein buntes Märchengewand in Regenbogenfarben und prügelt ihre Gegnerinnen erfolgreich durch den Ring. Eines Tages will sie davon leben können …
Gnackwatsche, Schwitzkasten und Schulterwurf sind ihr zur zweiten Natur geworden. Kein Wunder, zwei wilde ältere Brüder sorgten in ihrer Kindheit dafür, dass Andrea Haid, 28, früh lernte, sich auf die harte Tour durchzusetzen. Wir waren vier Kinder, Rangeln war daheim alltäglich“, erzählt sie schmunzelnd von einer Kindheit im steirischen Zeltweg, in der gemeinsam mit der Familie live gesehene Wrestlingkämpfe zu Hause auf der Matratze nachgespielt wurden. Meist mit der kleinen Schwester zuunterst.

Mittlerweile schlägt Andrea Haid mitunter ihren Bruder Michael, 35, k. o. „Heute kriegen meine Brüder bare Münze zurück, was sie früher mit mir angestellt haben“, erzählt sie lachend. Da gibt es auch kein Pardon, denn die ehemals kleine, zarte Schwester gilt nun in unserem Land als aufgehender Stern im Frauenwrestling. Sie ist Stammgast in der Kraftkammer und bestreitet zwischen 20 und 30 Kämpfe im Jahr.

Am Wochenende trifft „Slammerella“, so ihr Kampfname, beim „Big Bang Wrestlingbewerb“ in Lübeck (D) auf die Deutsche Lena Sophie. Ein bezahlter Kampf, der die Steirerin in der europaweiten Wrestling-Hierarchie wieder ein Stück aufwärtsbringen sollte. „Die Regeln sind dehnbar“, erklärt sie. „Die Kämpfe selbst dauern zwischen 20 und 30 Minuten, wobei die Ringgröße von Kampf zu Kampf variiert.“ Nach dem Gong ist fast alles erlaubt, jedoch nicht das Ziehen an den Haaren, Drücken der Augen oder Attackieren des Unterleibes. Ein Duell ist vorzeitig zu Ende, wenn die Gegnerin aufgibt oder drei Sekunden mit den Schultern am Boden fixiert werden kann. Was unterm Strich bleibt, ist das Rätselraten, wie ernst die Kämpfe wirklich zu nehmen sind. Im Wrestling steht die Unterhaltung klar im Vordergrund und zumindest ein Teil des Schlagabtausches folgt einem Drehbuch.

Den Namen „Slammerella“ erfand sie selbst als Kombination der Wörter „Cinderella“, dem Aschenputtel, das zur Prinzessin wird, und „Slam“, dem englischen Wort für zuschlagen. „Ich bin ja sonst nicht gerade die typische Prinzessin“, findet Haid. „Aber meine Rolle im Ring ist die stets fröhliche, jedoch schlagkräftige Märchenfigur, das kommt bei den Menschen gut an.“ Ihre ersten Kampfdressen nähte sie selbst, mittlerweile lässt sie das Gewand bei einer Spezialistin in England anfertigen. In den Regenbogenfarben, das ist wichtig. „Im Ring stehe ich meistens Frauen gegenüber. Gerade deswegen übt es einen ganz besonderen Reiz auf mich aus, gegen Männer zu kämpfen. Warum, weiß ich nicht“, gibt Slammerella schmunzelnd zu. Die derzeit ungebundene junge Steirerin berichtet angesichts ihrer Wrestling-Leidenschaft von Bewunderung bei Männern und Ablehnung beim weiblichen Geschlecht. „Viele Frauen hatten ihr Leben lang keinen Bezug zu hartem Körperkontakt“, vermutet sie. „Dabei wäre Wrestling für sie ein idealer Schritt zu einer besseren Selbstverteidigung.“ Erst einmal konnte sie selbst den Schwitzkasten auch privat anwenden. „Das war, als beim Fortgehen ein Mann geglaubt hat, er könne sich einfach nehmen, was er will.“

Beim regelmäßigen Training in der EWA-Wrestlingschule in Wien übt Slammerella neben Schlag- und Wurftechniken auch das verletzungsfreie Fallen. „Wrestlerinnen müssen athletisch und kräftig sein, aber auch gut unterhalten können“, versichert sie. „Vor allem brauchst du eine hohe Schmerzschwelle. Ich glaube, ich bin härter im Nehmen als meine Konkurrentinnen.“ Dies trotz einer kürzlich erlittenen Schulterverletzung und täglichen Wehwehchen. „Meine Freunde und Arbeitskollegen haben sich daran gewöhnt, dass ich humpelnd oder mit blauen Flecken daherkomme“, sagt Haid, die einen akademischen Abschluss in biomedizinischer Analytik und regenerativer Medizin hat und in einem Pharmaunternehmen in Wien arbeitet.

Ihr Traum ist, eines Tages vom Wrestling leben zu können. „Das wird schwierig, ist aber möglich“, weiß sie. Bis zum erhofften Durchbruch versucht sie, in ihrer Trainingsstätte Mädchen zu fördern, die laut ihren Angaben dem Wrestling zahlreich zuströmen. „Es gibt bei uns so wenige starke Frauen, die Vorbilder sind. Es würde mich glücklich machen, wenigstens für ein kleines Mädchen selbst ein Vorbild zu sein.“ Kreuziger
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung