Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 46/2019 vom 12.11.2019, Foto: picturedesk.com
Lisa Gadenstätter, 1978 in Zell am See (S) geboren, begann ihre Karriere im Jahr 1998 beim Radiosender Ö3 und wechselte 2007 ins ORF-Fernsehen. 2018 erhielt sie den Prälat-Leopold-Ungar-Journalistinnenpreis für die Dokumentation „Schluss mit Schuld – Was der Holocaust mit mir zu tun hat“.

Seit März 2019 gestaltet und moderiert die Schifahrerin und Bergwanderin neben Hanno Settele „Dok 1“.

Seit September lädt sie donnerstags in ORF 1 zum „Talk 1“ ein. Seit 2011 ist sie mit ihrem Ö3-Kollegen Benny Hörtnagl verheiratet.
„Omas Träume hätte ich gerne gekannt“
Die Jugendträume und Wünsche 100jähriger Frauen stellt Lisa Gadenstätter in den Mittelpunkt ihrer neuen „Dok 1“-Sendung mit dem Titel „Nie zu spät“ (Do., 28.11., 20.15 Uhr, ORFeins). Die Gespräche berührten die 41jährige und erinnerten sie zugleich an ihre Oma, die heuer in ihrem 100. Lebensjahr gewesen wäre, wie die Moderatorin im Gespräch mit der WOCHE erzählt.
Frau Gadenstätter, was konkret möchten Sie mit der Doku „Nie zu spät – die Träume der 100jährigen“ aufzeigen?
Zum einen reden wir darüber, was sich alles in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Wir zeigen „Meilensteine“ wie Frauenwahlrecht, Fristenlösung und Familienrecht auf. Zum anderen erzählen drei Frauen jenseits der 100 von ihren Träumen und Berufswünschen, die sie in ihrer Jugend hatten. Frau Heise, mein Gast aus Deutschland, die mit 100 in den Stadtrat eingezogen ist, hat bereits als Mädchen gerne an Autos herumgebastelt. Mechanikerin ist sie trotzdem nicht geworden, das hätten ihre Eltern nicht gut gefunden. Eine Frau und Technik, das war damals nicht üblich. Bei mir in der Sendung nimmt sich Frau Heise dann aber gemeinsam mit einer jungen Mechanikerin ein Auto vor.

Und das machte die Dame glücklich …
Frau Heise strahlte übers ganze Gesicht. Ihr zuzusehen, wie sie am Auto und an der Motorhaube herumbastelte, war ein Vergnügen. Ebenso der Moment, als die 106jährige Wienerin Frau Zamikal ihr selbst verfasstes Muttertagsgedicht aus dem Mund der jungen Schauspielerin Tanja Raunig vorgetragen bekam. Und ich musste weinen, als die 104jährige Frau Rupar, die in einem Pflegewohnheim in der Nähe von Graz lebt, auf der Bühne des Grazer Orpheums mit der Sängerin Clara Luzia „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ sang. Frau Rupar hat als Krankenpflegerin gearbeitet. Ihr größter Wunsch als Mädchen wäre es jedoch gewesen, auf einer Bühne zu singen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die hochbetagten Damen mit der jungen Generation zusammenzuführen?
Ich habe den Partezettel meiner Großmutter, die vor fünf Jahren gestorben ist, in die Hand genommen. Meine Oma wäre heuer im 100. Lebensjahr gewesen. Plötzlich ist mir eingefallen, dass es viele Dinge gibt, die ich meine Oma noch hätte fragen wollen, beispielweise, ob es denn für sie wichtig war, wählen zu dürfen. Dann habe ich beschlossen, mit 100jährigen Frauen über all das zu sprechen, worüber ich gerne mit meiner Oma geredet hätte.

Waren Sie in Ihrer Kindheit und Jugend oft bei Ihrer Oma?
Meine Oma lebte als junges Mädchen auf einem Berg-
bauernhof in Schwarzach im Unterpinzgau (S). Ich war gerne und oft bei ihr. Was ich wirklich schade finde, ist, dass ich sie nie gefragt habe, welche Träume sie in ihrer Jugend hatte. Wenn ich meine Oma fragte, wie es ihr geht, hat sie immer mit dem Satz „Ich bin zufrieden und das ist das Wichtigste“ geantwortet. Das hat sich bei mir eingeprägt.

Welche Beziehung pflegen Sie zu Ihren Eltern? Gab es je einen Generationen-Konflikt? War Ihre Mutter immer berufstätig?
Meine Eltern hatten einen Betrieb, mein Vater war Kaminkehrermeister, meine Mama arbeitete im Büro. Schon in jungen Jahren blickte meine Mutter gerne über den Tellerrand. Bevor sie und Papa geheiratet haben, war sie zwei Jahre in Kanada. Das war damals durchaus außergewöhnlich. Immerhin muss einem bewusst sein, dass eine Frau bis 1975 die Zustimmung ihres Mannes benötigt hat, um einen Beruf ausüben zu dürfen. Ich wurde 1978 geboren, und wenn ich so überlege, ist das alles gar nicht lange her. Im Gespräch mit einer Historikern erfuhr ich außerdem, dass vor hundert Jahren die These verbreitet wurde, Frauen könnten nicht studieren, weil sie ein kleineres Gehirn als Männer hätten. Das ist absurd.

Wie haben Ihre Gesprächspartnerinnen dies damals wahrgenommen?
Da wurde nicht viel hinterfragt. Frau Zamikal erzählte mir, dass beim Mittagessen immer zuerst der Vater und die Brüder das Fleisch bekommen haben. Nur wenn was vom Braten übriggeblieben ist, haben auch die Mütter und Töchter Fleisch bekommen. Das war einfach so und wurde von den Frauen auch hingenommen. Selbstverständlich war auch, dass die Mädchen aufräumen mussten. Dem Papa machte es zwar nichts aus, über den Matador-Haufen seines Sohnes zu stolpern, aber wenn er ein Puppenkleid am Boden fand, hat er es ins Feuer geworfen.

Was können die Zuschauer aus den Gesprächen mitnehmen?
Aus den Schilderungen der 100jährigen wird einem bewusster, dass nichts selbstverständlich ist. Wir sollten unsere Rechte, die wir heute haben, mehr zu schätzen wissen.

Hat Ihre nächste Sendung auch einen persönlichen Hintergrund?
Ja, das ist mir immer wichtig. In der nächsten Sendung nehmen wir uns die Einbrecher vor. Im vorigen Jahr war ich selbst betroffen. Ich war mit meinem Mann in Zell am See bei meinen Eltern, als wir mitten in der Nacht von der Polizei erfuhren, dass in unsere Wiener Wohnung eingebrochen wurde.

Ein großer Schock …
Ja, durchaus, aber im Vergleich zu anderen Fällen, in denen Wohnungen regelrecht verwüstet und zerstört wurden, sind wir noch glimpflich davongekommen. Die Kästen waren leergeräumt und unsere Laptops sowie der vererbte Familienschmuck, was natürlich traurig ist, waren weg. Viele Betroffene haben nach Einbrüchen Angstzustände. Zum Glück habe ich alles soweit gut verarbeitet und fühle mich bei allem, was passiert ist, in meinem Zuhause sicher.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung