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Ausgabe Nr. 45/2019 vom 05.11.2019, Fotos: Gepa, Kosmosmagazin/Daniel Schreiner
Mirnesa und Mirneta Becirovic greifen nach dem achten Jiu-Jitsu-Gold
Die Zwillinge sind Revierinspektorinnen in Perchtoldsdorf (NÖ).
Die erfolgreichsten Sport-Zwillinge der Welt
Sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen, haben dasselbe Tattoo und leben in derselben Wohnung in Mauerbach (NÖ). Abseits des Sports sorgen die eineiigen Zwillinge Mirnesa und Mirneta Becirovic, 28, als Polizistinnen für Recht und Ordnung, auf der Jiu-Jitsu-Matte peilen sie ihr achtes WM-Gold an.
Erfolg mal zwei, nach diesem Strickmuster brachten es schon die US-Schi-Zwillinge Steve und Phil Mahre vor 30 Jahren gemeinsam auf drei Goldene bei Olympia und WM, und die erfolgreichen niederländischen Fußballbrüder Frank und Ronald de Boer auf eine Verewigung bei „Madame Tussauds“, wo sie zu Wachsfiguren gegossen wurden. Doch kein Duo der Sportgeschichte kann auf sieben Titel bei WM- und fünf bei EM-Bewerben zurückblicken wie Mirneta und Mirnesa Becirovic, 28, die bislang erfolgreichsten Sport-Zwillinge der Welt.

„Was wir erreicht haben, ist schön und macht uns stolz“, erklären die beiden. Mehr noch, das flotte Duo hat seit sieben Jahren keinen wichtigen Bewerb verloren und bereitet sich derzeit auf die Weltmeisterschaft in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) vor, die in der kommenden Woche über die Bühne geht. „Ehrlich gesagt, wissen wir gar nicht mehr, wie das ist, einen Titel zu verlieren. Irgendwann wird es passieren und es wird wehtun“, fürchtet Mirnesa Becirovic. Wenn es wirklich sie ist, die das sagt, denn äußerlich sind die Schwestern kaum unterscheidbar und machen sich einen Spaß daraus, mit ihrer Identität Verwirrung zu stiften. „Wie einst bei einer Ferialpraxis in einer Bank. Keiner merkte, dass wir einen Tag lang die Rollen tauschten“, meinen sie lachend. Beide mögen Hip- Hop-Musik, nennen Sushi als Lieblingsspeise und denken oft dasselbe.

Auf der Jiu-Jitsu-Matte spielen sie hingegen mit der Aufgabenverteilung „Angreiferin“ und „Verteidigerin“ stets unterschiedliche Rollen in jenem von japanischen Samuraikriegern abstammenden Kampfsport, der Elemente des Judo, Karate und Aikido verbindet. Die Schwestern sind auf die Disziplin „Duo“ spezialisiert, eine Art Schaukampf, in dem auf Zuruf eines Schiedsrichters Kampf- und Abwehrtechniken auch gegen Stock- und Messerattacken sauber und schnell durchgeführt werden müssen. Es geht darum, mit Schlägen, Tritten oder Hebelwürfen den Gegner mit dessen eigener Kraft zu besiegen. „Wegen des hohen Tempos ist der Duo-Bewerb konditionell äußerst fordernd und anspruchsvoll“, erklären die beiden.

Auf Mirnesa Becirovics Lippe prangt eine Wunde, ihrer Schwester hat sie im vorigen Jahr die Nase gebrochen. „Aber solche Sachen passieren, es ist ja ein Kampfsport“, meinen die Athletinnen. Derzeit sind die beiden Polizistinnen als „Revierinspektorinnen“ in Perchtoldsdorf (NÖ) tätig und tragen zwei Sterne auf der Schulter. Gewaltsituationen ängstigen sie nicht, sondern gehören auch dort zu ihrem täglichen Brot. „Beim Fixieren einer außer Kontrolle geratenen Frau habe ich meine Jiu-Jitsu-Technik schon anwenden können“, berichtet Mirnesa Becirovic.

Vor 27 Jahren flüchteten sie mit ihren Eltern vor dem Balkankrieg von Bosnien nach Pressbaum (NÖ), seither leben sie hier. „Wir haben die ersten 13 Jahre unseres Lebens im örtlichen Pfarrhaus gewohnt, nach kurzer Zeit hat jeder im Ort die beiden blonden Zwillinge mit den langen Haaren gekannt“, schmunzelt Mirnesa Becirovic. Heute weiß auch jeder von ihren Erfolgen, sie trafen den Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, erhielten das goldene Ehrenzeichen für Verdienste der Republik und sind auch als Botschafterinnen für Integration unterwegs. „Das ist uns als Sportlerinnen mit Migrationshintergrund ein großes Anliegen“, verrät Mirneta Becirovic. „Wir besuchen Schulen und sprechen darüber, sich in einem neuen Umfeld erfolgreich zurechtzufinden und trotzdem die Regeln zu befolgen.“

Allerdings geht die Zeit, als die Zwillinge noch fast jede Stunde des Tages zusammen verbrachten, langsam zu Ende, auch weil Mirnesa Becirovic einen Lebensgefährten hat, während Mirneta noch Single ist. „Die Freizeit verbringen wir nicht mehr gemeinsam“, sagen sie. Und auch bei der Polizei gehen die Schwestern wohl bald getrennte Wege, die eine bei der Verkehrspolizei, die andere bei der Kriminalpolizei. „Aber auf der Jiu-Jitsu-Matte“, versichern sie, „bleiben wir ein unzertrennliches Team.“ Kreuziger
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