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Ausgabe Nr. 45/2019 vom 05.11.2019, Fotos: AdobeStock, privat
Schifahrer sind besonders gefährdet
Prof. Marcus Hofbauer
Maßgeschneidert und reißfest
Ein Sturz, eine Drehung im Knie und ein lautes Knack-Geräusch. Für Tausende Schifahrer bedeutet das jedes Jahr das abrupte Ende des Wintersports. Um einen Riss des vorderen Kreuzbandes zu heilen, wird eine Ersatzsehne eingesetzt. Welche die höchste Reißfestigkeit verspricht und warum das exakte Vermessen im Knie wichtig ist, erklärt der Chirurg und Knie-Spezialist Dr. Marcus Hofbauer.
Noch sind die Schipisten in unserem Land mehrheitlich grün. Doch die Wintersportler stehen bereits in den „Startlöchern“.

So wie jedes Jahr werden wahrscheinlich auch in diesem Winter wieder mehr als vierzigtausend unter ihnen aufgrund von Stürzen die Piste gegen ein Spitalsbett tauschen. Jeder Dritte unter ihnen wird ein gerissenes vorderes Kreuzband zu beklagen haben. „Vor allem Frauen sind anfällig, da sie zur X-Bein-Stellung neigen. Diese Knieneigung nach innen begünstigt ein unvorteilhaftes Verdrehen der Beine. Zudem wirkt das Sexualhormon Östrogen negativ auf die Zugfestigkeit des vorderen Kreuzbandes. Das kann sein Reißen begünstigen“, verrät Prof. Dr. Marcus Hofbauer, Facharzt für Unfallchirurgie, Orthopädie und Traumatologie. Der Kniespezialist betreut mehrere Studien zum Thema Transplantat-Heilung nach Vorderer-Kreuzband-Herstellung und ist ärztlicher Leiter der Privatordination ArthroSportClinic in Wien (www.drhofbauer.at).

Der „Golden Standard“ hat Mängel

Um einen Riss des vorderen Kreuzbandes zu heilen, wird meist eine Operation empfohlen, die das gerissene Band durch eine körpereigene Sehne ersetzt. „Der Großteil der Patienten wird derzeit nach dem alten ‚Gold-Standard‘ operiert. Das heißt, sie bekommen als Kreuzband-Ersatz die Sehnen des hinteren Oberschenkels eingesetzt. Doch die Länge und die Dicke dieser Sehnen reicht oft nicht aus, um das vordere Kreuzband erfolgreich zu rekonstruieren. Meistens muss das Sehnenstück gefaltet werden. Das geht auf Kosten der Länge. Die Einheilung wird dadurch erschwert und die Haltbarkeit kann negativ beeinflusst werden. Der Grund, warum sie bisher häufig verwendet wurde, ist ihre leichte Entnahme, die eine Narbe an kaum sichtbarer Stelle hinterlässt. Wichtiger sollte jedoch sein, dass das neue Kreuzband reißfest bleibt und der Patient nicht nach ein paar Jahren wieder auf den Operationstisch muss“, betont Dr. Hofbauer.

Die höhere Reißkraft ist entscheidend

Die neuen Erkenntnisse aus der Forschung zeigen, das Transplantat sollte mindestens 8,5 Millimeter dick sein, um das Risiko eines erneuten Einreißens zu minimieren. Diese Qualität bringt vor allem eine Sehne mit, jene aus dem vorderen Oberschenkel.

„Diese sogenannte Quadrizepssehne ist der aufgehende Stern am Himmel. Sie übertrifft mit ihrer hohen Reißkraft die Sehne aus dem hinteren Oberschenkel, weil sie von Natur aus viel dicker ist. Ihr Vorteil gegenüber jener Sehne, die von der Kniescheibe entnommen werden kann, ist der geringere Schmerz nach der Operation, weil weniger Druck auf der Narbe lastet“, erklärt Dr. Hofbauer. Und es gibt noch einen weiteren Vorteil, der für die Quadrizepssehne spricht. Dem Patienten bleibt nach der Entnahme ein Großteil der Sehne am vorderen Oberschenkel erhalten. Wird die Sehne aus dem hinteren Oberschenkel entnommen, fehlt am Ende das ganze Stück. Dieses Fehlen der Sehne am hinteren Oberschenkel ist für Patienten bei bestimmten Bewegungen spürbar. Dieses Problem gibt es am vorderen Oberschenkel nicht.“

Anatomisch bis ins Detail angepasst

Damit ein neues vorderes Kreuzband seine Aufgabe erfüllen kann und das Kniegelenk stabil hält, ist nicht nur die Dicke der Sehne wichtig. „Ganz entscheidend ist, dass jeder Patient einen Kreuzband-Ersatz bekommt, der auf die Maße in seinem Knie abgestimmt ist. Was für Herrn Mayer gut ist, muss nicht für Frau Müller gut sein“, erzählt der Knie-Spezialist.

Tatsache ist, die Abstände im Knie, etwa zwischen den beiden Ansatzpunkten des Kreuzbandes, können deutliche Unterschiede aufweisen. „Bei dem einen Patienten ist der Abstand kurz, beim anderen Patienten länger. Mit der Körpergröße des Patienten hat das nichts zu tun. Das muss bei der Wahl des transplantierten Sehnenstückes, beim Positionieren und beim Einsetzen auf den Millimeter genau berücksichtigt werden. Nur dann ist garantiert, dass der Patient mit seinem neuen Kreuzband zufrieden sein wird, das Knie stabil bleibt und er keine Probleme beim Bewegen des Knies hat“, erläutert Dr. Hofbauer den Trend weg vom Kreuzband „von der Stange“ hin zum „maßgeschneiderten“ Kreuzband.

Geduld ist nach der OP eine wichtige Tugend

Zu guter Letzt haben jüngste Studien gezeigt, dass viele ärztliche Vorhersagen über die vollständige Einheilung des Transplantates viel zu kurz gefasst sind. „Es gibt immer wieder die Versprechen, das neue vordere Kreuzband wäre nach sechs oder neun Monaten komplett belastbar. Das ist viel zu früh. Die eingesetzte Sehne muss nicht nur an ihren Ansatzpunkten einheilen. Sie muss vom Körper zuerst in ein Band umgewandelt werden. Eine Sehne ist Kollagengewebe, das sich in gewissem Maße dehnen lässt. Ein Band hat diese Eigenschaft nicht, denn es muss dem Gelenk Stabilität geben. Dieser Prozess der Umwandlung dauert etwa ein Jahr. Wird das neue vordere Kreuzband zu früh sportlich belastet, kann das der direkte Weg zu einer neuen Operation sein.“
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