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Ausgabe Nr. 45/2019 vom 05.11.2019, Foto: AdobeStock
Pflicht-Zölibat stammt aus dem Mittelalter

Erst im Jahr 1139 wurde das Zölibat Voraussetzung für die Weihe von römisch-katholischen Priestern. Der damalige Papst wollte mit dieser verschärften Regel unter anderem verhindern, dass Kirchenbesitz an die Nachkommen vererbt wird. Das Wort Zölibat stammt vom lateinischen
„caelebs“, unvermählt ab. Doch noch jahrhundertelang lebten Priester und kirchliche Würdenträger offen mit Frauen zusammen.

Heute ist das Zölibat im Canon 277 des katholischen Kirchenrechts geregelt. Darin heißt es: „Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren.“
Das Kreuz mit dem Pflicht-Zölibat
Die katholische Kirche plagen Nachwuchs-Sorgen. Ein Grund dafür ist wohl auch das Pflicht-Zölibat. Doch bald könnten zumindest in entlegenen Gebieten auch verheiratete Männer geweiht werden. Das schlagen zumindest die Bischöfe vor.
Papst Franziskus ist nicht aus Stein. „Als Seminarist verzauberte mich ein junges Ding, das ich auf der Hochzeit eines Onkels kennenlernte“, erzählte er, als er noch Kardinal und Erzbischof von Buenos Aires (Argentinien) war. „Ihre Schönheit, ihre intellektuelle Ausstrahlung überraschten mich. Na ja, ich war eine ganze Zeit lang belämmert, sie ging mir nicht aus dem Kopf.“ Eine ganze Woche konnte er nicht beten, immer, wenn er dazu ansetzte, spukte ihm das Mädchen im Kopf herum.

Letztendlich entschied sich Jorge Mario Bergoglio für die Kirche. Und damit für die lebenslange Enthaltsamkeit. „Es ist eine Frage der Disziplin, nicht des Glaubens“, sagte der Papst drei Jahre vor seiner Wahl über das Zölibat im Interview-Buch „Über Himmel und Erde“ (Riemann Verlag). „Es kann geändert werden. Mir persönlich ist es nie durch den Kopf gegangen zu heiraten.“

Doch die kürzlich beendete Amazonien-Synode hat das Pflicht-Zölibat so sehr ins Wanken gebracht wie nie zuvor. Die Mehrheit der 185 Mitglieder, hauptsächlich Bischöfe sowie einige Ordensmänner, stimmten für eine Ausnahmeregelung im südamerikanischen Amazonas-Gebiet. Dort sollen auch Familienväter zu Priestern geweiht werden können. Denn in manchen Gemeinden wird nur zwei Mal im Jahr die Messe gefeiert.

Auch Kardinal Christoph Schönborn hat in Rom (Italien) dafür gestimmt. Allerdings ist der Wiener Erzbischof überzeugt: „Die ehelose Form des priesterlichen Dienstes bleibt das Grundmuster.“

Die künftigen zölibatsfreien Priester sollen aus dem Kreis der „ständigen Diakone“ kommen. Zu solchen können seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) auch Männer geweiht werden, die bereits verheiratet sind. Sie werden für die bestehende Ehe vom Zölibat entbunden. Diakone dürfen Taufen und Beerdigungen vornehmen, allerdings weder die Krankensalbung spenden noch eine Messfeier leiten. Bei uns gibt es derzeit 746 ständige Diakone.

Der Wiener Theologe Paul Zulehner begrüßt den Vorstoß. „Der Vorschlag, dass es künftig zwei Arten von Priestern geben soll, hat viel für sich. Die eine Art ist, jemand fühlt die Berufung zum Priesteramt, studiert Theologie, stellt das Heiraten zurück und lässt sich zum ,Missionar und Gemeindegründer‘ weihen“, erklärt der Wissenschaftler und katholische Priester. „Die andere Art kommt aus den lebendigen Gemeinden, denen die Kirche keinen ehelosen Priester mehr zur Verfügung stellen kann. Sie wählen dann Personen, die in der Leitung der Gemeinde erfahren sind und das Vertrauen der Menschen besitzen. Sie werden ausgebildet, geweiht und sollten in einem Team von Priestern arbeiten. Ihre Hauptaufgabe ist dann nicht, Gemeinden zu gründen, sondern bestehende Gemeinden zu leiten. Vielleicht öffnet sich bei dieser zweiten Art alsbald auch der Zugang für Frauen.“

Zulehner selbst will mit der Online-Petition „#Amazonien auch bei uns“ die Bischofskonferenzen aufrufen, dem Papst „mutige Vorschläge zur Milderung des Priestermangels zu machen“. Der Weg zum Priestertum soll auch hierzulande Verheirateten über das Diakonat offenstehen.

Das Verhältnis von Priestern zu Gläubigen ist bei uns zwar weitgehend stabil. Zuletzt standen den gut fünf Millionen Katholiken 3.857 Priester gegenüber. Allerdings werden die Gottesmänner immer älter, in der Regel arbeiten sie bis zum 75. Geburtstag. Und heuer wurden nur 26 Priester geweiht.

Die evangelische Kirche klagt nicht über einen Pfarrermangel. Wohl auch, weil es kein Zölibat gibt. Drei Viertel der 260 evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer in unserem Land sind verheiratet. „Sie sind in den Pfarrgemeinden als geistliche Amtsträger sichtbar, aber auch als Familien, als Singles, als Mütter und Väter mit ihren Kindern und auch bei der Bewältigung des Familienalltags“, beschreibt die evangelische Oberkirchenrätin Ingrid Bachler. Sie teilen damit alle „Erfahrungen ihrer Gemeindemitglieder“.

Das ist in der römisch-katholischen Kirche noch Zukunftsmusik. Das letzte Wort zu den jüngsten Bischofs-Vorschlägen hat aber der Papst. Er will sich noch vor Weihnachten dazu äußern.

In seltenen Fällen, etwa wenn sich anglikanische oder evangelische verheiratete Priester dem Katholizismus zuwenden, gibt es bereits jetzt Zölibats-Ausnahmen. Und in der „Ostkirche“, etwa der griechischen-katholischen Kirche, können Priester verheiratet sein. „Es sind sehr gute Seelsorger“, erklärte der heutige Papst Franziskus vor neun Jahren. Sollte es je zu einer Überprüfung des Zölibats kommen, dann aus kulturellen Gründen wie in der Ostkirche, meinte er damals. „Nicht so sehr als allgemeine Option.“
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