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Ausgabe Nr. 44/2019 vom 28.10.2019, Fotos: AdobeStock
Es gibt keinen Grund, seine Tränen zu
verstecken
So helfen Sie, wenn ein Mensch weint oder trauert
Setzen Sie ein Zeichen. Bieten Sie ein Taschentuch an, reichen Sie ein Glas Wasser, legen Sie eine Hand auf die Schulter des Weinenden.
Fragen Sie, ob und wie Sie helfen können.
Vorsicht, einen Menschen in den Arm zu nehmen, ist eine äußerst persönliche, vertraute Geste.
Nehmen Sie es nicht persönlich, wenn Sie der Betroffene abweist und sich zurückzieht. Trauernde freuen sich über Anteilnahme. Weniger durch ständiges Fragen nach dem Befinden, sondern durch Hilfsangebote im Alltag (etwa für den Trauernden Einkäufe erledigen).
Trauer hat kein allgemein gültiges Ablaufdatum. Jeder Mensch trauert unterschiedlich lange, mitunter ist der Schmerz über den Verlust lebenslang. Setzen Sie Trauernde daher nicht unter Druck.
Tränen helfen bei Trauer
Im Laufe des Lebens produzieren wir rund achtzig Liter Tränen. Unbemerkt versorgen sie unsere Hornhaut und schwemmen kleinste Fremdkörper aus den Augen. Aufmerksam werden wir, wenn Gefühle die Tränen überschießen lassen. Doch nicht jeder Mensch „kann“ weinen und warum wir bei starken Gefühlen weinen, ist auch noch nicht ganz geklärt.
Weinen, plärren, heulen. Wenn es ums Tränenvergießen geht, gibt es zwischen Frauen und Männern große Unterschiede. Sechs bis siebzehn Mal im Jahr weinen Männer, während Frauen im selben Zeitraum dreißig bis sechzig Mal ihren Tränen freien Lauf lassen. Dauert eine tränenreiche Phase bei Männern rund drei Minuten, versiegen die Tränen der Frauen nach etwa sechs Minuten. Meist mit einem Schluchzen, das Männern wiederum fast fremd ist.

„Frauen weinen am ehesten, wenn sie sich unzulänglich fühlen, vor schwer lösbaren Konflikten stehen oder sie sich vergangener Lebensepisoden erinnern. Männer weinen mehr aus Mitgefühl oder wenn die eigene Beziehung gescheitert ist“, verrät Professor Dr. Christian Ohrloff, Sprecher der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (Augenheilkunde), die zahlreiche Daten über Tränen und das Phänomen des „Tränenvergießens“ ermittelte.

Weinen ist Kultur

Tatsache ist, bis zum 13. Lebensjahr weinen Buben und Mädchen in unserem Kulturkreis etwa gleich häufig. Später ändert sich das, denn die Erziehung und der kulturelle Hintergrund beeinflussen das Wein-Verhalten jedes einzelnen. In Japan etwa sind es Menschen nicht gewöhnt, ihre Gefühle oder gar ihre Tränen offen zu zeigen. In eigenen Seminaren können Japaner daher das Weinen „erlernen“, lassen sich trösten und fühlen sich danach gut. In vielen südlichen Ländern hingegen ist das laute, fast theatralische Weinen, Schluchzen und Schreien am Grab eines Angehörigen ein gesellschaftlich akzeptiertes Zeichen der tiefen Trauer.

Der Ruf „Komm zurück!“

Ob laut oder leise, unser emotionales Weinen ist für die Forscher noch immer ein wenig rätselhaft. „Eine Erklärung für das Weinen kann die Bindungstheorie sein. Der Mensch ist ein soziales Wesen und versucht, im Bund zusammenzubleiben. Babys weinen, wenn sich die Mutter entfernt. Mit seinem Weinen ‚ruft‘ es die Mutter, seine Bindungsperson, zurück. Dies könnte ebenso für Erwachsene gelten. Das emotionale Weinen ist eine Art ‚Ruf‘. Der Versuch, den geliebten Menschen, der nicht mehr da ist, zurückzuholen“, sagt Mag. Marion Kronberger, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin aus Wien.

Eine andere Erklärung fürs Weinen ist, Helfer und Tröster auf den Plan zu rufen. Wer allein vor sich hin weint, erlebt möglicherweise keine Erleichterung, sondern fühlt sich immer noch schlecht. Die Stimmung verbessert sich, wenn ein zweiter Mensch anwesend ist. Vielleicht ist dies die ursprüngliche biologische Bedeutung. Wir weinen, um Trost zu finden.

Tränen ohne Gefühle

Tränen fließen nicht nur, wenn uns „das Herz übergeht“. Neben emotionalen Tränen gibt es die basalen Tränen, die unser Auge feucht halten und die Hornhaut ernähren sowie Reflex-Tränen. Sie schießen ins Auge, wenn ein äußerer Reiz wie der schwefelhaltige Reizstoff in Zwiebeln, grelles Licht oder Kälte auf das Auge trifft.

Gleich, aus welchem Grund die Tränen fließen, jede einzelne wird in den Tränendrüsen gebildet. Gebogen wie eine kleine Bohne liegt am Rande, über dem rechten und linken oberen Augenlid, je eine Tränendrüse. Ihr wässriges, leicht salziges Sekret wird über mehrere Gänge in das Gewölbe des Bindehautsackes geleitet und über den Lidschlag auf der Hornhaut verteilt. Über die Tränenpünktchen und -gänge im inneren Augenwinkel fließen die Tränen wieder ab und gelangen bei ausreichender Menge über den Tränennasengang in die Nase. Der Grund, warum sich Weinende meist schnäuzen müssen.

Magenschmerz statt Tränen

Ob ein Mensch emotionale Tränen und Trauer zulässt, ist individuell.
„Prinzipiell wird das Weinen als eine gewisse Erleichterung empfunden. Wer Tränen zulassen kann, tut sich mit der Trauer leichter. Doch manche Menschen verbieten sich das Weinen, wollen das Gefühl nicht zulassen. Andere tun sich schwer, Gefühle zu zeigen. Sie wenden sich anderen Dingen zu, beschäftigen sich auf andere Weise mit dem Verlust oder dem Schicksalsschlag. Es besteht aber dann die Gefahr, dass sich der Schmerz in körperlichen Beschwerden wie Magen- oder Zahnschmerzen äußert“, erklärt die klinische Psychologin.

Hat ein Mensch das Gefühl, er kann nicht mehr weinen oder er möchte weinen, es gelingt aber nicht, ist das nicht ungewöhnlich. „Jede Trauer hat Phasen. Es gibt dabei Gefühle wie Schmerz, Wut und Schuld. Meist werden die Phasen des Weinens weniger und kürzer. Das Weinen beruhigt sich mit der Zeit, auch wenn der Schmerz noch da ist und noch länger bleibt.“
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