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Ausgabe Nr. 44/2019 vom 28.10.2019, Foto: All mauritius
Zentralfriedhof bei Nacht Führungen:
Samstags um 18, 19 und 20.30 Uhr, bis Ende März,
Sonderführungen am 31.10., 1.11. und 2.11.,
maximal 25 Personen
Treffpunkt:
Wiener Zentralfriedhof,
Haupttor (Tor 2),
Preis: 38 Euro p.P., 29 Euro (14–20 Jahre) und Senioren ab 65 Jahren
Information:
GabiTours,
Tel.: 0663/032 340 09,
www.gabitours.at
Nachts am Zentralfriedhof
Um den Zentralfriedhof in Wien ranken sich viele Geschichten. Eine, die sie alle kennt, ist Gabi Saeidi. Sie führt Besucher nachts durch die zweitgrößte Bestattungsstätte Europas. Die Historikerin erzählt von dreisten Grabräubern, lebendig Begrabenen, schaurigen Bestattungsritualen und einem Tier, das liebend gerne Kerzen frisst.
Wenn es dunkel wird, schließen sich die Tore des Zentralfriedhofes in Wien. Nachts ist das Betreten von Europas flächenmäßig zweitgrößter Ruhestätte der Verstorbenen nicht möglich. Nur samstags wird eine Ausnahme gemacht.

Bei der barrierefreien „Führung zum Fürchten“ führt die Historikerin Gabi Saeidi Interessierte zu schaurig schönen Gräbern und erzählt skurrile Geschichten sowie Wissenswertes über die Bestattungskultur in der Bundeshauptstadt. Drei Millionen Menschen sind am Zentralfriedhof begraben.

„Die Wiener haben ein spezielles Verhältnis zum Tod. Es ist fast schon eine Liebesbeziehung. Nicht umsonst gibt es das Lied ,Der Tod muss ein Wiener sein‘“, sagt die 36jährige.

Der Zentralfriedhof wurde 1874 weit außerhalb der Stadt eröffnet. Friedhöfe hatten bereits zur Zeit des Reformkaisers Joseph II. nichts in der Innenstadt verloren. Er wollte die Toten so weit weg wie möglich beerdigen. „Es gab im 19. Jahrhundert eine berechtigte Sorge vor Seuchen und eine weniger berechtigte Angst vor Wiedergängern. Das sind verstorbene Personen, die sich aus ihrem Grab erheben, um den Lebenden das Blut auszusaugen“, erklärt die Historikerin.

Damit keine Toten unter den Lebenden umherirren, wurden die Verstorbenen mit Steinen beschwert, in den Särgen festgenagelt oder es wurde ihnen der Kopf abgeschnitten. „Der Kopf wurde ihnen im Sarg zu den Füßen gelegt, damit der Verstorbene, sollte er aufwachen, seinen Kopf nicht findet“, schmunzelt Saeidi.

Die einzigen, die des Nachts zwischen den Gräbern wandeln, sind die Fremdenführerin und ihre Gäste. Je tiefer sie in den Friedhof vordringen, desto dunkler wird es. Die letzte lichtspendende Laterne am Eingang haben sie längst hinter sich gelassen. Hier und da flackern Grabkerzen. Manchmal kommt die beleuchtete Karl-Borromäus-Kirche ins Blickfeld, die aber immer wieder von den hohen Bäumen verdeckt wird.

Saeidi geht voran und leuchtet mit ihrer Taschenlampe den Weg. „Die größte Angst der Wiener war, lebendig begraben zu werden“, erzählt die 36jährige. „Bei der Exhumierung einer Gruft wurden an einem Sargdeckel Kratzspuren entdeckt. Die Leiche lag mit dem Rücken nach oben im Sarg. Ein Beweis dafür, dass der Verstorbene wohl doch noch nicht tot war.“

Um dem Scheintod zu entrinnen, gibt es in Japan einen neuen Trend. „Die Menschen lassen sich mit einem Mobiltelefon beerdigen. Dann können sie anrufen, falls sie aufwachen. Vorausgesetzt, sie liegen in keinem Funkloch“, schmunzelt Saeidi.

Einer, der auf Nummer sicher gehen wollte, war Johann Nestroy. „Er ließ an sich einen Herzstich durchführen. Nestroy wurde samt Stahlstilett im Herzen beerdigt“, erzählt Saeidi, während sie die Gruppe zum Grab des Dramaturgen leitet.

Nach ein paar Minuten geht die Gruppe weiter zur letzten Ruhestätte von Ludwig van Beethoven. Plötzlich erklingen seltsame Geräusche. Saeidi hatte anfangs noch davor gewarnt, dass sich Rehe am Friedhof tummeln, die Besucher manchmal erschrecken. Doch selbst die scheuen Tiere sind nicht zu so viel Lärm fähig.

Am Grab von Ludwig van Beethoven angekommen, folgt die Erklärung. Rasensprenger haben vor seiner Ruhestätte eine Überschwemmung verursacht. Nun kommen erstmals die Taschenlampen, die Saeidi am Anfang der Tour jedem Teilnehmer ausgehändigt hat, zum Einsatz.

Mit großen Schritten steigen die Nachtschwärmer über die Pfützen und versammeln sich vor dem Grab des Komponisten. Dort erfahren sie, dass der Schädel nicht jener des Musikers ist. „Beethoven ließ seinen Schädel nach seinem Tod obduzieren, um festzustellen, warum er taub wurde. Der echte Schädel verschwand. Ein anderer wurde so präpariert, dass er dem des Komponisten ähnlich sieht.“ Eine Ursache für Beethovens Taubheit wurde übrigens nicht gefunden.

Dass derart viele Prominente auf dem Zentralfriedhof beerdigt sind, ist kein Zufall. „Der Friedhof war bei den Wienern unbeliebt. Grabstätten prominenter Verstorbener sollten ihn attraktiver machen.“ Im Falle von Johann Strauss zog er aber Grabräuber an. Ein Tscheche teilte der Friedhofsverwaltung in einem Brief mit, dass er im Besitz der Zahnprothese des Komponisten sei. „Das konnten die Mitarbeiter anfangs nicht glauben, doch es entsprach der Wahrheit. Der Raub galt als verjährt, weil er mehr als ein Jahr zurücklag.“

Die Friedhofsverwaltung erhält auch häufig Beschwerden über verwüstete Gräber. Daran sind keine Menschen schuld, sondern ein Vogel. „Die Saatkrähe liebt es, Friedhofskerzen zu verspeisen. Sie lässt sie auf die Grabsteine plumpsen, damit sie zerbrechen und sie die abgesplitterten Teile fressen kann.“

In dem zweistündigen Rundgang führt Saeidi die Besucher auch zum Grab von Helmut Qualtinger, dem Besucher gerne eine Flasche Schnaps zum Grabstein stellen. Kurz vor dem Ausgang schaltet die Wienerin dann ihre Taschenlampe aus, damit die Besucher noch ein Mal die Dunkelheit erleben können, ehe sie ins Lichtermeer der Stadt zurückkehren. widlak
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