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Ausgabe Nr. 44/2019 vom 28.10.2019, Foto: picturedesk
Norbert Rier wurde am 14. April 1960 in Kastelruth in Südtirol geboren. Bekannt geworden ist er als Sänger und Frontmann der volkstümlichen Musikgruppe „Kastelruther Spatzen“, die es seit 1979 gibt. Im Hauptberuf Landwirt und Betreiber einer Haflinger-Zucht, lebt der Musiker mit seiner Frau Isabella, 60, auf dem Fuschghof in den Dolomiten. Die beiden sind seit 1983 verheiratet und haben vier Kinder. Sohn Alexander Rier, 34, ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und ebenfalls als Schlagersänger unterwegs.
Ich war mit meiner Trauer nicht allein“
Norbert Rier, 59, Sänger und Frontmann der Südtiroler Volksmusikgruppe „Kastelruther Spatzen“, geht es nach einer schweren Operation am Herzen endlich wieder besser. Der Musiker sprach mit der WOCHE über seine tausend Schutzengel, den Verlust seiner Geschwister, das neue Album und welche Wünsche er noch hat.
Herr Rier, Ihr neues Album heißt „Feuervogel flieg“. Wie kamen Sie auf die mythische Vogelgestalt?
Uns ist schon zu Ohren gekommen, dass der Liedtext zu „Feuervogel flieg“ ziemlich unter die Haut geht. Da trauert ein alter Mann um seine verstorbene Frau. Leicht vom Alkohol benebelt, sieht er seine geliebte Gattin als Feuervogel am Himmel. Dabei wird seine ganze Sehnsucht frei, die ihn an die Liebe seines Lebens erinnert.

Klingt etwas traurig …
Muss es nicht unbedingt sein. Denn der Mann durchlebt ja noch einmal alle Gefühle, die ihn mit seiner Frau verbanden. Natürlich ist das bewegend, weil Sehnsucht durchaus eine traurige Facette hat. Mir ging es ähnlich, als zwei Geschwister von mir verstorben sind. Mein jüngster Bruder ist mit zwei Jahren unter einen Traktor-Anhänger gekommen. Eine Ankerung hatte sich gelöst, der Anhänger stürzte um und begrub meinen Bruder unter sich. Meine Schwester ist mit zehn Jahren auf dem Schulweg gestürzt und hat sich dabei ihr Knie aufgeschlagen. In Folge bekam sie eine Blutvergiftung, die von den Ärzten falsch behandelt wurde. Sie hat eine falsche Spritze bekommen, an der sie leider verstorben ist.

Wie sind Sie damals mit der Trauer zurechtgekommen?
Ich war mit meiner Trauer nicht allein. Wir waren eine große Familie und elf Kinder. Nach dem Tod von Bruder und Schwester haben wir uns gegenseitig getröstet. Über den Verlust und den Schmerz zu reden, hat uns allen geholfen. Und wir dachten oft daran, wie schön die Zeit mit ihnen war.

Sie standen dem Tod auch schon nahe …
Ich glaube, dass ich tausend Schutzengel habe. Ein Mal bin ich mit dem Traktor fast in eine Schlucht gestürzt. Dann passierte der Autounfall, als mein Wagen mit voller Wucht gegen eine Leitplanke prallte. Und meine Herz-Operation vor zwei Jahren, da war es wirklich kurz vor zwölf. Meine Herzklappe war porös. Seither genieße ich das Leben noch mehr als vorher und empfinde jeden Tag als Geschenk.

Sind Sie demütiger geworden?
Ja, denn nichts ist selbstverständlich, schon gar nicht die Gesundheit. Die lässt sich vielleicht durch ein gesünderes Leben ein bisschen steuern, aber vor Unfällen oder einer porösen Herzklappe ist niemand gefeit. Ganz wichtig ist, sich nicht vom Stress-Hamsterrad kaputtmachen zu lassen und alles gelassener zu sehen. Fast jeder Streit ist eigentlich unnötig.

Streiten Sie oft?
Überhaupt nicht, zum Glück (lacht). Das mag vielleicht daran liegen, dass ich naturverbunden bin und unseren Bauernhof, die gute Luft, das Bodenständige und die Tiere bei mir in Südtirol liebe. Ich sitze gerne auf der Alm und genieße den Sonnenuntergang.

Wie in einem Heimatroman …
Ja, auch wenn das jemand für puren Kitsch hält. Aber was ist bitte schlecht an Kitsch? Unserer Musik wird gerne nachgesagt, dass wir damit eine heile Welt vorgaukeln. Aber wer möchte denn eine kaputte, böse Welt? Und wir gaukeln keine heile Welt vor, das wäre Betrug. Und Betrug liegt mir ganz und gar nicht.

Auch keine Schummeleien oder Lügen?
Nein, für mich steht Ehrlichkeit an erster Stelle. Lügen ist anstrengend und Betrügen erst recht. Aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich durfte und darf geradlinig durchs Leben gehen.

Und ein treuer Ehemann sind Sie auch?
Ich hoffe doch (lacht). Nein, im Ernst, Treue und Vertrauen sind für mich die Basis einer Ehe. Obwohl ich erst 22 Jahre alt war, als Isabella und ich geheiratet haben, nahm ich mein Ehegelöbnis damals genauso ernst wie fast 40 Jahre später.

Machen Sie im Haushalt „halbe-halbe“?
Ich kann nicht kochen, dafür esse ich gerne, am liebsten Hausmanns-Kost wie Kaspress- oder Speckknödel und Gröstl. Das klingt jetzt nicht „gesund“, aber ich übertreibe ja nicht. Jedenfalls schmeißt meine Frau den Haushalt und ich züchte Haflinger-Pferde und betreibe die Landwirtschaft.

Und Sie machen Musik …
Natürlich, die brauche ich. Die Musik ist mein Lebenselixier und jeder Auftritt ein Genuss für mich. Zu sehen, wie sich das Publikum freut, mitmacht und fröhlich ist, bereitet mir eine riesige Freude. Das ist ein Geschenk. Was gibt es Schöneres, als sich zu unterhalten, abzuschalten, den Alltag zu vergessen und sich schlicht und einfach wohlzufühlen.

Sind Sie ein Glücksmensch?

Ja, ich denke schon. Nachdem es mir nach der HerzOperation wieder gut ging, saß ich oft wie ein kleines Kind draußen auf unserer Hofbank, habe ganz tief Luft geholt und, so kitschig sich das anhören mag, gespürt, wie meinen Körper ein Glücksgefühl durchströmte. Dass ich leben darf und dass es mir wieder gut geht, ist unbeschreiblich schön.

Hatten Sie Todesangst, als Ihr Leben auf der Kippe stand?

Angst war es nicht. Ich war absolut benommen, alles fühlte sich so unwirklich an, dass ich gar nicht richtig denken konnte. Wenn der Körper so schwach ist, ist wohl auch der Geist nicht fähig zu arbeiten. Ich fühlte mich unglaublich hilflos, irgendwie lahmgelegt und komplett unfähig, etwas zu tun.

Haben Sie in diesem Moment Ihr Leben Revue passieren lassen?

Nein, ich hatte kein Nahtoderlebnis, von dem es heißt, dass das Leben noch einmal an einem vorbeizieht. Erst später, als es mir besser ging, blickte ich zurück auf mein Leben. Und das Schöne ist, ich war glücklich dabei und weiß meinen bisherigen Lebensweg zu schätzen. Ich sage nur, danke, danke, danke.

Haben Sie keine Wünsche mehr? Meinen Sie, irgendetwas verpasst zu haben?

Weder habe ich etwas verpasst, noch bereue ich etwas. Höchstens, dass ich manchmal zu blauäugig war oder noch bin (lacht). Aber das ist in Ordnung. Bei den Wünschen steht für mich die Gesundheit immer an oberster Stelle. Vorstellen könnte ich mir vielleicht einen Aufenthalt auf einer amerikanischen Pferdefarm mit Cowboys, Westernreiten und Country-Musik-Konzerten. Ansonsten bin ich wunschlos glücklich.
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