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Ausgabe Nr. 44/2019 vom 28.10.2019, Foto: picturedesk
Schipisten werden immer früher präpariert. Umweltschützern ist das ein Graus.
Der zweifelhafte Drang, der Erste zu sein
Der Winter muss gar nicht kommen, könnte das Motto der Bergbahn Kitzbühel (T) lauten. Denn obwohl die Temperaturen im Oktober zuletzt auf 20 Grad kletterten, wurde hier schon eine Schipiste präpariert. Dafür wurde Schnee aus dem vorigen Winter gelagert und erneut auf die Strecke verteilt. Umweltschützer sind darüber besorgt.
Unser Ziel ist, dass die Menschen 200 Tage im Jahr Schi fahren können“, erklärt Josef Burger, Vorstandsvorsitzender der Bergbahn AG Kitzbühel (T). Wie das funktionieren soll, zeigen Fotos, die in den vergangenen Tagen um die ganze Welt gingen und auf viel Kritik stießen.

Auf der 1.800 Meter hohen Resterhöhe bei Mittersill (S), die von der Bergbahn Kitzbühel betrieben wird, bahnt sich seit rund zwei Wochen eine etwa 700 Meter lange, 60 Meter breite und 80 Zentimeter hohe Schneezunge ihren Weg durch die grüne Landschaft bis zur Talstation auf etwa 1.300 Metern Seehöhe. Rund 30.000 Kubikmeter Schnee liegt hier verteilt. Das reicht, um 15 olympische Schwimmbecken zu füllen.

Auf der Piste brettern bereits einige Schifahrer gen Tal. „Das Angebot wird gerade von Schiklubs gut angenommen“, sagt Burger, zumal Temperaturen der vergangenen Tage von bis zu 20 Grad der Piste nur wenig anhaben konnten. Die Bergbahn Kitzbühel geht bereits zum sechsten Mal in Folge mit einer Piste aus „Altschnee“ in Betrieb.

Um dies zu ermöglichen, wird Schnee aus dem vergangenen Winter zu riesigen Haufen aufgetürmt und mit Hartschaum-Isoliermatten sowie Plastik abgedeckt. Darüber kommt Vlies als Schutz vor der Sonne und der UV-Strahlung. Zum Saisonbeginn wird der Schnee wieder auf die Piste verschoben. „Das ist günstiger und umweltfreundlicher als Schneekanonen. Der ökologische Fußabdruck stimmt“, sagt Burger. Umweltrechtlich sei alles abgesegnet, und wenn die Nachfrage gegeben sei, wolle er auch in den nächsten Jahren so früh die Saison beginnen.

Kritik kommt jedoch von der Vorarlberger Naturschutzanwältin Katharina Lins. „Es ist unklar, ob die Materialien zum Abdecken des Schnees nicht in weiterer Folge die Umgebung verschmutzen. Zudem bleibt aufgrund des dichten Schnees in den Depots die Vegetation wesentlich länger bedeckt, was sich nachweislich negativ auf die Artenzusammensetzung auswirkt.“ Auch die Verteilung des Schnees durch Pistenraupen, die viele Schadstoffe ausstoßen, sei problematisch. Zudem liege auf besagter Piste auch reichlich Kunstschnee aus dem vorigen Jahr, der langsamer schmilzt als natürlicher Schnee.

Von Umwelt- und Klimaschützern wird Kunstschnee immer wieder heftig kritisiert, weil zur Herstellung riesige Mengen von Strom und Wasser benötigt werden. Das Wasser kommt aus zahlreichen extra angelegten Speicherseen, die wiederum aus Flüssen, Bächen und Seen gespeist werden. Dort bedrohen die niedrigen Wasserstände die Fische.

Ob Kunstschnee verwendet oder auf Schneedepots zurückgegriffen wird, den Preis dafür müssen die Schifahrer berappen. Gerade Kitzbühel gehört mit bis zu 60 Euro für eine Tageskarte zu den teuersten Schigebieten, für die Resterhöhe müssen derzeit 40 Euro hingeblättert werden.

Unsere deutschen Nachbarn kommen dennoch gerne zu uns, der Tourismussprecher der Tiroler Grünen, Georg Kaltschmid, sieht angesichts der künstlichen Piste bereits die „Piefke-Saga“ Realität geworden. Die beliebte Fernsehserie aus den 90er Jahren thematisierte auf satirische Weise das Verhältnis zwischen Tirolern und deutschen Touristen.

Dieser Tage scheint die Piefke-Saga wieder um eine Facette reicher geworden zu sein, denn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ruft zum Urlaubsboykott auf, in Anspielung auf die von Tirols ÖVP-Landeshauptmann Günther Platter verhängten Fahrverbote. Er ließ bestimmte Landstraßen jetzt auch für den Winter für Durchreisende sperren, um die Ortskerne zu entlasten. „Offenkundig ist es so, dass die Tiroler Straßen so überfordert sind, dass der Schiurlaub dort wenig Sinn macht“, meint Söder. rb
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