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Ausgabe Nr. 43/2019 vom 22.10.2019
„Blondie“-Sängerin Debbie Harry, 74, lässt ihr Leben Revue passieren.
„Ich liebte den Drogenrausch
Die amerikanische Sängerin Debbie Harry, 74, wuchs als Adoptivkind in einem Armenviertel auf. Später führte sie der Erfolg ihrer Kultgruppe „Blondie“ in die Heroinsucht und in einen Bankrott. Auch Missbrauch musste sie erfahren, zudem entging sie nur knapp einem Serienmörder. In ihrer Biografie „Face it“ lässt die Mode-, Musik- und Kunstikone, die sich für den Umweltschutz engagiert, keine schlimme Erfahrung aus.
Als Kind hasste Debbie Harry ihr Aussehen und mied es, fotografiert zu werden. Dass ihr Gesicht mit den markanten Wangenknochen und dem herzförmigen Mund einmal das Markenzeichen der Rockgruppe „Blondie“ sein würde, ahnte sie nicht. Die heute 74jährige Sängerin war in ihrer Blütezeit zur Mode-, Musik- und Kunstikone einer ganzen Generation geworden. In ihrer Biografie „Face it“ erzählt sie über die Schattenseiten ihrer Glitzerwelt.

Ihr Leben begann jedoch weit abseits des Rampenlichtes. Debbie Harry erblickte das Licht der Welt als Angela Trimble am 1. Juli 1945 in Miami im amerikanischen Bundesstaat Florida (USA). Ihre Mutter verliebte sich als Teenager unsterblich, jedoch verboten deren Eltern die Beziehung. Jahre später wurde sie von ihrer Jugendliebe schwanger, gab die kleine Angela aber zur Adoption frei. „So war das, ich bin eben ein Kind der Liebe“, sagt Harry.

Aufgewachsen ist die spätere Sängerin in der Stadt Hawthorne im Bundesstaat New Jersey bei ihren Adoptiveltern. Sie gaben ihr den Namen Deborah. „Wir lebten in einem Armenviertel nahe dem Goffle Brook Park, wo ich mich gerne herumtrieb. Meine Eltern warnten mich zwar vor den Obdachlosen dort, doch für mich war es ein magischer Ort, ein Märchenwald.“

Das eigentliche Märchen, von dem die junge Debbie jedoch träumte, war jenes einer Künstlerkarriere. „Ich besaß ein kleines Radioköfferchen, dessen Bedienfeld nach dem Aufdrehen wie eine Art Sonnenaufgang zum Vorschein kam. Ständig klebte mein Ohr am Lautsprecher, um Musik zu hören“, sagt Harry, für die feststand, selbt ein „Star“ zu werden.

Ihre streng katholischen Eltern wollten davon nichts wissen. „Meine Mutter hatte für Künstler nichts übrig. Oft sagte sie höhnisch, ‚Oh, du bist ja so eine Künstlerin‘, was mich wahnsinnig machte.“ Sie selbst konnte mit den moralischen Vorstellungen ihrer konservativen Eltern nichts anfangen. „Ich hatte ständig Beziehungen zu Burschen. Allein die Vorstellung an ein biederes Vorstadtleben mit Heiraten und Kinderkriegen jagte mir einen Schrecken ein.“

Die Schule konnte ihr hingegen keinen Schrecken einjagen. Die Sängerin galt als gute Schülerin. Ihre Eltern schickten sie daher auf ein College, doch das junge Mädchen hatte andere Pläne. „Ich wollte nur raus in die weite Welt“, sagt Harry, die ihre Ausbildung abbrach und mit 19 Jahren nach New York zog. Dort fand sie eine kleine Wohnung um nur 67 Dollar Monatsmiete am St. Mark‘s Place. Um über die Runden zu kommen, arbeitete sie als Sekretärin, Tänzerin oder Kosmetikerin. Obendrein kellnerte sie in einem „Playboy Club“, wo sie leichtbekleidet männliche Gäste bediente. „Nach acht oder neun Monaten hatte ich davon aber endgültig die Nase voll.“

Später fand sie eine Anstellung als Bedienung im „Max‘s Kansas City“. „Hier verkehrten Künstler wie Andy Warhol († 1987), Iggy Pop, 72, und David Bowie († 2016)“, erzählt sie. Mit ihnen sollte Harry später eng befreundet sein. Sie begann, an ihrer Karriere zu basteln. Gemeinsam mit zwei Musikerinnen gründete sie die Gruppe „The Stilettos“, mit der sie erste Bühnenerfahrungen sammelte.

Zu dieser Zeit lernte sie auch den Gitarristen Chris Stein, 69, kennen, mit dem sie 15 Jahre lang liiert war. „Zum Glück trat er in mein Leben“, sagt sie. Denn mit ihm stellte sich auch der musikalische Erfolg ein. Gemeinsam gründeten sie im Jahr 1974 die Musikgruppe „Blondie“, vier Jahre später gelang ihnen der Durchbruch mit dem Lied „Denis“. Mit „Heart of Glass“ landeten sie 1979 ihren größten Erfolg. „Mein Charakter in der Gruppe war eine aufblasbare Puppe mit einer dunklen, provokanten, aggressiven Seite. Ich habe diese Rolle nur gespielt, sie war aber absolut ernst gemeint“, sagt Harry, die zudem in zahlreichen Filmen und Serien mitwirkte.

Doch der Erfolg hatte auch seine Schattenseiten. Bereits in ihrer Zeit als Kellnerin hatte sie Kontakt mit der Droge Heroin. Als erfolgreiche Musikerin nahm sie davon noch mehr. „Ich liebte den Rausch, um mich zu betäuben. Zudem war es schick, Heroin zu nehmen.“ Auch ihr Freund Chris Stein war dem Drogenrausch verfallen und bekam gesundheitliche Probleme. „Obendrein machten wir im Hinblick auf das Geschäftliche unserer Gruppe ‚Blondie‘ alles Erdenkliche falsch. Deswegen waren wir irgendwann pleite und verloren sogar unser Zuhause“, sagt die 74jährige. Es dauerte eine Weile, bis sich das Paar finanziell wieder erholte.

Erholen musste sich Harry auch, als sie und ihr Freund in den 70er Jahren von einem Einbrecher überfallen wurden. Er hatte es auf die Gitarren von Chris Stein abgesehen, vorher fesselte er beide und vergewaltigte Harry. „Zum Glück geschah das alles in der Zeit vor AIDS, sonst wäre ich vermutlich durchgedreht.“

Den zweiten großen Schreckmoment in ihrem Leben erlebte sie, als sie beinahe einem Serienmörder ins Netz ging. „Der Mann nahm mich in seinem Auto mit, als ich Panik bekam, die Tür öffnete und in einer Kurve aus dem Auto geschleudert wurde.“ Jahre später sah sie in der Zeitung ein Bild des gerade hingerichteten Serienmörders Ted Bundy († 1989), der mindestens 30 junge Frauen und Mädchen auf dem Gewissen hatte. „Laut Polizei war er nie in New York. Doch ich bin sicher, dass er es war“, sagt Harry, die überzeugt ist, dass sie im Leben generell viel Glück gehabt hat.

Glück hatte sie auch noch einmal kurz vor der Jahrtausendwende, als sich „Blondie“ mit dem Lied „Maria“ zurückmeldeten, und es damit weltweit in die Hitparaden schafften. Danach wurde es ruhig um die in New York lebende, kinderlos gebliebene Künstlerin. Sie setzt sich immer wieder für Menschenrechte und Umweltthemen ein, wie den Schutz von Bienen. Auf der Bühne steht sie hier und da ebenfalls noch. „Ich habe bei meinen Konzerten gelernt, dass es immer am besten ist, wenn das Publikum noch mehr will. Das ist bei mir zum Glück der Fall.“ rb
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