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Ausgabe Nr. 43/2019 vom 22.10.2019, Foto: Getty Images
Joaquin Phoenix
„Aus Angst griff ich zur Zigarette“
Der neue Film „Joker“ wirft die Diskussion auf, wie gewalttätig Kino sein darf. Joaquin Phoenix, 44, stellt darin äußerst drastisch einen irre gewordenen Einzelgänger dar. Privat ist der Schauspieler das Gegenteil des bösartig lachenden, mordenden Horror-Clowns – ein nachdenklicher und feinfühliger Charakter.
Was ist Ihres Erachtens so interessant an der Figur des „Jokers“, der unter anderem schon von Jack Nicholson und Heath Ledger dargestellt wurde?
Vielleicht ist es das Unbeschreibliche an „Joker“. Möglicherweise liegt der Ursprung des Faszinierenden in meiner eigenen Kindheit. (Anm: Phoenix‘ Eltern waren Missionare der umstrittenen Sekte „Kinder Gottes“. Sie reisten mit ihren Kindern durch Mittel- und Südamerika, den Familiennamen änderten sie in „Phoenix“ , nach dem mystischen Vogel, der sich aus seiner Asche erhebt.)

Hatten Sie Angst vor dem schwierigen Thema?
Ich liebe Gefahr und musste entscheiden, ob ich in der Lage wäre, Komplexität und Menschlichkeit in eine angeblich böse Person zu bringen. Während ich das Drehbuch las, fragte ich mich, warum wir etwas machen sollten, das diesen Schurken sympathisch darstellt? Es ist ein schwieriger Film, der starke Gefühle auslöst, was gut ist. Meine Freundin Rooney fragte mich, ob es mir bewusst sei, wie viele großartige Gelegenheiten zum Filmemachen ich schon hatte. Ich antwortete ihr, ja, und ich wüsste nicht, ob ich je besser spielen werde als in „Joker“. Es war
eine unglaubliche Erfahrung.

Was entgegnen Sie den Kritikern?
Ich denke, die meisten von uns können zwischen Gut und Böse unterscheiden. Es liegt nicht in der Verantwortung eines Filmemachers, dem Publikum Moral beizubringen. Ein Mensch mit gefühlsmäßigen Störungen kann überall explosiven Treibstoff finden.

Was ist beim Filmemachen am schönsten?
Filmen ist ein ständiges Manipulieren. Ich gehöre zu den Schauspielern, die während der Drehpausen nicht aus ihrer Rolle schlüpfen. Von dem Charakter, den ich spiele, werde ich besessen. Dabei übertreibe ich es manchmal und spüre dann das Adrenalin durch meinen Körper rasen. Das ist wie bei Kindern, die ein Super-Fahrrad bekommen und rufen: „Das ist wahnsinnig.“ So geht es mir vor den Kameras. Vor Aufregung bekomme ich Magenschmerzen. Tage vor dem Beginn der Arbeit wird mir schlecht.

Ist der Ruhm für Sie ein Problem?
Sich selbst ständig vor der Kamera zu sehen, kann einen größwahnsinnig machen. Ich halte mich nicht für wichtig, im Grunde bin ich scheu. Ich wusste auch nicht, wie berühmt mein Bruder war. (Anm.: River Phoenix starb im Oktober 1993 an einer Überdosis Heroin und Kokain. Joaquin, damals 19, wurde Zeuge seines Kollapses und wählte den Notruf.) Ich habe damals kaum ferngesehen. Plötzlich schien es, als würde die ganze Welt vor unserer Tür stehen. Das war ein Schock, ich sah viel Hässliches. Heute sagen manche Menschen zu mir, ich könnte alles haben, was ich will. Das macht mich nervös. Ich bin zwar überzeugt davon, dass ich immer Arbeit finden werde. Aber es muss etwas sein, das für mich eine Bedeutung hat.

War Ihr Bruder River ein Vorbild für Sie?
Als ich 15 war, ließ mich River das Boxer-Drama „Wie ein wilder Stier“ ansehen und sagte zu mir, „Du wirst schauspielen, das ist es, was du tun wirst.“ Er fragte mich nicht, er befahl es mir. Nach dem Tod meines Bruders war mein Leben ein Jahr lang völlig durcheinander. Wir hatten darüber gesprochen, wie es sein würde, als 50jährige zu leben und zu arbeiten.

Es ist dann anders gekommen …
Ich finde mein Leben langweilig und bin viel mehr ein Klischee, als mancher glauben mag. Außer zu arbeiten
will ich nichts tun. Ich hatte es immer schwierig. Jetzt, da ich älter werde, ist es in Ordnung für mich. Früher
dachte ich jedes Mal, vielleicht mache ich eine schlech-
te Erfahrung, vielleicht macht es mir auch keinen Spaß,
oder vielleicht fühle ich mich danach ausgebrannt. Mit
diesen Gedanken ist nun Schluss. Ich habe zu mir selbst
gefunden. Das erhält mich, ich liebe mein Leben …

… und Ihre Verlobte, Rooney Mara, mit der Sie als Jesus in „Maria Magdalena“ spielten …
Während der Dreharbeiten dachte ich, dass mich Rooney verachtet. Später stellte ich fest, dass sie nur schüchtern war. Ich erinnere mich noch an die Szene, als ich mich in sie verliebte. Das war, als Maria Magdalena Jesus die Füße wusch, da geschah etwas mit mir.

Wurden Sie sich bei den Dreharbeiten Ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst?
Ich denke nicht oft ans Sterben. Wenn ich das täte, würde ich mich schämen. Es wäre ein Hinweis auf das Alter. Ich fühle es aber noch nicht.

Haben Sie für die „Jesus“-Rolle besondere Recherchen angestellt?
Es gibt viel Material über Jesus – und auch viele Widersprüche. Was am Ende zählt, ist sein Charakter. Schließlich geht es um einen Mann, der nicht sterben wollte. Er wollte leben, so wie wir alle. Diese menschlichen Qualitäten zu finden, das war für mich das Wichtigste.

Was tun Sie, um sich gesund sowie geistig und körperlich fit zu halten?
Ich bin Vegetarier, drücke aber meine Überzeugung anderen Menschen nicht aufs Auge. Und Süßigkeiten schmecken mir nicht.

Rauchen Sie immer noch?
Es ist nun ein Jahr her, als ich das letzte Mal vergeblich versucht habe, das Rauchen aufzugeben. Ich war sogar bei einem Hypnotiseur. Wir begannen zu reden, aber nach kurzer Zeit schlief ich ein. Ein paar Stunden später wachte ich auf. Der Hypnotiseur war weg, nur seine Frau war noch da. Ich sagte zu ihr, dass ich leider eingeschlafen sei, weshalb ich mit dem Doktor nicht reden konnte. Sie meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, denn ich hatte sehr wohl geredet. Ich drehte durch, verließ fluchtartig die Praxis, kaufte mir Zigaretten und rauchte – aus Angst vor dem, was ich wohl alles in der Hypnose verraten hatte.
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