Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 42/2019 vom 15.10.2019, Fotos: dpa, Lorenz Huter
Besucher-Andrang an der Praxis des „Bergdoktors“.
Der „Bergdoktor“ bringt nicht jedem Heil
Der Tourismus in dem kleinem Dorf Ellmau in Tirol floriert. Immer mehr Menschen pilgern Jahr für Jahr zur Praxis des berühmten Fernseh-Arztes Martin Gruber aus der Serie „Der Bergdoktor“. Über den zunehmenden Besucherstrom sind jedoch nicht alle glücklich. Die Anrainer beschweren sich über Touristenmassen, die die Straße blockieren und ihre Grundstücke als Toilette missbrauchen.
Eingebettet zwischen dem Gebirge des Wilden Kaisers im Norden und dem Hartkaiser im Süden liegt das idyllische Dorf Ellmau. Ort der beliebten Serie „Der Bergdoktor“ mit Hans Sigl, 50, in der Hauptrolle. Auf den ersten Blick wirkt alles ruhig und harmonisch. Ein perfekter Platz, um dem Stress des Alltages zu entfliehen und die Natur sowie den wunderschönen Ausblick zu genießen. Doch hinter zugezogenen Gardinen herrscht ein unerbittlicher Streit zwischen den Anrainern des „Bergdoktor“-Hauses und der Gemeinde Ellmau.

Ein paar hundert Meter weiter hinein in die Ortschaft zeigt sich auch der Grund dafür. Eine Schar von Menschen zieht hinauf zur Praxis des berühmten Fernseh-Arztes und versperrt, oben angekommen, die Straße. Ein Bild, das sich immer häufiger zeigt, denn die seit dem Jahr 2007 gedrehte Serie zieht immer mehr Besucher an. Das ehemalige Bauernhaus, das für die Dreharbeiten zur Arzt-Praxis umfunktioniert wird, liegt direkt an einer steilen, nicht einsehbaren Kurve, die zum Leidwesen der Autofahrer den perfekten Punkt zum Fotografieren des Hauses darstellt. „Bisher war das kein großes Problem, aber die Besucher werden eben mehr und jetzt ist aufgrund der Lage des Hauses ein Nadelöhr entstanden“, erklärt Bürgermeister Nikolaus Manzl die Problematik. „Wir haben aber gerade erst die Zusage der Nachbarin bekommen, dass wir den Weg verbessern dürfen. Geplant ist ein Gehweg, der von der Straße getrennt ist. Außerdem werden wir versuchen, eine kleine Plattform zum Fotografieren zu errichten, um die Menschen von der Straße wegzubekommen.“

So recht daran glauben will das eine der Anrainerinnen des „Bergdoktor“-Hauses nicht. „Die Gemeinde sagt seit drei Jahren, dass etwas unternommen wird, aber da tut sich nichts.“ Sichtlich ungehalten erzählt sie von den Menschenmassen, die sich täglich an ihrem Haus vorbeischieben und trotz Seilabsperrung immer wieder ihr Grundstück betreten. „Einmal ging es sogar so weit, dass uns jemand in den Garten pinkeln wollte. Da hört sich der Spaß auf. Wenn es nach mir ginge, würde ich das ,Bergdoktor‘-Haus abreißen lassen“, erklärt die erboste Nachbarin.

Um die erhitzten Gemüter zu beruhigen, wurden bereits erste Schritte zur Verbesserung der Lage getroffen. Dank Tourismusverband steht vor dem Objekt der Begierde nun ein Sicherheits-Mann, der für Recht und Ordnung sorgen soll. Auch das Problem mit der fehlenden Toilette wurde vorerst behoben und auf der Rückseite der Praxis ein mobiles Klo aufgestellt. „Ja, es gibt seit ein paar Tagen ein Dixi-Klo als Sofortmaßnahme. Das ist gut, aber nicht mehr als ein Placebo“, meint Bürgermeister Manzl. „Es gibt aber Verhandlungen mit dem Eigentümer des Bauernhauses, der das Haus umbauen und dadurch auch eine Lösung für die fehlenden Toiletten schaffen möchte.“

Verständnis seitens des Bürgermeisters und des Tourismusverbandes für die Anrainer ist da, hat aber ihre Grenzen. „Die Nachbarn wollen sich abgrenzen, das ist auch verständlich und wird machbar sein. Wofür ich aber kein Verständnis habe, ist, wenn die Autofahrer in der engen Kurve beim ,Bergdoktor‘-Haus nicht ihre Geschwindigkeit drosseln“, erklärt Mandl und rügt auch die Wildpinkler scharf: „Ich verstehe, wenn der eine oder andere Fall die Privatsphäre der Nachbarn übertritt, noch dazu, wenn sich jemand ungehörig benimmt. Auf das Grundstück zu pinkeln gehört sich nicht, da wäre ich genauso verärgert“, sagt der Bürgermeister.

Trotz aller Streitigkeiten – in einer Sache sind sich Bewohner und Bürgermeister einig. Der „Bergdoktor“ ist gut für den Tourismus. „Wir werden für den ganzen Rummel ein wenig entschädigt“, meint eine Nachbarin versöhnlich, denn aufgrund der Lage neben der „Bergdoktor“-Praxis sind die Zimmer gut gebucht. Für Bürgermeister Manzl ist die Serie für die Region gar ein „Lottosechser“. „Der ganze Ort lebt davon. Ich habe selber einen Betrieb und vermiete Zimmer. Ich habe Gäste aus allen Schichten und aus allen Regionen. Aus unserem Land, aus Deutschland und der Schweiz, von Jung bis Alt.“

Christiane und Andreas Beinstingel aus Oberhausen in Nordrhein-Westfalen (D) etwa sind extra wegen des „Berg-
doktors“ angereist und sind von der Natur Ellmaus begeistert. „Meine Frau ist eine große Hans-Sigl-Anhängerin, aber ich komme auch auf meine Kosten, denn diese Wiesen hier sind einfach unglaublich“, schwärmt Herr Beinstingel. Streitigkeiten hin oder her, auch für Theresia Richter und Rita Wassermann zählt bei ihrem Besuch nur eines – ein Foto mit Hans Sigl oder zumindest seinem Alter Ego aus Karton. „Der Hans Sigl ist mein Lieblingsschauspieler und ich bin sogar schon zum zweiten Mal hier in Ellmau“, meint Richter.

Touristen wie sie beleben den 2.800 Einwohner zählenden Ort, in dem es mittlerweile 5.000 Gästebetten gibt. In der vorigen Saison verzeichnete der Tourismusverband 830.000 Nächtigungen. „Das liegt aber nicht nur am ,Bergdoktor‘, sondern vor allem an der günstigen Lage. Besonders viele Besucher kommen aus Deutschland, wir haben die ersten Berge und das erste Schigebiet nach der Grenze“, erklärt der Bürgermeister.

„Vor hundert Jahren mussten wir unsere Kinder zum Arbeiten ins Schwabenland schicken, heute holen wir die Menschen von dort zu uns.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung