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Ausgabe Nr. 42/2019 vom 15.10.2019, Fotos: zVg
Daniela Leinweber, 43, fing an zu sporteln und marschierte 1.000 Kilometer in zwei Monaten. So verlor sie 65 Kilos.
Leinwebers Familie ist stolz auf sie. Die Töchter Claudia (li.) und Angelina (2. v. re.) sowie ihr Mann Peter (re.).
Schritt für Schritt in ein neues Leben
Mit 142 Kilo Körpergewicht vom Wandern zu träumen, ist eine Sache, diesen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen, eine andere. Daniela Leinweber aus Ternitz (NÖ) gab sich dennoch einen Ruck, fing an zu trainieren und bestritt den mehr als 1.000 Kilometer langen „South West Coast Path“ in England. In knapp zwei Monaten verlor sie zahlreiche Kilos und gewann viel Lebensfreude zurück. Ihre Geschichte erzählt sie in dem Buch „Schritt für Schritt“.
Das Geheimnis voranzukommen ist, überhaupt erst loszugehen“, sagt Daniela Leinweber, 43, die sich vor mehr als einem Jahr in ihr größtes Abenteuer stürzte. Denn die stark übergewichtige Frau aus Ternitz (NÖ) wollte ihr Leben von Grund auf ändern. Dafür fing sie an zu trainieren und nahm gemeinsam mit ihrem Mann den berüchtigten „South West Coast Path“ in Angriff, Großbritanniens längsten ausgeschilderten Fernwanderweg an der Südwestküste.

Er erstreckt sich über 1.014 Kilometer von Minehead in Somerset entlang der malerischen Küsten von Devon und Cornwall bis nach Poole Harbour in Dorset. Rund 35.000 Meter Gesamthöhe musste Leinweber dafür erklimmen, das Vierfache der Höhe des Mount Everest (8.848 Meter). Bereits zuvor hatte sie stark abgenommen. Die knapp neunwöchige Wanderung, die sie in ihrem Buch „Schritt für Schritt“ dokumentiert, ließ bei Leinweber erneut etliche Kilos purzeln und sie viel Lebensfreude zurückgewinnen.

Denn Jahre zuvor wog die zweifache Mutter bei 1,65 Meter Größe 142 Kilo, von sportlicher Betätigung keine Spur. Den Großteil ihres Lebens kämpfte sie daher gegen massives Übergewicht der Adipositas-Stufe drei. „Weiter rauf geht es zumindest statistisch gesehen nicht. Schon Stufensteigen war für mich eine Katastrophe, zudem wurde ich ausgelacht und verspottet. Das hinterließ Spuren in meiner Seele“, sagt Leinweber, für die klar war, dass sich etwas ändern musste.

„Die einzige Sportart, die infrage kam, war Nordic Walking.“ Das ausdauernde Gehen unter Einsatz von zwei Stöcken war für Leinweber ein Lichtblick. „Ich probierte mich immer wieder an heimischen Wanderwegen, etwa nach Mariazell (Stmk.) oder in die Wachau (NÖ).“ Leinweber verlor durch das Gehen und Diäten 56 Kilo, was eine operative Hautstraffung an den Oberarmen, der Brust und dem Bauch nötig machte.

Jetzt fühlte sie sich bereit, gemeinsam mit ihrem Mann Peter, 46, den „South West Coast Path“ in Angriff zu nehmen, nichts ahnend, welche Strapazen ihr noch bevorstehen würden. „Ich kannte die atemberaubende Küstenlandschaft im Süden Großbritanniens bereits von einer Rundreise. Zudem spielen hier die Filme der englischen Schriftstellerin Rosamunde Pilcher († 2019)“, sagt sie.

Schon die ersten Wandertage hatten es in sich. Sie nahmen ihren Ausgang im vorigen Jahr im Juli bei strahlend schönem Wetter in der Stadt Minehead in der Grafschaft Somerset. „Der schwere Rucksack und die unsägliche Hitze Englands, mit der wir nicht gerechnet hatten, ließen uns an unserem Unterfangen zweifeln. Oft gab es keinen Knochen in meinem Körper, den ich nicht spürte“, sagt sie. Denn schon am dritten Tag wartete auf die beiden Weitwanderer der „Great Hangman“, die höchste Erhebung des gesamten Weges. „Der Aufstieg war steil und kräftezehrend.“ Am Gipfelkreuz angekommen, bot sich dem Ehepaar jedoch die wunderschöne Aussicht von Englands höchster Klippe. 244 Meter geht es hier bergab.

Nicht weniger eindrucksvoll war der Anblick des berühmten „Blackchurch Rock“ am Mouthmill Strand, „eines spektakulären Felsens in Form eines Doppelbogens, der für seinen Reichtum an Goniatitfossilien bekannt ist“, erzählt Leinweber, die ihre Wanderung von Tag zu Tag mehr genoss. „Je länger wir gingen, desto fitter wurden wir, auch wenn wir uns zwischendurch nach einem Bus oder Taxi sehnten“, sagt sie. Vorbei an steilen Klippen und tiefen Schluchten präsentierte sich die Natur von ihrer eindrucksvollsten Seite und Begegnungen mit interessanten Menschen, mit denen die beiden ein Stück des Weges bestritten, ließen sie durchhalten und weiterwandern.

Doch zwei Monate und mehr als 1.000 Kilometer sind lang. „Schlechtes Wetter, noch schlechtere Quartiere und großes Heimweh sorgten dafür, dass unsere Stimmung gegen Ende an einem Tiefpunkt angelangt war“, gesteht die 43jährige. Wenige Tage vor dem Ziel standen Leinweber und ihr Mann vor der schwierigsten Etappe. „Die letzte Wegstrecke wird schon bei schönem Wetter als extrem anstrengend beschrieben“, sagt sie. „Weil es aber auch noch in Strömen regnete, waren die Stufen nahe des Klippenrandes rutschig, was äußerst nervenaufreibend war.“

Der Höhepunkt war, als sie am letzten Tag die „Old Harry Rocks“, drei Kalksteinformationen auf der Halbinsel Isle of Purbeck passierten. „Der Legende nach handelt es sich hier um den Schlafplatz des Teufels“, sagt sie. „Aber schon kurz danach konnten wir schon die Umrisse der blauen ‚South West Coast Path‘-Skulptur erblicken. Sie markiert das Ende des Weges. Das war ein unglaubliches Gefühl“, sagt Leinweber, die nach 59 Tagen, mehr als 1.000 Kilometern und rund 1,7 Millionen Schritten am Ziel angelangt war.

Leinweber hatte noch einmal neun Kilo abgespeckt und stand bei 65 Kilo Gewichsverlust, seit sie in heimischen
Gefilden zu sporteln begann. „Einige Kilo kamen danach leider auf wundersame Weise wieder zurück“, scherzt
die Niederösterreicherin, deren Töchter Claudia, 21, und Angelina, 20, aber mehr als stolz auf sie sind.

Neben dem gesundheitlichen Aspekt hatte die Wanderung auch einen sozialen Hintergrund. Denn die Sozialarbeiterin, die in Neunkirchen (NÖ) das „Soziale Wohnhaus“ (SoWo) leitet, sammelte auf ihrer Wande-
rung Geld für die Jugendlichen der Einrichtung in Form von Patenschaften. „Die Spendenbereitschaft der Menschen hat mich umgehauen“, sagt sie. Unterm Strich kamen rund 5.500 Euro von insgesamt 362 Paten aus zwölf Ländern zusammen. „Mit dem Geld wurden Sportartikel für meine Schützlinge gekauft“, sagt Leinweber, bei der langsam wieder die Sehnsucht nach den englischen Wanderwegen aufflammt. „Zum Glück gibt es ja noch 15 weitere Fernwanderwege in Großbritannien.“ rb
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