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Ausgabe Nr. 41/2019 vom 08.10.2019, Fotos: AdobeStock, wildkraut.at
Daniela Dettling ist Kräuterpädagogin, sie kennt sich mit Heilpflanzen aus.
Die Kraft der Kräuter
Das Heilen mit Pflanzen ist die älteste Therapie der Welt. Lange bevor synthetische Medikamente zur Verfügung standen, behandelten wir unsere Beschwerden mit dem, was uns die Natur bot. Erst mit dem Siegeszug der Chemie im 19. und 20. Jahrhundert verlor die Kräutermedizin zunehmend an Bedeutung. Heute interessieren sich wieder mehr Menschen für das alte Wissen, zumal es als Phytotherapie oft in neuer Schale daherkommt. Zu Recht, denn pflanzliche Arzneien durchlaufen ebenso strenge Kontrollen wie synthetische und wirken oft gleich gut, manche sogar besser.
Zum Wildkräutersammeln ist die Linzerin Daniela Dettling oft unterwegs. In der näheren Umgebung der Stadt ebenso wie im Mühlviertel (OÖ). Aber auch im eigenen, etwa 300 Quadratmeter großen Garten, in dem mehr als 150 verschiedene Pflanzen und Kräuter wachsen, verbringt Dettling viel Zeit, denn die 43jährige ist von Beruf diplomierte Kräuterpädagogin.

„Früher hätte man Kräuterhexe dazu gesagt“, lacht die Dunkelhaarige, die an dem Begriff „Hexe“ ganz und gar nichts Negatives finden kann. „Hexe kommt ursprünglich aus dem Althochdeutschen, von dem Wort ‚Hagazussa‘ und das leitet sich von Hag, also der Hecke, ab. Hexen, so glaubten die Menschen in früheren Zeiten, saßen als Beschützerinnen der Familie in den Hecken. Das klingt doch zauberhaft“, strahlt sie.

Dettling jedenfalls fühlt sich als „Botschafterin der Natur“ und das nicht ohne Grund, gibt doch die Oberösterreicherin seit etwa 20 Jahren ihr Wissen in Seminaren, Schulungen sowie Kräuterwanderungen an Interessierte weiter. Zudem schreibt Dettling Bücher zum Thema, geht mit gestressten Managern zum „Waldbaden“ und bildet obendrein an verschiedenen Standorten des WIFI Oberösterreich andere in Heilkräuterpädagogik aus (Informationen und Kontakt unter www.wildkraut.at und Tel.Nr.: 0699/1198578).

Die Liebe zur Natur und deren Gaben wurde Dettling schon in die Wiege gelegt. „Bereits als Kindergartenkind habe ich Pflanzen und Blüten gesammelt, habe damit gebastelt und auch Honig, Säfte und Marmeladen mit meiner Mama gemacht. Bei meiner Großtante, der Hanni-Tant‘, habe ich dann viel über Heilpflanzen gelernt. Sie war eine kleine Frau mit Buckel, kinderlos und bei uns in der Familie das Kräuterweiberl. Wenn jemand ein ‚Wehwehchen‘, Beschwerden, eine Verletzung oder eine Erkrankung hatte, wusste meine Tante immer ganz genau, welcher Brei als Wickel verwendet werden musste, welcher Tee half oder welche Tinktur wirkte, damit das Leiden schnell wieder besser wurde. Ich kann mich erinnern, ich war etwa vier Jahre alt, als mich die Tante das erste Mal zum Pflanzensammeln mitnahm“, erzählt Dettling.

Eine ihrer frühesten Erinnerungen diesbezüglich gilt einem Heilkraut namens Beinwell. „Für gewöhnlich wird von der Pflanze die Wurzel für Tinkturen und Salben verwendet. Hat jedoch jemand aufgrund eines Sturzes oder durch Umknicken akut eine Verletzung an den Gelenken, können auch die Blätter der Pflanze helfen. An Ort und Stelle werden sie etwas durchgekaut (keinesfalls schlucken) und dieses Gemisch kommt dann auf die verletzte Stelle. Das wirkt schmerzlindernd und manche Verstauchung oder Prellung heilt dadurch sogar innerhalb von ein paar Stunden ab.“

Schon in grauer Vorzeit wurde mit Kräutern geheilt

Das Heilen mit Pflanzen ist die älteste Medizin-Therapie überhaupt in der Geschichte der Menschheit. Seit jeher behandelten unsere Vorfahren ihre Beschwerden mit dem, was die Natur ihnen bot. Woher dieses Wissen stammte, welche Pflanze gegen welche Krankheiten und Beschwerden half, lässt sich nur schwer sagen. Wahrscheinlich wurde nach der Methode „Versuch und Irrtum“ vorgegangen und Hilfreiches an die nächste Generation weitergegeben, wodurch sich im Laufe der Geschichte ein immenses Wissen über die Heilkräfte regionaler Pflanzen bildete.

Interessanterweise handeln Tiere ganz gleich. Forscher haben etwa beobachtet, wie einige Affenarten gezielt bittere, antimikrobiell wirkende Blätter von Heilpflanzen verzehren, wenn sie krank sind. Und mittlerweile ist Ähnliches auch von anderen Tierarten bekannt. Die Wurzeln der Pflanzenheilkunde gehen also vermutlich nicht nur bis zu unseren frühesten menschlichen Vorfahren zurück; die grundlegenden Strategien scheinen ein Instinkt gesteuertes Erbe zu sein, das wir mit dem Tierreich teilen. Damit könnte sich auch erklären, dass uns dieses Wissen fasziniert und nicht loslässt, auch nicht in Zeiten modernster Medizin.

Daniela Dettling jedenfalls berichtet, dass das allgemeine Interesse an der Pflanzenheilkunde in den vergangenen Jahren sogar deutlich angewachsen ist. „Meine Seminare und Lehrgänge sind äußerst gefragt, der Zulauf wird immer stärker.“ Die Kräuterpädagogin meint, dass dies damit zusammenhänge, dass die Menschen von dem umfangreichen Konsumangebot übersättigt seien. „Die Menschen wollen wieder mehr Natur und bei Beschwerden sowie Krankheiten auf alte Rezepte und Überlieferungen aus der Naturheilkunde zurückgreifen.“

Das rege Interesse sowohl an der traditionellen Kräutermedizin wie auch an der modernen Pflanzenheilkunde, der Phytotherapie, die sich neben einem Jahrhunderte alten Erfahrungsschatz in der Anwendung von Heilpflanzen zusätzlich auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse stützt, kann auch Prof. Dr. Wolfgang Kubelka bestätigen. Der Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie weiß, dass Naturheilmethoden, zu denen auch die Pflanzenheilkunde gehört, wieder im Trend liegen. „Vielleicht, weil ‚pflanzlich‘ mit ‚natürlich‘ assoziiert wird. Das erweckt bei vielen Menschen Vertrauen“, sagt der ehemalige und langjährige Vorstand des Institutes für Pharmakognosie an der Uni Wien. Der mittlerweile 84jährige ist ein Pionier auf dem Gebiet der Heilpflanzenforschung in unserem Land und erinnert sich auch daran, dass es andere Zeiten gab. Zeiten, als viele mit der traditionellen Pflanzenheilkunde kaum etwas anzufangen wussten.

Dazu gibt der Experte einen kleinen Exkurs in die Geschichte: „Bis ins 18. Jahrhundert waren pflanzliche Mittel fast die alleinige Medizin mit Ausnahme von ein paar mineralischen und tierischen Arzneien. Dann begann der Aufschwung der modernen Naturwissenschaften. Mit dem ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert gelang es, aus Pflanzen reine Wirkstoffe wie etwa Morphin aus Opium zu isolieren und so die chemische Struktur von Arzneistoffen aufzuklären. Die Wissenschaftler konnten nun mit den Reinsubstanzen pharmakologische Untersuchungen machen und nach dem Muster pflanzlicher Wirkstoffe synthetische Arzneistoffe im Labor herstellen.“

In der Folge nahm laut Kubelka das Interesse an pflanzlichen Arzneimitteln immer mehr ab und der Schwerpunkt verlagerte sich in Richtung der synthetischen Chemie, sodass zu Beginn des 20. Jahrhunderts künstlich hergestellte Arzneien gleichsam als das Nonplusultra galten. „Dann kamen in den 1940er und 1950er Jahren die Antibiotika als Reinstoffe hinzu – auf die Pflanzenheilkunde war man nicht mehr angewiesen. Erst 20, 30 Jahre später kam es wieder zu einer ‚grünen Welle‘, nicht zuletzt wegen der Contergan-Tragödie. So kehrte das Interesse an pflanzlichen Arzneimitteln nach und nach zurück.“

Trotz der mittlerweile stark steigenden öffentlichen Beachtung haben pflanzliche Arzneimittel gerade im Medizinstudium bis heute keinen großen Stellenwert. Deshalb hat die Österreichische Gesellschaft für Phytotherapie vor gut zehn Jahren ein Curriculum, also eine Zusatzausbildung, für Phytotherapie erstellt, die von angehenden Ärzten äußerst gut angenommen wird. „Der Andrang ist groß. Leider gibt es sogar Wartelisten, weil wir die Gruppengrößen eher klein halten. Aber wir sind gerade dabei, diese Kurse zu erweitern und auch im Westen unseres Landes anzubieten“, berichtet der Professor.

Es scheint sich ein Imagewandel zu vollziehen, der sich auch in Rezept-Verschreibungen niederschlägt. „Zunehmend mehr Ärzte verordnen nun Phytopharmaka, also pflanzliche Arzneimittel, und die Kassen übernehmen manches davon“, weiß Kubelka.

Die positive Resonanz auf Phytopharmaka wird nicht zuletzt durch neuere klinische Studien gestützt, die die Wirksamkeit am Menschen nachweisen. Prof. Dr. Robert Fürst, der als pharmazeutischer Biologe an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main (D) an Naturstoffen forscht, hat dazu ein Buch geschrieben. Darin erklärt er, welche Heilkräuter bei welchen Beschwerden nachweislich helfen („Pflanzliche Arzneimittel – was wirklich hilft“, Govi Verlag).

Mit Phytotherapie Erkältungen vorbeugen

Gerade jetzt, wo die Erkältungswelle gleichsam vor der Tür steht, sind Phytopharmaka empfehlenswert, denn auf diesem Gebiet gibt es eine Reihe hochwirksamer pflanzlicher Arzneimittel wie Extrakte aus Thymiankraut, Primelwurzeln, Efeublättern oder ätherische Öle verschiedener Heilpflanzen.

Auch schon zur Vorbeugung stehen uns eine Reihe von Gewächsen zur Verfügung. Als bestes Beispiel hierfür ist Echinacea zu nennen, der „Purpur- oder Rote Sonnenhut“. „Echinacea wirkt immunmodulierend, das bedeutet, seine Inhaltsstoffe stärken das Immunsystem und machen uns weniger anfällig für Erkältungsviren“, erklärt der Phytotherapie-Experte Kubelka. Aber auch wer schon an einem Infekt leidet, kann zu Echinacea greifen, um der Erkältung den Kampf anzusagen. Denn die Inhaltsstoffe des Purpursonnenhutes „lindern nicht nur Erkältungsbeschwerden, sondern sorgen auch nachweislich dafür, dass der Patient schneller gesund wird und sich nicht gleich wieder neu ansteckt“, schreibt Fürst in seinem Buch.

Wer weiß, dass er anfällig ist und vielleicht auch schon ein Halskratzen spürt oder sonstige Anzeichen eines nahenden Infektes, kann auch zu Fertigpräparaten aus der Kapland-Pelargonie greifen, die in der Apotheke von verschiedenen Herstellern angeboten werden. Das ist sinnvoll, denn durch die rechtzeitige Einnahme ließe sich die eine oder andere Erkältung wahrscheinlich verhindern. „Wir sollten gar nicht warten, bis der grippale Infekt voll ausbricht“, rät Kubelka. Allerdings hieße das nicht, derartige Präparate jetzt durchgehend von November bis März einzunehmen. „Zwei Wochen vorbeugend eingenommen oder eben so lange, wie der Infekt da ist, sollte reichen. Dann sollte eine Pause erfolgen“, empfiehlt der Fachmann.

Auch der Saft des Schwarzen Holunders stärkt die körpereigene Abwehr. „Zur Zeit stehen meines Wissens dazu zwar keine Fertigarzneien zur Verfügung, aber seine antivirale Wirkung ist wissenschaftlich belegt und darum ist er als Hausmittel zur Stärkung der Abwehr durchaus zu empfehlen“, sagt Kubelka.

Im Herbst das Immunsystem zu stärken, um gar nicht erst an einem grippalen Infekt zu erkranken, ist auch ganz im Sinne von Daniela Dettling. Die 43jährige rät zu Beerenfrüchten, die jetzt geerntet werden können. „Hagebutte und Sanddorn beispielsweise sind jetzt im Oktober reif. Sie stärken den Körper von innen heraus, weil sie einen hohen Anteil an Vitamin C haben und somit unser Immunsystem ankurbeln. Das Besondere ist, ich muss sie nicht roh verzehren, denn viel vom Vitamin C bleibt auch nach dem Aufkochen erhalten.“

Ein Tee aus Hagebutten lässt sich ganz einfach zubereiten. „Dazu die entkernten, kleingeschnittenen Hagebutten (für eine Tasse etwa ein schwacher Teelöffel voll) mit heißem Wasser überbrühen, 15 Minuten ziehen lassen und noch einmal leicht wallend aufkochen lassen“, empfiehlt Dettling, die aus Hagebutten und Sanddorn-Früchten auch Köstlichkeiten wie Mus, Saft, Pesto, Sugo oder sogar „falsche“ Kapern zubereitet. Das ist, wie die 43jährige sagt, „nicht nur ein Fest für den Gaumen, sondern auch für unser Immunsystem“. farm
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