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Ausgabe Nr. 41/2019 vom 08.10.2019, Foto: AdobeStock
Bargeld-Schutz durch Verfassung ist vorerst
gescheitert.
Bar wird rar
Wir zahlen immer häufiger mit der Bankomat- oder Kreditkarte statt mit Münzen und Scheinen. Doch noch wollen wir auf das Klimpern im Geldbörsel nicht verzichten. In anderen Ländern ist die bargeldlose Gesellschaft bald Wirklichkeit.
Wir wollen uns nicht vom Bargeld trennen. Das Zahlen mit Scheinen und Münzen ist uns heilig. ÖVP und FPÖ wollen deshalb das „Recht auf Bargeld“ sogar in der Verfassung verankern. Ein Vorstoß vor der Wahl ist an der mangelnden Zwei-Drittel-Mehrheit gescheitert. Der Trend zum bargeldlosen Zahlen lässt sich aber kaum aufhalten. Schleichend ersetzen Karten und Mobiltelefon-Systeme das Geldbörsel. Dafür sorgt allein schon das Einkaufen im Internet, das immer beliebter wird.

Zahlen wir immer häufiger mit Karten?
Ja, im Vorjahr zückten wir sie 96 Mal, doppelt so oft wie noch 2010. Das hat jüngst eine Untersuchung gezeigt. Drei Viertel der Karten-Zahlungen gehen auf das Konto von Bankomatkarten, für ein Viertel verwenden wir Kredit- oder Prepaid-
karten.

Wie viel Bares haben wir im Geldbörsel?
Im Schnitt 89 Euro laut einer Studie der Europäischen Zentralbank (EZB). Mehr Bargeld tragen nur Deutsche (103 Euro) und Luxemburger (102 Euro) bei sich. In Portugal sind es hingegen lediglich 29 Euro, die Franzosen haben 32 Euro im Portemonnaie.

Droht die bargeldlose Gesellschaft?
Bei uns nicht so schnell. Für „unverzichtbar“ hält der neue, von der FPÖ nominierte Nationalbank-Gouverneur Robert Holzmann das Bargeld. „Es ist das einzige Zahlungsmittel, das, unabhängig von jedweden Voraussetzungen, von allen Menschen gleichermaßen verwendet werden kann.“ Abschaffungs-Vorstöße machen „keinen Sinn.“
In unserem Land zahlen wir in acht von zehn Fällen nach wie vor mit Münzen und Scheinen. In Schweden hingegen geben fast 90 Prozent an, den letzten Einkauf per Karte bezahlt zu haben. Aber auch Bezahl-Systeme am Mobiltelefon sind im Aufwind.
Jeder zweite Schwede hat schon einmal erlebt, dass ein Geschäft gar kein Bargeld annimmt. Auch das „ABBA“-Museum in Stockholm gehört zu den Verweigerern. „Wir akzeptieren kein Bargeld, nur Karten-Zahlungen“, heißt es dort. „Es ist sicherer und effizienter für jedermann.“ Jüngst haben Wissenschaftler das Bargeld-Aus in Schweden für das Jahr 2023 prognostiziert. Dann rentiere es sich für Händler nicht mehr, Bargeld anzunehmen.
In China hingegen, wo acht von zehn Handy-Nutzern im Alltag per Telefon bezahlen, will die Zentralbank gegen Geschäftsleute durchgreifen, die kein Bargeld mehr akzeptieren.

Ist Bargeld zu teuer?
Das Zahlen mit der Karte wird von der Wirtschaft forciert. Denn eine Bargeldzahlung kostet im Schnitt
2,6 Cent pro Euro Umsatz, eine Kartenzahlung nur 0,8 Cent. Doch schon der Dichter Hans Magnus Enzensberger formulierte einmal: „Wer das Bargeld abschafft, schafft die Freiheit ab.“ Wenn wir mit Karten oder per Mobiltelefon zahlen, hinterlassen wir überall Spuren. Wer wann was wo eingekauft hat, ist leichter nachvollziehbar. „Regierungen könnten uns am Ende total kontrollieren“, warnte Enzensberger schon im Jahr 2015. Dazu würden wir uns auch noch von privaten Dienstleistern abhängig machen. Ein großer Serverabsturz oder ein Internet-Ausfall könnte das Alltagsleben zum Stillstand bringen.

Wann wurde der erste Bankomat bei uns aufgestellt?
Im September 1980 in der Wiener Schottengasse. Damals glaubten die Verantwortlichen noch, dass für eine flächendeckende Versorgung 300 bis 400 Automaten reichen würden. Heute listet die Nationalbank fast 8.800 Geldausgabegeräte auf. Dafür gibt es auch immer weniger Bankfilialen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Zahl der Zweigstellen um ein Fünftel gesunken. Im Jahr 2018 waren es rund 3.600.

Ist unser Geld auf dem Konto sicher?
Bis zu 100.000 Euro pro Einleger und pro Kreditinstitut sind gesetzlich garantiert, sollte eine Bank in Schieflage geraten. „Seit Jänner gibt es aber auch eine erhöhte Einlagensicherung für spezielle Situationen“, sagt Ulrike Weiß von der Arbeiterkammer Oberösterreich. Für zwölf Monate ab der Gutschrift am Konto gilt etwa eine Absicherung von bis zu 500.000 Euro, wenn eine privat genutzte Wohnung verkauft wird.

Gibt es Höchstgrenzen für die Bargeld-Zahlung?
Bei uns nicht, in anderen EU-Ländern schon. In Italien liegt zum Beispiel die Höchstgrenze für Barzahlungen laut einer Aufstellung der Europäischen Verbraucherzentren knapp unter 3.000 Euro. In Griechenland sollen höchstens 500 Euro in bar den Besitzer wechseln, in Polen sind es umgerechnet 15.000 Euro.
Im Kampf gegen Schwarzgeld und Verbrechensfinanzierung hat die Europäische Zentralbank (EZB) zudem das Auslaufen der Produktion des 500-Euro-Scheines beschlossen.Am 26. April 2019 wurde er bei uns zum letzten Mal ausgegeben. Doch die Nationalbank beruhigt: „Die 500-Euro-Banknote bleibt weiterhin gesetzliches Zahlungsmittel.“

Soll das „Recht auf Bargeld“ in die Verfassung?
Das wollten zumindest ÖVP und FPÖ in der letzten Parlamentssitzung vor der Wahl durchsetzen. Doch keiner der verschiedenen Anträge fand letztendlich die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit. „Der Einsatz von Bargeld ist für viele Menschen, gerade für die ältere Bevölkerung und im ländlichen Raum, eine Grundbedingung für ein selbstbestimmtes Leben“, sagte Sebastian Kurz im Wahlkampf. Ob eine solche Klausel überhaupt sinnvoll wäre, ist strittig. Denn im Artikel 128 des „Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union“ steht: „Die Europäische Zentralbank hat das ausschließliche Recht, die Ausgabe von Euro-Banknoten innerhalb der Union zu genehmigen.“ Würde sie Banknoten verbieten, gäbe es einfach keine mehr.
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