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Ausgabe Nr. 40/2019 vom 01.10.2019, Foto: All Mauritius
Edward Snowden, 36, deckte amerikanische Pläne zur Massenüberwachung auf.
„Ich beschloss, der Welt die Wahrheit zu sagen“
Als Geheimdienstmitarbeiter hatte Edward Snowden, 36, viele Menschen im Visier, bis er selbst zum Gejagten wurde. Vor sechs Jahren deckte er Pläne der US-Regierung zur globalen Massenüberwachung auf und wurde zum Staatsfeind erklärt. Seitdem lebt er im russischen Exil, wo er seine Biografie verfasste.
Mein Name ist Edward Snowden. Sie halten dieses Buch in den Händen, weil ich etwas getan habe, das für einen Mann in meiner Position gefährlich ist. Ich habe beschlossen, der Welt die Wahrheit zu sagen.“ Mit diesen Zeilen beginnt der berüchtigste „Verräter“ der Gegenwart, Edward Snowden, 36, seine Biografie „Permanent Record“, deutsch „dauerhafte Aufzeichnung“.

Der Amerikaner wurde zum Staatsfeind erklärt, weil er als Geheimdienstmitarbeiter Pläne der US-Regierung für ein globales System der Massenüberwachung aufdeckte. Dafür musste Snowden seine Existenz aufgeben. Er ging nach Russland ins Exil, denn die Vereinigten Staaten wollen ihm den Prozess machen, dem einstigen Spion droht eine jahrzehntelange Haftstrafe.

Die Geheimdiensttätigkeit scheint ihm bereits in die Wiege gelegt worden zu sein. Snowden erblickte das Licht der Welt am 21. Juni 1983 in Elizabeth City im Bundesstaat North Carolina (USA). Seine Mutter arbeitete für ein Versicherungsunternehmen, das die Spione des größten Auslandsgeheimdienstes des Landes, der National Security Agency (NSA), mit Pensionsversicherungen ausstattete. Sein Vater war bei der Küstenwache, beide Elternteile hatten eine sogenannte Geheim-Freigabe, die Zugang zu heiklen Regierungsinformationen gewährte.

Nach außen hin führte die Familie jedoch ein normales Leben. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Jessica wuchs „Klein Ed“ in einem alten Haus aus Backstein samt idyllischem Garten auf. Weil das Haus erweitert wurde, konnte er durch das ursprünglich nach außen gerichtete Fenster seines Zimmers nach innen ins Wohnzimmer blicken. „Meine erste Lieblingsbeschäftigung war, den Vorhang zur Seite zu ziehen und zu spionieren“, lacht Snowden, der oft die Uhren im Haus zurückstellte, um länger Fernsehen zu dürfen.

Als der Bub acht Jahre alt war, brachte sein Vater einen Computer mit nach Hause, einen Compac Presario 425. „Der Computer und ich waren sofort unzertrennlich“, sagt Snowden. Der heranreifende Computerexperte mit einem Intelligenzquotienten (IQ) von 145 schaffte es, eine digitale Sicherheitslücke im Atomlabor Los Alamos im Bundesstaat New Mexico zu entdecken. Die Mitarbeiter verstanden erst nach und nach, dass Snowden noch ein Teenager war und boten ihm aus Dankbarkeit, ein Leck entdeckt zu haben, eine Anstellung an, sobald er volljährig sei.

Doch Snowden meldete sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zur Armee. Er wollte einerseits „Vergeltung üben“ und andererseits „Teil von etwas sein“. Er verletzte sich jedoch bei einem Sturz so schwer, dass er den Militärdienst quittierte.

Snowden trat eine Stelle beim Auslandsgeheimdienst Central Intelligence Agency (CIA) an, wo er von dem Programm „Prism“ erfuhr. „Damit können die US-Geheimdienste auf Millionen von Daten von Nutzern von Internetfirmen wie Google oder dem sozialen Netzwerk Facebook zugreifen“, sagt er. Doch das war nur ein kleiner Teil der weitreichenden Geheimdienstpläne. In Tokio (Japan) bekam Snowden erstmals geheime Dokumente zu Gesicht, die das ganze Ausmaß der Überwachung offenbarten. Die Geheimdienste planten den Zugriff auf die Daten von Milliarden von Menschen. „Das Ziel war, jeden Anruf, jede Kurznachricht über Mobiltelefone sowie jede E-Mail-Nachricht zu überwachen, um Personen weltweit durchleuchten zu können“, erklärt Snowden, dessen Weltsicht damit erschüttert war.

Doch erst ein kleiner Bub brachte ihn endgültig zum Umdenken. Als Snowden den Auftrag bekam, einen Mann auszuspionieren, verschaffte er sich Zugang zu dessen Computerkamera. Snowden konnte ihn so von seinem Bildschirm aus beobachten. „Er saß vor seinem Computer, genau wie ich vor meinem, nur hatte er ein Kleinkind in Windeln auf dem Schoß.“ Das Kind sah direkt in die Kamera. „Ich konnte mich des Gefühles nicht erwehren, dass der Bub mir in die Augen blickte. Plötzlich wurde mir klar, dass ich den Atem angehalten hatte.“ Snowden beschloss, die Welt über die Machenschaften der Geheimdienste zu informieren.

Dafür brauchte er entsprechende Beweise. Snowden war mittlerweile beim NSA beschäftigt, wo er Geheimdokumente sammelte. „Ich schmuggelte die Daten auf winzig kleinen Speicherkarten, die ich unter den Aufklebern von Zauberwürfeln, in meinem Mund oder sogar in meinen Socken versteckte“, erzählt der 36jährige. Die Dokumente trug er in einem Betonbunker auf der hawaiianischen Insel Oahu (USA) zusammen, der unter einem Ananasfeld gebaut war. Zum Abspeichern benutzte er ausrangierte Computer. Als er eines dieser Geräte an seinen Arbeitsplatz schleppte, hielt ihn ein Vorgesetzter an und fragte, wozu er die alte Maschine denn brauche. „Um Geheimnisse zu stehlen“, antwortete Snowden, worauf beide lachten.

Dies war der letzte Schreckmoment vor seiner Flucht im Jahr 2013 nach Hongkong (China), wo er sich Journalisten anvertraute, die seine Aufdeckungen publik machten.

Seine Freundin Lindsay Mills, 34, die er in jungen Jahren übers Internet kennengelernt hatte, ließ er in den USA zurück. Sie zog vergangenes Jahr nach Moskau (Russland) zu Snowden, der in zahlreichen Ländern um Asyl angesucht hat, darunter auch in Deutschland und in unserem Land. In Amerika kann er sich nach eigenen Angaben keinen fairen Prozess erwarten, zumal ihm die USA die Erlöse seines Buches streitig machen, um ihn finanziell zu schwächen. Seine Tat bereut Snowden nicht. „Ich habe ein Verbrechen begangen, um ein noch viel größeres offenzulegen.“ rb
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