Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 40/2019 vom 01.10.2019, Foto: Jbizoo-n/AdobeStock
Die Wähler-Mehrheit ist weiblich, doch eine Frau an der Spitze reicht nicht.
Wie Frauen wählen
Dürften nur Frauen wählen, sähe die Welt anders aus. Donald Trump wäre nicht Präsident, bei uns säße vielleicht Irmgard Griss in der Hofburg und die Grünen wären 2017 nicht aus dem Parlament geflogen. Dieses Mal konnten Neos und Grüne häufiger bei Frauen punkten.
Es gibt ihn, den Frauenbonus. Doch eine Frau an der Spitze reicht nicht, um bei den Wählerinnen zu punkten. Die SPÖ mit Pamela Rendi-Wagner hat am Wahlsonntag von Männern und Frauen gleich viele Stimmen bekommen, jeweils rund 22 Prozent. Das zeigt die Wahltagsbefragung des Sozialforschungsinstitutes SORA.

Unter Parteichef Christian Kern war das vor zwei Jahren noch anders. Damals wählten 29 Prozent der Frauen die Sozialdemokraten. Aber nur 25 Prozent der Männer stimmten für die SPÖ.

Frauen sind wahlentscheidend. Am vergangenen Sonntag waren 3,1 Millionen Männer wahlberechtigt, aber 3,3 Millionen Frauen. Das waren 200.000 mögliche weibliche Stimmen mehr. So viel wie Linz (OÖ) Einwohner hat. Insgesamt lag die Wahlbeteiligung bei nur 75 Prozent.

Doch Frauen wählen anders. Seit den 80er Jahren stimmen sie eher links oder grün ab. Damals hatte sich die Gesellschaft geändert, der Mann war nicht länger Oberhaupt der Familie. Davor wählten Frauen meist konservativ.

Männer hingegen geben überdurchschnittlich oft der FPÖ ihre Stimme. Auch dieses Mal. Hätten nur Männer gewählt, wäre die FPÖ jetzt auf 21 statt auf 16 Prozent gekommen. Die Frauen gaben wiederum häufiger den Grünen und den Neos ihre Stimme.

Sebastian Kurz bekam von Frauen zwar insgesamt um rund zwei Prozent weniger Stimmen als von Männern, das geht aber vor allem auf das Konto von jungen Frauen. Bei Wählerinnen ab 45 Jahren liegt die ÖVP wieder weit vorne und gleichauf mit den Männern. Dort konnte er jeweils 42 Prozent der „Kreuzerl“ einheimsen.

Warum Frauen und Männer anders wählen, darüber rätseln Politikwissenschaftler noch weitgehend. Studien zeigen allerdings, dass die politische Geschlechter-Kluft bei Unverheirateten deutlich stärker ist als bei Verheirateten. Single-Frauen tendieren noch viel häufiger zu linken Parteien. Ein Erklärungsversuch ist, dass alleinstehende Frauen möglicherweise weniger Einkommen haben und eher auf den Sozialstaat angewiesen sind.

Bei Männern hingegen macht der Familienstand kaum einen Unterschied. Sie bevorzugen insgesamt immer eher konservative und rechte Parteien. So waren es auch die Männer, die in Amerika Donald Trump ins Weiße Haus verholfen haben. Hätten vor drei Jahren nur Frauen am Präsidentschafts-Urnengang teilnehmen dürfen, wäre Hillary Clinton siegreich gewesen. Mit großem Vorsprung.

Bei uns säße bei einem reinen Frauen-Wahlrecht jetzt vielleicht Irmgard Griss in der Hofburg. Beim ersten Präsidentschafts-Wahlgang im Jahr 2016 erreichte sie bei ihren Geschlechtsgenossinnen 26 Prozent. Norbert Hofer kam auf 27 Prozent. Der frühere Grünen-Chef Alexander Van der Bellen war nur Dritter. Die „Frauen-Stichwahl“ hätte also Griss gegen Hofer gelautet.

Sein Büro hinter der roten Tapetentür verdankt der „Ersatzkaiser“ Van der Bellen letztendlich dennoch den Frauen. Fast zwei Drittel der Wählerinnen votierten bei der Stichwahl für ihn. Die Männer hätten Norbert Hofer zum Bundespräsidenten gekürt, mit 56 Prozent ihrer Stimmen.

Die Mehrheit der Wählerinnen ist weiblich, die Macht ist trotzdem hierzulande noch immer fest in Männerhand. Sebastian Kurz hat die Wahl gewonnen, in den Bundesländern regiert eine einzige Frau, Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) in Niederösterreich. Und im abgewählten Parlament war nur gut ein Drittel der Abgeordneten Frauen.

„Frauen haben es schwerer“, stellte die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle einmal fest, „auch durch die Beurteilung der Öffentlichkeit, in deren Rampenlicht Politikerinnen ganz besonders stehen. Wollen Frauen ernst genommen werden, wird ihnen eine männliche Verkleidung abverlangt.“

Hosenanzüge sind nach wie vor die bevorzugten Kleidungsstücke von Politikerinnen. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zeigt sich fast immer in dunkler Hose mit einem farbigen Blazer. Auch SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner setzte im Wahlkampf oft auf diese Arbeitskleidung. Während sich die Neos-Frontfrau Beate Meinl-Reisinger modisch etwas mehr traute. Sie trat auch im Kleid vor Fernseh-Kameras.

Die „Tarnanzüge“ erfolgreicher Frauen haben aber wohl nicht nur mit der Wahrnehmung von außen, sondern auch der eigenen zu tun. Frauen zieht es seltener zur Macht als Männer. Sie trauen sich weniger zu. „Sie überlegen, ob sie das Ressort eines Ministeriums übernehmen können, was ja auch richtig ist. Männer hingegen überlegen da nicht. Die sagen: Ich kann jedes Ministerium übernehmen“, kommentierte der deutsche Politikwissenschaftler Lars Holtkamp im Vorjahr die Situation in unserem Nachbarland.

Wenn Frauen machtbewusst auftreten, wird das oft negativ bewertet. Was bei Männern noch als Diskutieren durchgeht, wird bei Frauen immer wieder als „Keifen“ verurteilt. Eine aufgebrachte Frauenstimme wird schnell als „schrill“ verunglimpft. Auch Aggressivität wird Männern eher nachgesehen als Frauen.

Vielleicht „landen“ Frauen deshalb häufig in den Sozial-, Gesundheits- und Familienressorts. Regierungschefinnen wie Angela Merkel sind dünn gesät. Seit 14 Jahren kann sie sich als Kanzlerin bei unseren deutschen Nachbarn halten. Mit ihr an der Spitze hat die CDU bei den Frauen zugelegt. Denn manchmal wählen Frauen eben doch lieber Frauen.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung