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Ausgabe Nr. 39/2019 vom 24.09.2019, Foto: Pertramer/Rabenhof
Thomas Maurer, geboren am 27. Juni 1967, begann 1986 eine Buchhändlerlehre und 1988 seine kabarettistische Laufbahn. Robert Palfrader, geboren am 11. November 1968, wurde durch die Verkörperung des „Kaiser Robert Heinrich I.“ in der Satire-Show „Wir sind Kaiser“ bekannt. Florian Scheuba, geboren am 5. April 1965, begann seine Karriere beim Theater-Kabarett „Die Hektiker“.

Seit 2011 machen Thomas Maurer, Robert Palfrader und Florian Scheuba als „Wir Staatskünstler“ gemeinsam Polit-Satire. Infos: www.rabenhof.at
„Falls wer geheim spenden will, wir nehmen alles“
Mit „Jetzt erst recht!“ gehen die Chef-Satiriker unseres Landes schonungslos und bissig in ihre neue Bühnenshow. Los geht‘s am 1. Oktober im Wiener Theater Rabenhof, wo die WOCHE die „ehrenamtlichen Staatskünstler“ Thomas Maurer, Florian Scheuba und Robert Palfrader zum heiteren wie hintersinnigen Gespräch traf.
Unser ehemaliger Bundespräsident Heinz Fischer hat Sie, sehr geehrte Herren Maurer, Scheuba und Palfrader, im Jahr 2016 per Handschlag zu „Staatskünstlern auf Lebenszeit“ ernannt. Ein Jahr später hat der ORF die Sendung „Wir Staatskünstler“ aus dem Programm gekippt. Was hat Sie dazu veranlasst, auf der Bühne weiterzumachen?

Palfrader: Staatskünstler ist ein Ehrenamt, das uns nicht einmal der ORF madig machen kann. Und fragen wir uns bitte, wer denn wichtiger ist, der ORF oder der Herr Alt-Bundespräsident? Wer hat mehr Rückgrat, wer ist beliebter bei der Bevölkerung? Alles spricht für unseren Herrn Alt-Bundespräsidenten, den wir drei persönlich sehr schätzen.

Maurer: Es ist eines meiner wenigen Lebensziele, dass ich im entsprechenden Alter auch solche Augenbrauen wie der Herr Alt-Bundespräsident habe.

Arbeiten Sie auf diese wunderbare Augenbrauen-Pracht hin?

Scheuba: Wir drei legen schon zusammen, vielleicht geht sich ja sogar ein Toupet aus.

Was, außer Ihre Augenbrauen zu pflegen, machen Sie als Staatskünstler den ganzen Tag? Weiß ein Staatskünstler, was es bedeutet, einen 12-Stunden-Arbeitstag zu haben?

Scheuba: Der Staatskünstler kennt keinen 12-Stunden-, sondern den 18-Stunden-Arbeitstag. Allein unser neues Programm hat es notwendig gemacht, 18 Stunden täglich zu arbeiten. Denn wir hatten es schon halb fertig, als Mitte Mai aufgrund von „Ibiza“ und der daraus resultierenden Neuwahlen in unserem Land plötzlich alles anders war. Wir mussten das fertige Material ins Archiv verräumen und bei Null beginnen. Das war nur mit 18-Stunden-Arbeitstagen durchführbar. Bei uns ist das nämlich anders als beispielsweise bei den Kabarettisten der ZDF-Heute-Show, denen ein 40-köpfiges Recherche- und Autorenteam zur Verfügung steht.

Palfrader: Das haben wir alles nicht.

Hört sich an, als müssten Sie mit äußerst knappen Budget-Mitteln haushalten …

Maurer: Ja, das Einzige, das uns zur Verfügung steht, sind unsere drei halbvollen Schädel.

Palfrader: Und das ist denkbar wenig.

Profitieren Sie wenigstens von Spenden?

Maurer: Leider nein, wir wären bereit dazu. Aber es hat sich bis jetzt noch keiner bereit erklärt zu spenden. Aber wenn wer jemanden kennt, der Korruptionsgeld oder ähnliches loswerden will, bitte melden. Wir würden auch normale Subventionen annehmen. Denn ich möchte klarstellen, es ist eine Legende, dass unsereins reichhaltig staatlich unterstützt wird.

Scheuba: Nicht einmal Novomatic, die ja wirklich für alle etwas übrig haben, untersützt uns.

Palfrader: Falls jemand geheim oder illegal an uns spenden will, kümmern wir uns auch gerne um die passenden Vereinskonstruktionen. Wir nehmen alles.

Scheuba: Selbstverständlich auch Regierungsinserate.

Haben Sie es schon bei der Milliardärin Heidi Horten versucht?

Palfrader: Ich glaube, die Frau Horten hat uns nicht so lieb.

Scheuba: Vielleicht würde es funktionieren, wenn wir uns als Eishockeyspieler, denen Frau Horten bekanntlich gern was spendiert, verkleiden. Ich bin eh ein KAC-Anhänger, vielleicht würden wir so einen Zugang zur Heidi bekommen.

Maurer: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, die Frau Horten ist vielleicht schon zu oft von den Menschen enttäuscht worden, deshalb bekommen jetzt die Tiere mehr Geld von ihr. Und der Basti (Sebastian Kurz, Anm. der Redaktion).

Was halten Sie von einem Ministerium, das Korruption zentral steuert?

Scheuba: Damit sind wir auch schon mitten in unserem neuen Programm. Wir haben da tatsächlich einen Vorschlag, den wir bereits verraten dürfen, und zwar handelt es sich dabei um ein neues Gütesiegel – das Korruptions-Gütesiegel.

Palfrader: Verbunden mit einer hochoffiziellen Ausschreibung der Bestechungssumme, wo der aktive, fleißige „Korruptionist“ nicht mehr der Dumme ist.

Maurer: Mit dem Gütesiegel gehen gewissenhafte Betrüger, die nichts dem Zufall überlassen wollen, auf Nummer sicher, dass von dem Korruptionsgeld ja nichts versickert.

Scheuba: Unser Vorschlag wäre, dass es einen staatlich beauftragten Korruptions-Koordinator gäbe. Und dass wirklich drauf geschaut wird, dass bei Korruptionsfällen keine Nebenkosten entstehen, die an irgendwelche Mafiosi versickern. Das ist alles vermeidbar. Transparente Korruption wäre das Ziel. Wer das nachweisen kann, bekommt von uns dann das Korruptions-Gütesiegel, die „goldene Sumpfdotterblume am doppelten Kanalröhrl“, verliehen. Das ist die Auszeichnung, die sich nur die besten unter allen Korruptions-Spezialisten verdienen.

„Jetzt erst recht“ heißt Ihr Satire-Programm. Warum stehen Sie im Regen?

Scheuba: Es stellt die derzeitige politische Situation in unserem Land dar. Wir haben das Gefühl, dass wir im Regen stehen. Und jetzt könnten wir resignieren, aber wir halten dagegen.

Maurer: Wir haben zwar die Schirme mit, spannen sie aber nicht auf. Wir trotzen und sagen: „Jetzt erst recht“. Das hat auch mit unserer Entstehungsgeschichte zu tun. Ursprünglich war „Wir Staatskünstler“ neben dem Bühnenprogramm ja eine ORF-Fernsehsendung. Dann wurde uns aber zu-, ab-, zu- und schließlich definitiv abgesagt. Wir haben beschlossen, als Staatskünstler wieder auf die Bühne zu gehen und „jetzt erst recht“ weiterzumachen.

Wer von Ihnen hätte das Zeug zum Kanzler?

Maurer: Der Robert am ehesten. Aber der schaut irgendwie aus wie ein Wiener Bürgermeister. Und beides geht leider nicht.

Mussten Sie eine Ausbildung zum Staatskünstler absolvieren?

Scheuba: Nestbeschmutzer sein ist die absolute Grundvoraussetzung. Es gab früher Aufnahmsprüfungen zu Themen wie Österreich im Ausland vernadern und das Publikum beschimpfen.

Maurer: Die Aufnahmekriterien dürften allerdings nicht mehr so streng sein, da Andreas Gabalier inzwischen auch die Prüfung geschafft hat.

Was darf sich das Publikum außer Machtmissbrauch, Korruption quer durch alle Parteien und Lügen noch erwarten?

Palfrader: Das klingt wie die richtige Werbung für unser Programm (schallendes Gelächter aller drei Staatskünstler).

Scheuba: Es gibt viele Phänomene in diesem Land, die die Menschen ratlos machen. Zum Beispiel, wie es Sebastian Kurz wirklich geht, oder was mit der SPÖ los ist. Wir versuchen im neuen Programm ganz konkrete Antworten darauf zu geben. Wir blicken auch in die Zukunft und überlegen, welche Koalitionsmöglichkeiten es nach der Wahl geben wird und was wie wahrscheinlich ist.

Maurer: Und wir schauen auch in die Vergangenheit. Es ist für jeden was dabei, also bitte, alle kommen.

Welche Regierung wünschen Sie sich?

Palfrader: Eine stabile, damit wir beim nächsten Staatskünstler-Projekt nicht unser ganzes Programm umschreiben müssen.

Maurer: Nicht um jeden Preis eine stabile. Die Regierung, die ich mir wünschen würde, ist aus dem derzeitigen Angebot nicht zusammenzubasteln.

Scheuba: Ich bin schon froh, wenn es keine Regierung wird, die sagt, das System Viktor Orban ist total super. Wenn es eine ist, die das nicht meint, ist schon etwas gewonnen.

Palfrader: Ja ja, man wird dankbar und bescheiden.

Welche Schlüsse ziehen Sie, staatskünstlerisch betrachtet, aus dem „Ibiza-Video“?

Scheuba: Wir haben uns selber auf die Suche gemacht, und da hat uns der Zufall geholfen. Wir waren Schwammerl suchen und haben logischerweise zuerst in der Biomülltonne von Hugo Portisch nachgeschaut, wo wir auf eine alte Filmrolle gestoßen sind.

Palfrader: Das waren ursprünglich sieben Stunden Material. Davon konnten wir ein paar Minuten retten und rekonstruieren, worum es da gegangen ist. Das ist ein sehr interessanter Film, den wir unserem Publikum zeigen werden. Wäre dieser Film jemals veröffentlicht worden, hätte er das „Ibiza-Video“ weit übertroffen.

Was können unsere Politiker von Ihnen als Staatskünstler noch lernen?

Scheuba: Ich würde sagen, sie lernen die falschen Sachen. Als der ORF-Journalist Armin Wolf von H. C. Strache verleumdet wurde, sprach Strache von Satire. Natürlich ist das keinesfalls Satire und führt definitiv in die falsche Richtung. Das Kabarett muss der Politik folgen, nicht die Politik dem Kabarett.

Geht die Demokratie den Bach hinunter?

Maurer: Im gesamten Westen ist die Demokratie nicht in ihrem Bestzustand. Fakten sind mittlerweile verhandelbar geworden. Wir haben eine Welle von antidemokratischen Strukturen, die von Erdogan, Putin, Orban bis hin zu Hofer reicht. Die sind einander alle ähnlich.

Palfrader: Ein ziviles Alarmsignal sehe ich auch in Großbritannien. Ich hoffe, dass sich Premierminister Johnson die Zähne ausbeißt.

Wäre es für unser Land besser gewesen, bei der Monarchie zu bleiben?

Palfrader: Das glaube ich nicht. Denn wenn du dann das Pech hast, einen degenerierten Vollidioten an der Macht zu haben, bringst du den nicht mehr weg. Dazu fällt mir Kaiser Ferdinand, der Gütige, ein, der den schönen Beinamen „Gütigand, der Fertige“ hatte. Also, sind wir lieber froh, dass wir keine Monarchie mehr haben.

Nächsten Sonntag wird gewählt. Was wäre Ihr Wahlprogramm?

Scheuba: Unsere neue Zwei-Stunden-Satire ist unser hochinteressantes Wahlprogramm.

Palfrader: „Leiwand statt oasch“ (lacht), das habe ich auf einem Plakat gesehen.

Maurer: Immerhin wissen wir schon, was wir am Wahlabend kommenden Sonntag machen, und zwar auf der Bühne des Wiener Rabenhof-Theaters entsprechend dem Wahlergebnis improvisieren.
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