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Ausgabe Nr. 39/2019 vom 24.09.2019, Foto: AdobeStock
Kinder können Schadstoffe schlecht ausscheiden
Kinder sind mit Plastik verseucht
Kunststoffe sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch ihr massiver (und oft unnötiger) Einsatz gefährdet mittlerweile unsere Gesundheit. Eine Untersuchung zeigt, dass bereits Kinder ab drei Jahren Plastik-Chemikalien im Harn haben. So mancher Stoff ist Gift für die Leber und schädlich für die Fortpflanzung. Wie Eltern ihre Kinder schützen können, verrät ein Experte.
Die Forscher staunten nicht schlecht, als sie die Ergebnisse ihrer Untersuchung vor sich liegen hatten. In fast jeder Urinprobe, die Kinder zwischen drei und 17 Jahren für eine Studie abgegeben haben, befanden sich Plastikrückstände. Doch damit nicht genug der schlechten Nachrichten. „Die jüngsten Kinder waren am stärksten betroffen. Das ist wirklich besorgniserregend, weil sie die sensibelste Gruppe darstellen“, betont die Studienautorin Marike Kolossa-Gehring vom deutschen Umweltbundesamt, das die Studie mit dem Robert-Koch-Institut durchführen ließ.

Die erschreckenden Details aus der Studie, in der 2.500 Kinder und Jugendliche unter die Lupe genommen wurden: Jedes vierte Kind zwischen drei und fünf Jahren war mit bestimmten Plastikrückständen so belastet, dass es gesundheitlich bedenklich ist. Von den 15 untersuchten Plastikinhaltsstoffen wurden elf im Urin von 97 Prozent aller Kinder gefunden.

Kinder können Schadstoffe schlecht ausscheiden

Solche Stoffe gehören nicht in den Körper der Kinder, sind sich Ärzte, Forscher und Umweltexperten einig. Vor allem Weichmacher, aber auch Perfluoroctan-Säure, kurz PFOA genannt, wird als gefährlich eingestuft. Sie wird für Bekleidung (wie wasserabweisende oder -feste Jacken, Hosen, Schuhe) verwendet. „Diese Stoffe wirken hormonschädigend und erhöhen das Risiko für Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit, Fruchtbarkeitsstörungen, Krebs und Entwicklungsverzögerungen“, warnt der Biochemiker Dr. Helmut Burtscher-Schaden von der Umweltschutzorganisation Global 2000. Leider zeigen Untersuchungen immer wieder, dass Kinder am stärksten mit solchen Chemikalien belastet sind. „Das kommt zum einen daher, dass das System für den Abbau schädlicher Stoffe bei Kindern noch nicht ausgereift ist. Somit kann der kindliche Organismus Schadstoffe weniger rasch unschädlich machen als jener der Erwachsenen. Gleichzeitig erfolgt die Aufnahme von Schadstoffen bei Kindern rascher als bei Erwachsen, da sie gemessen an ihrem Körpergewicht größere Mengen Nahrungsmitteln und damit auch von potentiellen Schadstoffen zu sich nehmen als Erwachsene. Kindliches Verhalten wie das Krabbeln und in den Mund nehmen von Gegenständen erhöhen zudem den Kontakt mit potentiellen Schadstoffen.“

Angriff auf die Leber, das Hormonsystem und die Fortpflanzungsorgane

Experten der Stiftung Warentest untersuchen seit Jahren Produkte auf Rückstände von Weichmachern und werden immer wieder in Alltagsgegenständen fündig. Weichmacher können bei Kontakt mit dem Körper durch das Fett in der Haut, durch Schweiß oder Speichel gelöst werden und so in den Körper gelangen. Das ist etwa der Fall, wenn ein Kind ein Spielzeug in den Mund nimmt. „Auch der gefährliche Stoff Bisphenol A, kurz BPA, ist in den Körpern unserer Kinder, da er in der Innenbeschichtung von Konservendosen enthalten ist und so in Nahrungsmittel gelangt. BPA ist auch ein Ausgangsstoff für Kunststoff und kann schädigend auf das Hormonsystem, die Leber und die Fortpflanzungsorgane im kindlichen Körper wirken. Zwar ist BPA in Gegenständen für Kinder unter drei Jahren wie Schnuller, Fläschchenaufsatz, Beißringe oder Spielzeug verboten. Aber Gegenstände, die nicht für Babys gedacht sind, dürfen ihn weiter enthalten“, warnt Burtscher-Schaden.

Darauf schauen, was Kinder in den Mund nehmen

Um (kleine) Kinder vor Weichmachern, chemischen Schadstoffen wie BPA oder BPF, UV-Filtern oder Konservierungsmitteln so gut wie möglich zu schützen, können Eltern einiges tun. „Vor allem bei Kindern unter drei Jahren sollten Erwachsene ein Auge darauf haben, was das Kind in den Mund steckt. Kinder haben diesen Drang, der ihnen natürlich nicht verwehrt werden sollte. Speichel kann aber chemische Stoffe aus Gegenständen lösen. Erwachsene sollten Kindern Gegenstände reichen, die zum ,Nuckeln‘ geeignet sind. Eltern dürfen sich auch auf ihre Nase verlassen. Artikel, die ‚chemisch‘ riechen, ob Schuhe, Bekleidung, Gegenstände oder Spielzeug lieber nicht kaufen. Dieser Geruch entsteht durch Moleküle chemischer Substanzen, die ‚flüchtig‘ sind. Sie lösen sich vom Ausgangsstoff und treffen auf unsere Riechschleimhaut in der Nase. Bei Berührung gelangen diese Stoffe auf die Hände und von dort in den Mund.“

Für Ärzte und Experten steht fest, dass alle Maßnahmen, die Eltern setzen können, alleine nicht reichen werden. Die Regierungen seien gefordert, Verbote für gefährliche Substanzen auszusprechen. Denn es kann lange dauern, bis Schadstoffe aus unseren Körpern verschwinden. Rückstände von Blei oder dem lang verbotenen Pestizid DDT waren bei der jüngsten Studie im Körper der Kinder noch nachweisbar.
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