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Ausgabe Nr. 38/2019 vom 17.09.2019, Foto: zVg
Das „Blün“-Team (v. li.): Michael Berlin, Stefan Bauer, Gregor Hoffmann, Philipp Filzwieser und Bernhard Zehetbauer.
„Unser Fisch düngt das Gemüse“
Fischzucht ist in unserem Land nichts Neues, Gemüseanbau auch nicht. Dass aber beides miteinander kombiniert wird, sehr wohl. Am Stadtrand von Wien setzen drei Jungunternehmer auf das sogenannte Aquaponik-Verfahren und produzieren damit nicht nur frischen Fisch, sondern auch Gemüse. Daneben sparen sie Wasser und Dünger.
Wir stellten uns die Frage, wo wollen wir stehen, wenn wir einmal unsere Betriebe übergeben?“, erinnert sich Michael Berlin, 39, an die Gespräche mit seinem Geschäftspartner Bernhard Zehetbauer, 39. Das war vor etwa vier Jahren und Berlin hatte selbst erst vor Kurzem die elterliche Landwirtschaft im Marchfeld (NÖ) übernommen. „Unsere Vision war, landwirtschaftliche Produkte nachhaltiger und ressourcenschonender zu produzieren.“ Daher reisten der Landwirt und der Betriebswirt durch Europa, um sich innovative Konzepte auf diesem Gebiet anzusehen und kamen auf die sogenannte Aquaponik – ein Verfahren, um frischen Fisch und Gemüse in einem Kreislaufverfahren, ganz ohne Chemie und Gentechnik zu produzieren. Mit dem Gemüsebauer Stefan Bauer, 44, fanden sie den geeigneten Partner, der ihnen in seinem Glashaus in Wien Donaustadt Produktionsraum zur Verfügung stellte, sodass schon im Jahr 2016 „Blün“ gegründet werden konnte. Der Name des jungen Unternehmens wurde bewusst gewählt und setzt sich aus den Worten „Blau“ und „Grün“ zusammen. Blau steht für das Wasser und die Fisch-
zucht, Grün für Pflanzen und den Anbau von Gemüse.

„Die werden heute geschlachtet“, sagt Berlin und zeigt in einen großen Bottich, in dem etwa 40 Welse ihre letzten Stunden verbringen. Mit ihrer Aufzucht, die acht Monate dauert, setzt sich der Kreislauf in Gang, der sowohl Fisch von hoher Qualität als auch gesundes, von Chemie unbelastetes und wohlschmeckendes Gemüse hervorbringt.

In neun weiteren Becken, die in der Halle stehen, schwimmen 800 jüngere Welse in den unterschiedlichsten Reifestadien in Wiener Hochquellwasser, das zu einem Drittel mit Wasser aus dem hauseigenen Brunnen vermischt wird. „Die jüngsten, die wenige Wochen alten Setzlinge, beziehen wir von einem Züchter aus unserem Land“, sagt Berlin. Die Hinwendung zum Fisch als Fleischlieferant hat gleich mehrere Gründe. „Während für die Produktion von einem Kilo Rindfleisch mehr als 15.000 Liter Wasser aufgewendet werden muss, benötigt ein Kilo Fisch nur 120 Liter“, legt der 39jährige Landwirt Zahlen auf den Tisch, die für sich sprechen. Ähnlich positiv sieht die Bilanz beim Futtermitteleinsatz aus. „Für ein Kilo Rindfleisch werden etwa zehn Kilo Futter benötigt, aber aus derselben Menge Fischfutter erzeugen wir zehn Kilo Fisch.“

Doch damit nicht genug, denn die Ausscheidungen der Fische dienen gleichzeitig als Dünger. In einer Biofilteranlage, die in Form eines riesigen Würfels über den Fischbecken thront und dessen Volumen dem eines halben Autobusses entspricht, wird der Fischdung durch spezielle Bakterien in nitratreichen Dünger umgewandelt. „Der wird mit Wasser hinaus zu unseren Pflanzen gepumpt“, berichtet Berlin, während ihm der Streifzügler ins direkt angrenzende Gewächshaus folgt.

Während dort der größte Teil des angebauten Gemüses konventionell gezüchtet wird, sind etwa 500 Quadratmeter Anbaufläche dem speziellen Düngeverfahren gewidmet. Den fünf verschiedenen Sorten an Paradeisern, Gurken und Paprika sowie den drei Sorten Melanzani scheint der Fischdünger ganz hervorragend zu bekommen. Schwer tragen die Pflanzen an ihren reifen Früchten. Nichts weist bei einer Kostprobe darauf hin, dass Fische zu ihrem Gedeihen beigetragen haben. Im Gegenteil. Wer das manchmal kaum noch Eigengeschmack aufweisende Angebot diverser Supermarkt-Waren erwartet, wird sich bei „Blün“ wundern, wie aromatisch Paprika, Paradeiser und auch Gurken schmecken können. Unterstützung bei ihrer ökologischen Produktionsweise bekommen die kreativen Landwirte von Hummeln, die das Bestäuben übernehmen und diversen Schlupfwespen sowie Milben, also Schädlinge bekämpfen.

Dass das Gemüse trotzdem nicht als „Bio“ durchgeht, liegt an der EU-Verordnung 834/2007. „Die besagt, dass Lebensmittel, die nicht auf Ackerboden oder in Naturbecken gezogen werden, nicht „Bio“ zertifiziert werden dürfen“, erklärt Berlin. Bei „Blün“ wird Kokossubstrat verwendet. „Weil darauf kein Schimmelpilz wächst und es nach dem Erntezyklus zur Gänze kompostiert wird.“ Was die Landwirte aber nicht sonderlich kümmern muss, denn die Jahresproduktion liegt derzeit bei etwa 20 Tonnen Fisch und 15 Tonnen Gemüse und soll aufgrund der steigenden Nachfrage weiter erhöht werden.

Auf ihrem Weg zum Erfolg mussten die findigen Köpfe aber auch Lehrgeld zahlen. So setzten sie anfangs auf den Barsch, ohne zu bedenken, dass am Markt vorbeiproduziert wurde. „An sich ein ausgezeichneter Speisefisch“, sagt Berlin. „Wir haben dabei aber nicht bedacht, dass in unserem Land Fischfleisch hauptsächlich als Filet gegessen wird. Aus dem Barsch lassen sich aber keine Filets schneiden. Sein Fleisch kann nur von den Gräten gelöst werden.“ Mit der Umstellung auf den Wels konnte „Blün“ bieten, was Kunden wünschten. Sowohl Gastronomiebetriebe als auch Privatkunden schätzen die Filets, die es frisch (€ 29,–/kg) und auch geräuchert
(€ 39,–/kg) zu kaufen gibt. Wobei durch den Ab-Hof-Verkauf mittlerweile die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet wird (Fr., 9 bis 16 Uhr, und Sa., 9 bis 12 Uhr, Schafflerhofstraße 156, 1220 Wien)

Mittlerweile können nicht nur Liebhaber von frischem Fisch und Gemüse am Stadtrand von Wien ihre Vorräte auffüllen, sondern auch Hundebesitzer. Denn Haut und Innereien des Welses werden getrocknet als Hundefutter verkauft. „Einzig die Gräten können nicht verwertet werden“, sagt Berlin.
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