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Ausgabe Nr. 38/2019 vom 17.09.2019, Foto: Erli Grünzweil
Gefragte Mist-Kerle
Schwere Kübel schleppen und bei jedem Wetter draußen sein. Die Arbeit bei der Müllabfuhr ist kein Honiglecken. Und doch wird die Abteilung für Abfallwirtschaft in Wien mit Bewerbungen überhäuft. Ein Blick hinter die Kulissen der orangen Autos bringt eine Deponie an Informationen zutage. Über einen harten Beruf und die Reste unseres Mülls.
Es ist neun Uhr in der Früh, als in Wien-Liesing ein Müllauto um die Ecke fährt. Reinhard Gulnerits klettert vom Beifahrersitz herab. Er zeigt sein sympathisches Lächeln, das aussieht, als wäre es aus einer Zahnpasta-Werbung, und grüßt. Sein oranges T-Shirt leuchtet in der grauen Stadt der Grantler, genauso wie sein frohes Gemüt.

Er ist schon seit drei Stunden auf den Beinen, zieht Restmülltonnen hinter sich her und leert den Abfall in den Müllwagen. Manche der Gefäße sind so groß wie sieben Badewannen. Wenn sie voll sind, schwellen die wuchtigen Oberarme von Gulnerits beim Ziehen noch mehr an als sonst. Dass der muskelbepackte Mann zur Generation der 50+ gehört, ist ihm nicht anzusehen. Er bewegt die schweren Container, als wären es nur Einkaufswagerl. Im breiten Dialekt fängt er an zu erzählen: „Ich mache das schon seit 30 Jahren. Jetzt bin ich 53 und scheinbar hält die Arbeit jung.“

In Wien ist die Magistratsabteilung Nummer 48 (MA 48) für die Abfallwirtschaft zuständig. Auch im Rest unseres Landes ist die Müllabfuhr Angelegenheit der Gemeinden. Eine Arbeit, die lange Zeit mit einem Nasenrümpfen bedacht und die im 17. Jahrhundert sogar als Bestrafungsmethode eingesetzt wurde. Heute ist das Arbeiten für die Müllabfuhr eine beliebte Tätigkeit. Zu den „Mist“-Kerlen zu gehören, bedeutet heute etwas. „Wir bekommen an die 20 Bewerbungen pro Tag“, sagt Ulrike Volk, die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der MA 48. Helmut Meyer, der Dienststellenleiter von Wien-Liesing, weiß, warum. „Die Gemeindearbeit ist ein sicherer Hafen. Die Mitarbeiter bekommen eine Arbeitskleidung und pünktlich das Gehalt. Außerdem ist die Arbeit relativ gut bezahlt.“ Das Brutto-Grundgehalt liegt zu Beginn bei etwa 22.000 Euro pro Jahr. Aufgebessert wird es durch Leistungs- oder Schmutzzulagen.

Für Ulrike Volk gibt es aber noch andere Anreize. „Unsere Kollegen wissen, dass sie einen Beitrag für die Umwelt leisten. Und sie haben um 14 Uhr Feierabend – da bleibt
Zeit für die Familie. Außerdem haben sie einen guten Ruf in der Bevölkerung. Die Männer der MA 48, das sind die ,coolen‘, freundlichen Typen mit den orangen Leiberln.“

Reinhard Gulnerits gehört zu ihnen. Gemeinsam mit dem Lenker Mikica Marinkovic fährt der 53jährige heute rund 600 Adressen an. Eigentlich sind sie zu dritt unterwegs – ein Kollege ist vorgegangen und stellt die Container bereit. „Ihn sammeln wir später wieder ein“, scherzt Gulnerits, der pro Tag 15 bis 20 Kilometer zu Fuß zurücklegt. Helmut Meyer kennt die Strapazen, er hat selbst 16 Jahre lang als Müllaufleger gearbeitet. Als er die Karriereleiter emporstieg und vom Außendienst ins Büro gewechselt ist, hat sich die fehlende Bewegung auf den Bauch niedergeschlagen. „Ich habe zehn Kilo zugenommen.“ Die Fußmärsche sind aber bei Weitem nicht die anstrengendste Aufgabe bei der Müllabfuhr, wie Meyer weiß. „In der Innenstadt sind alle Mülltonnen im Keller. Da brauchen wir allein zwei Mitarbeiter, die den ganzen Tag die Kübel heraufschleppen.“

Die harte Arbeit war für den Müllaufleger Gulnerits nie ein Problem, genauso wenig wie der Dreck und der Geruch, der sich nie vermeiden lässt. „Ich bin für die Allgemeinheit da und kann der Bevölkerung etwas Gutes tun. Der Müll hat mich nie abgeschreckt“, erklärt er, während er in den nächsten Hinterhof marschiert, um den nächsten Container zu holen. Der wird hinten am Wagen eingehängt, aufgehoben, gekippt und dadurch entleert. Im hinteren Teil der Müllautos ist ein Mechanismus eingebaut, der wie eine große Schraube den Müll nach vorne drückt. So bleiben der Abfall und seine Dämpfe gut verwahrt. Wie bei den Männern. Sie haben nach ihrer täglichen Tour zehn Minuten Zeit, um zu duschen. Wenn sie danach in die Freizeitkleidung schlüpfen, ist der Arbeitsgeruch vergessen.

Aus der Nase, aus dem Sinn, so hätten die Bewohner Wiens auch gerne ihren Müll. Was mit unseren Verpackungen, Altstoffen und Essensresten passiert, nachdem sie der orange Wagen weggebracht hat, ist kaum bekannt. „Der Restmüll wird thermisch verwertet“, erklärt Ulrike Volk. „Er wird also verbrannt. Die Energie daraus nutzen wir für die Erzeugung von Fernwärme, Fernkälte und Strom.“ Ganz verschwunden ist der Abfall damit freilich nicht, wie Volk erklärt: „Jeder, der schon einmal gegrillt hat, weiß, dass da etwas übrigbleibt. Pro Tonne verbranntem Müll entstehen 270 Kilo an Schlacken.“ Diese Brandrückstände werden entmetallisiert, zu Aschen-Schlacken-Beton verarbeitet und danach in der Donaustadt im Norden Wiens deponiert. „Die Deponie stinkt nicht“, beschreibt Volk die etwa 60 Hektar große Fläche. „Wir haben dort Gras gepflanzt. Jetzt schaut sie aus wie ein wunderschöner grüner Hügel.“ Daher ist sie seit mehr als 20 Jahren das Zuhause einer Herde seltener Bergziegen. Trotzdem gehen die Reste des Abfalls nicht einfach weg, es kommt täglich was dazu. Nach heutigen Berechnungen kann die Deponie zumindest bis ins Jahr 2065 weiter befüllt werden. Ulrike Volk ist optimistisch. „46 Jahre sind eine lange Zeit. Bis dahin gibt es sicher Wege, die Rückstände noch weiter zu reduzieren.“

Pro Arbeitstag bewegt Gulnerits zwischen 16 und 20 Tonnen Abfall. Das ist die Menge, die ein Wagen fassen kann. Zwei Mal wird er pro Schicht angefüllt. Das summiert sich. Laut einem Bericht des Umweltbundesamtes werden pro Jahr etwa 890.000 Tonnen Restmüll in Wien produziert. Damit liegt die Bundeshauptstadt im guten Mittelfeld aller Bundesländer.

„Die Müllmenge ist auf alle Fälle mehr geworden, alleine deswegen, weil die Bevölkerung gewachsen ist“, berichtet Gulnerits aus Erfahrung. Seine Einschätzung deckt sich mit den Zahlen von Ulrike Volk, wobei die Müllmenge pro Person sogar zurückgegangen ist. So ist die Bevölkerungszahl in den vergangenen drei Jahren um 5,1 Prozent gestiegen, die Müllmenge aber nur um 1,7 Prozent. Und nicht nur das: „Die Menschen trennen heute besser als früher. Dadurch sparen wir Ressourcen und Energie“, sagt Volk.

Auch wenn der Zulauf zur MA 48 groß ist, hinterlässt die schwere körperliche Arbeit bei Hitze und Kälte ihre Spuren. Die Knie leiden, die Hüften oder die Bandscheiben. Gulnerits blieb davon noch verschont. Wieder setzt er einen Container hinten am Wagen an. Es ist zehn Uhr und damit Halbzeit seiner Schicht. Der 53jährige ist immer noch gut drauf, obwohl schon der eine oder andere Schweißtropfen sichtbar wird. Von Stress will er nicht reden. „Den gibt‘s nur wegen der Autofahrer. Niemand will wegen der Müllabfuhr warten.“ Dann steigt Gulnerits auf die winzige Plattform am Ende des Wagens und fährt davon. C. Groiss
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