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Ausgabe Nr. 38/2019 vom 17.09.2019, Foto: AdobeStock
Jährliche Gehaltskosten pro Schüler in der Mittelschule oder Unterstufe
(kaufkraftbereinigt, in Euro)

Slowenien 6.319
Schweiz 6.201
Österreich 5.729
Deutschland 5.464
Finnland 4.650
Norwegen 4.465
Niederlande 4.229
Kanada 3.690
USA 3.584
Italien 3.225
Frankreich 2.586

Quelle: OECD
Teure Lehrer, schlechte Schüler
Wir lassen uns Lehrer im Verhältnis zur Schüleranzahl viel kosten. Das zeigt eine neue Studie. Trotzdem kann ein Fünftel der Kinder nach neun Jahren Schule nicht ordentlich lesen. Der Bildungsexperte Andreas Salcher plädiert für ein Schulsystem, das dem 21. Jahrhundert entspricht.
Bildungsforscher wissen es schon seit Jahrzehnten: „Auf den Lehrer kommt es an.“ Nicht kleinere Klassen oder die Schulform entscheiden, ob Kinder lernen wollen und auch können. Sondern die Lehrer.

Bei uns sind die Lehrer-Gehaltskosten pro Schüler so hoch wie kaum in einem anderen Land. Auch wenn die unterschiedliche Kaufkraft berücksichtigt wird. Das zeigt die jüngste Untersuchung der Industriestaaten-Organisation OECD. Bei Volksschullehrern sind nur noch die Schweiz und Deutschland teurer. Bei den Mittelschulen führt Slowenien vor der Schweiz und unserem Land. Und bei den Oberstufen liegen wir nach Belgien auf dem zweiten Platz.

Trotzdem kann jeder Fünfte nach der Pflichtschule nicht sinnerfassend lesen. Unternehmer beklagen sich regelmäßig über das geringe Wissen bei Lehrplatz-Bewerbern und an manchen Pädagogischen Hochschulen „scheitert fast die Hälfte der Lehramtskandidaten bei den Aufnahmeprüfungen wegen mangelnder Rechtschreibkenntnisse“, weiß der Bildungsexperte Andreas Salcher. Er hat zuletzt seinen Bestseller aus dem Jahr 2008 unter dem Titel „Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde“ (Verlag Ecowin) aktualisiert.

Dass unsere Lehrer zu wenig arbeiten, glaubt er nicht. „Würde auch nur ein Drittel der Lehrer ständig den Taxameter der Leistungsverrechnung mitlaufen lassen, müsste unser Schulsystem binnen kürzester Zeit kollabieren“, sagt er.

Der „Bildungskritiker“ plädiert trotzdem gegen das „Besoldungsrecht“. Und für die Einführung leistungsorientierter Gehälter, die sich an den Fortschritten der Schüler orientieren. Salchers Arbeitszeitvision lautet: „Lehrer leisten ihre Arbeit acht Stunden pro Tag an ihrer Schule an einem modernen Arbeitsplatz. Das lässt sich am besten durch ein faires Jahresarbeitszeitmodell umsetzen, das die fast 14 Wochen Ferien entsprechend berücksichtigt. Ein Schulsystem kann nicht besser sein als die Summe seiner Lehrer. Daher müssen wir die besten Studenten für den Beruf des Lehrers gewinnen.“

Doch Junglehrer sind derzeit Mangelware. Nur jeder zehnte Lehrer ist jünger als 30 Jahre. Fast die Hälfte hingegen hat den 50. Geburtstag schon hinter sich. Das und die vergleichsweise kleinen Klassen treiben die Gehaltskosten in die Höhe. Bis zu 64.000 Euro jährlich können laut OECD etwa Volksschul-Pädagoginnen verdienen. Das Einstiegsgehalt liegt bei 36.000 Euro.

Schüler und Lehrer sind zudem in das 50-Minuten-Korsett unserer Schulstunden gepresst. Dass die Unterrichtsstunde so lang ist, stammt von den Exerzier-Einheiten der Offiziere. Sie standen zu Beginn der allgemeinen Schulpflicht oft als Lehrer in den Klassenzimmern. Ein Vierteljahrhundert später erinnern viele Schulen noch immer an Kasernen. „Wir leisten uns ein völlig veraltetes Schulsystem, das Talente selten erkennt und noch seltener fördert. Die genau abgegrenzten Gegenstände, die man zerstückelt in 50-Minuten-Einheiten in Kinderköpfe hineinzustopfen versucht, sind seit 80 Jahren fast identisch“, erklärt Andreas Salcher. „Aus der Gehirnforschung wissen wir, lernen findet ohne soziale Beziehung nicht statt, genau daran mangelt es aber oft bei Schülern, Lehrern und Eltern.“

Dass ein Teil der Schüler heute zuhause nicht Deutsch spricht, verschärft die Lage vielerorts noch. Bei den Pisa-Tests der 15jährigen lag der Anteil der „Schüler mit Migrationshintergrund“ zuletzt bei einem Fünftel. In Wien haben fast zwei Drittel der Volksschüler eine andere Muttersprache als Deutsch. Als Antwort auch darauf schicken Eltern ihre Kinder oft in Privatschulen. In der Bundeshauptstadt hat fast jedes fünfte Schulkind dem öffentlichen Klassenzimmer den Rücken gekehrt, landesweit ist es jedes zehnte. „Es geht nicht um Migranten- versus österreichische Kinder, sondern um das immer größere Auseinanderklaffen von gebildeten und bildungsfernen Eltern“, sagt Andreas Salcher.

Zuwanderer-Eltern, die Wert auf Bildung legen, geben ihre Kinder ebenfalls häufig in Privatschulen. „Sollte nicht eine grundlegende Reform gelingen, wird sich der Abstieg unseres öffentlichen Schulsystems fortsetzen. Jeder, der es sich irgendwie leisten kann, wird sein Kind in eine Privatschule geben. Das tun übrigens schon jetzt viele Politiker und Promis, die öffentlich von der Gesamtschule schwärmen, ihr Kind aber in einer Privatschule sitzen haben.“
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