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Ausgabe Nr. 37/2019 vom 10.09.2019, Foto: Judith M.Troelss
Philippa Strache, 32, kandidiert für den Nationalrat
„So ein Ende hat mein Mann nicht verdient“
Das Ibiza-Video hat Heinz-Christian Straches Polit-Karriere ein jähes Ende beschert. Jetzt will seine Frau Philippa ins Parlament. Mit den WOCHE-Redakteurinnen Martina Wieser und Bibiana Kernegger spricht sie über Tierschutz, Alleinerzieherinnen und den langen Schatten des Ibiza-Skandals.
Frau Strache, wie lange sind Sie schon FPÖ-Parteimitglied?
Das weiß ich gar nicht genau. Aber ich bin Parteimitglied. Und nicht meines Mannes wegen, sondern aufgrund meines Ehrenamtes als Tierschutz-Beauftragte der FPÖ.

Sie kandidieren am dritten Wiener Listenplatz. Ihr Mann hat auf das EU-Mandat verzichtet. Was entgegnen Sie Kritikern, die das als Postenschacher um Mandate bezeichnen?
Dass es für viele wie ein Postenschacher anmutet, kann ich verstehen. Das war aber nicht so, weil das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hat. Ich wollte mich schon vorher politisch aktiv für den Tierschutz einsetzen und ursprünglich vielleicht bei der Wien-Wahl kandidieren, aber nicht auf den vorderen Listenplätzen.

Von der Frau an der Seite des Politikers in den eigenen Wahlkampf. Wie empfinden Sie diesen Seitenwechsel?
Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Schritt machen soll. Ich wollte nie unter meinem Mann politisch aktiv sein, weil mir das Bild nach außen nicht gefallen hätte. Aber das Leben geht seine eigenen Wege. Hätte jemand zu mir im April gesagt, bei der nächsten Nationalratswahl bist du Kandidatin, hätte ich gesagt, nie im Leben. Dann habe ich mir gedacht, ich trau‘s mir zu, ich kann das. Als ich Tierschutz-Beauftragte war, habe ich mir oft gesagt, wenn ich mich nur mit einem Mandat im Land oder Bund dafür stark machen könnte, dann könnte ich für den Tierschutz mehr erreichen.

Viele Menschen haben Angst vor großen Hunden. Wäre eine Beißkorb-Pflicht für alle Hunde eine Lösung?
Nein, weil ich den Ansatz verfolge, dass bei einer Beißkorb-Pflicht die Hundebesitzer nicht in die Verantwortung genommen werden. Ich glaube, dass jeder einzelne für seinen Hund Verantwortung übernehmen und auch wissen muss, was sein Hund mag oder nicht mag. Mit dem Beißkorb wird diese Verantwortung abgegeben. Überdies kann trotzdem noch genug passieren. Jeder Hundebesitzer weiß, wann er seinem Hund Leine und Beißkorb geben muss. Bei Kindergärten, Schulen und an öffentlichen Plätzen, überall, wo es eben auch für Stresssituationen ein Gefahrenpotenzial gibt.

Sie sind auch gegen die Klassifizierung von Listenhunden. Aber ist ein Listenhund nicht doch potenziell gefährlicher als ein Dackel?
Jeder Hund hat seine Charaktereigenschaften, auch Listenhunde. In Beiß-Statistiken tauchen Listenhunde erst auf dem sechsten Platz auf. Ich glaube eher, dass so eine Liste die Gefahr birgt, dass die Dunkelziffer von Listenhunden noch größer wird. Weil Menschen, die keinen dieser sogenannten Listenhunde haben sollten, sich erst recht einen zulegen, weil sie einen „bösen“ Hund haben möchten.

Meinen Sie, dass Tiere Kindern gut tun?
Absolut, ich sehe es bei Hendrik. Er fängt schon an, die „Linda“ anzulächeln und ihre Pfoten zu streicheln.

Und Sie haben keine Angst, „Linda“ ist ja doch eine stattliche Dogge und Ihr kleiner Sohn erst acht Monate alt …
Nein, weil „Linda“ für meinen Sohn kein lebendiges Kuscheltier ist, sondern ein eigenständiges Lebewesen. Er wird früh lernen, zu wissen, wann die „Linda“ ihre Ruhe braucht. Er wird lernen, sie nicht zu grob zu streicheln.

Haben Sie daran gedacht, sich einen Listenhund zu nehmen?
Ich hab‘ es überlegt. Dann war ich schwanger und es hätte natürlich eine Diskussion gegeben. Drei Wochen vor der Geburt unseres Sohnes ist dann die „Linda“ in unser Leben gepurzelt. Nachdem die „Odi“ nicht mehr da war, war ich sehr traurig. Wir haben „Odi“ hier zu Hause verabschiedet, das war gut. Ich bin lange bei ihr gesessen, wir haben Kerzen angezündet. Danach haben mir viele schwangere Frauen mit der gleichen Geschichte geschrieben. Es muss ein altes Leben gehen und ein neues kommen. Ich hab‘ zu „Odi“, sie war schon zwölf Jahre alt, immer gesagt, dass sie mich erst verlassen darf, wenn ich selber ein Baby bekomme. Und sie hat‘s genauso gemacht.

Die FPÖ hat vor der Sommerpause einen Antrag gegen das Küken-Schreddern eingebracht und gegen Lebendtier-Transporte ins Ausland. Das Verbot von Vollspaltenböden in der Schweinehaltung hat sie nicht unterstützt …
Ich bin noch nicht im Nationalrat, kenne aber die Anträge und weiß, dass einiges für uns nicht akzeptabel gewesen wäre. Es fehlte auch das Gespräch mit den Betroffenen. Da ging es wahrscheinlich nur um politisches Kleingeld. Die
Liste Jetzt hätte viel Zeit gehabt, etwas für den Tierschutz zu tun. Das ist schon Wahlkampf.

Soll Fleisch aus Massentierhaltung teurer werden?
Nein, weil ich glaube, dass so etwas nur noch den Import von Billigfleisch aus dem Ausland fördert. Wir sollten eher noch mehr die Regionalität stärken. Wir müssen unsere Bauern stark machen und unsere regionalen Produkte fördern. Nicht nur bei Fleisch, sondern auch bei anderen Produkten.

Essen Sie Fleisch?
Nein, ich fühle mich wohler, wenn ich kein Fleisch esse. Aber das ist meine persönliche Entscheidung. Ich möchte damit niemandem ein schlechtes Gewissen machen.

Ihr Mann ist ein Fleischesser?
Ja, aber er meint mittlerweile schon, er brauche nicht jeden Tag Fleisch.

Was liegt Ihnen politisch noch am Herzen?
Alleinerzieherinnen brauchen dringend Unterstützung. Mir schwebt ein Ausbau der Betriebskindergärten vor. Das kann vielen helfen, nicht nur, um die Zeit besser einzuteilen. Und die Kinderbetreuung muss zeitgemäßer werden. Sogar bei geregelten Arbeitszeiten, beispielsweise von 9 bis 17 Uhr, gibt es Probleme, weil das Kind um 16 Uhr abgeholt werden muss.

Haben Sie das Gefühl, dass manche in der FPÖ Vorbehalte gegen Sie haben?
In der Partei glaube ich nicht. Von außen in meiner Wahrnehmung schon. Was ich auch absolut nachvollziehen kann. Die Menschen konnten sich von mir auch noch kaum einen Eindruck machen. Außer, dass mein Ehemann ein Politiker ist beziehungsweise der ehemalige Vizekanzler, wissen sie wenig.

Was glauben Sie, wie hoch wird der FPÖ-Stimmenanteil sein?
Ich glaube, wir werden so um die 20 Prozent landen. Aber ich wünsche mir ein höheres Ergebnis.

Sollte Ihr Mann wieder zurück in die Politik gehen?
Er muss das für sich entscheiden. Da möchte ich mich nicht einmischen. Er wird es selber spüren, ob er noch einmal die Kraft aufbringen möchte. Das ist ja auch intensiv und belastend. Meine persönliche Meinung ist, dass er das Ende, so wie es jetzt war, nicht verdient hat. Einmal noch zurückkommen und sich stark machen für seine Ideale, das würde ich ihm wünschen. Ich glaube, dass er das auch braucht.

Er hat gemeint, er gehe in die Privatwirtschaft …
Er orientiert sich jetzt neu und es kommen Unternehmer auf ihn zu. Er muss aber auch noch alles auf sich wirken lassen und selber schauen, wo die Reise hingeht. Mir wäre lieber, wenn er sich die Zeit nimmt, noch besser in sich hineinzuhören und hineinzuschauen, was er möchte, und in aller Ruhe seine Entscheidung treffen. Ohne sich irgendwohin treiben zu lassen.

Wie hat sich das verstörende Ibiza-Video auf Ihr Familienleben und Ihren Freundeskreis ausgewirkt?
Es hat unsere familiäre Situation überhaupt nicht belastet. Aber du bist halt, wenn du in der Position meines Mannes bist, enorm beliebt. Und dann von vielen Personen unfassbar enttäuscht. Ich hingegen bin generell ein misstrauischer Mensch. Und dann gab es wiederum Menschen, mit denen du gar nicht Kontakt hattest, die plötzlich nicht nur loyal, sondern auch mutig sind. Dafür ist man dann sehr dankbar.

Sie möchten alles daransetzen, die Hintermänner herauszufinden …
Der Blick zurück macht in dem Fall Sinn, weil es um Aufklärung gehen muss. Es rumort schon, weil du den Eindruck hast, dass eine große Ungerechtigkeit passiert ist. Das würdest du am liebsten in die ganze Welt hinausschreien. Das einzige, was hilft, ist Aufklärung. Vor der Wahl wird nichts ans Tageslicht kommen, da bin ich mir ganz sicher. Aber ich glaube, dass der Druck so groß werden wird, dass noch in diesem Jahr zumindest Komponenten öffentlich gemacht werden.

Wissen Sie schon mehr über die Hintermänner?
Ja, wahrscheinlich, denke ich.

Glauben Sie, dass vor der Wahl noch etwas auftauchen könnte, das Ihrem Mann schadet?
Video gibt es sicher keines mehr. Das Buch zum Film gibt‘s auch schon. Die beiden Journalisten geben darin nicht alles wieder, das Rohmaterial war ja 20 und nicht sieben Stunden lang, weil an mehreren Ecken gefilmt wurde. In dem Buch sichern sich die Journalisten rechtlich ab mit den Sätzen meines Mannes, er mache nichts, was der Partei schade, er mache nichts, was nicht legal sei, er mache nichts, was unserem Land schade. Damit können sie nicht geklagt werden.

Sind Sie noch immer Social-Media-Beauftragte bei der FPÖ?
Nein, ich bin Angestellte bei der FPÖ und mitten im Wahlkampf. Seine private Facebook-Seite beschickt mein Mann selbst.

Ist das nicht eine ungewohnte Umkehr, wenn Sie für einen Teil des Familieneinkommens verantwortlich sind?
Nein, ich habe ja immer gearbeitet, seit ich 18 Jahre alt war. Außerdem hatten wir nie ein gemeinsames Konto, sondern jeder hat seines.

Wenn Ihr Mann wieder in die Politik zurückkehrt, würden Sie dann zurücktreten?
Das ist eine gute Frage. Wenn mir Vertrauen ausgesprochen wird, könnte ich nicht sagen, es war zwar nett, aber jetzt interessiert es mich nicht mehr. Damit könnte ich nicht leben. Ich glaube, wenn wir in verschiedenen Bereichen tätig wären, könnte es sehr wohl funktionieren, dass wir beide in einer Partei aktiv sind. Bei der SPÖ beispielsweise funktioniert das auch seit Jahren, dass Paare in ein und derselben Partei tätig sind. Wenn wir das machen, heißt es „Postenschacher“.
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