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Ausgabe Nr. 36/2019 vom 03.09.2019, Foto: Tom Storyteller GmbH
Mit seinem Jack-Russell-Terrier „Joppy“.
Thomas Brezina, 56: „Ich habe als Kind in der Erde gewühlt und mit der Hand kleine Fische gefangen“
In seinem Buch „Blödsinn gibt‘s nicht“ erzählt Thomas Brezina Kindheitsgeschichten, die er selbst erlebt, erfahren oder beobachtet hat. Was ihn dazu bewegt hat und wie sich Kinder erziehen und gleichzeitig begeistern lassen, erzählt der 56jährige im Gespräch mit der WOCHE.
Herr Brezina, Sie sind weder Vater noch Pädagoge. Und obwohl Sie das nie wollten, haben Sie einen Erziehungsratgeber geschrieben. Waren die Erziehungs-Tipps bislang nicht gut genug?
Seit 35 Jahren schreibe ich Bücher und mache Fernsehsendungen für Kinder, um sie damit zu begeistern. Rund um mich stelle ich fest, dass sich Eltern von den vielen Erziehungs-Tipps überfordert fühlen und meinen, bei ihren Kindern alles falsch zu machen. Deshalb habe ich meine Geschichten, die ich an Kindern beobachtet habe, aufgeschrieben. Das sind alles wahre Begebenheiten.

Ihr Buch heißt „Blödsinn gibt‘s nicht“. Steht der Titel nicht im Widerspruch zu aktuellen Studien, die besagen, dass die Menschen immer unintelligenter werden?
Den Satz „Blödsinn gibt‘s nicht“ beziehe ich konkret auf die Kinder. Einem Kind, das mit einer lustigen Idee kommt, zu sagen, es rede nur Blödsinn, ist so, als schlage ich dem Kind die Tür vor der Nase zu. Ich halte das für grausam, weil sich die Kinder dann zurückziehen.

Sie wollen aufzeigen, wie wir Kinder fürs Leben begeistern können. Fehlt es denn unseren Jüngsten an Begeisterung?
Erziehung ist oft so ausgelegt, die Kinder zurechtbiegen zu wollen, damit sie ja überall hineinpassen. Viel wichtiger wäre herauszufinden, was in einem Kind steckt und wie es seine Möglichkeiten am besten entfalten kann.

Was bekanntlich nicht immer einfach ist …
Ja, das ist sicher eine Herausforderung, für die es Zeit und Zuwendung braucht. Aber das sind schließlich die Grundvoraussetzungen einer Familie.

Wie war Ihr Kindsein? Was hätten Sie gern ausprobiert?
Ich war ein sehr zurückgezogenes Kind, weder der Banden-Anführer noch der gute Fußballer. Dafür habe ich mich schon mit vier Jahren für das Puppentheater begeistert. Meine Eltern haben das nie belächelt, sondern mich unterstützt. Und mein Großvater hat mit mir Bühnenbilder gebastelt. Mit elf bekam ich eine Bauchredner-Puppe geschenkt und war überglücklich.

Sport hat Sie gar nicht interessiert?
Nicht übermäßig, ich mochte Schifahren und Radfahren. Wir hatten ein Wochenendhaus mit einem Teich. Mein Bruder und ich sind dort auf der Brücke gelegen und haben mit der Hand Fische gefangen. Meine naturbegeisterte Mutter hat mir die Pflanzenwelt erklärt, und ich habe in der Erde gewühlt. Mein kunstsinniger Vater nahm mich in Ausstellungen mit. Heute weiß ich, dass viele dieser Erlebnisse nach wie vor wunderbar auf mich wirken.

Waren Sie ein ehrgeiziger Schüler?
Bis zum 14. Lebensjahr überhaupt nicht. Ich liebte zwar schon immer Geschichten, aber Rechtschreibung und Beistriche waren meine Schwäche. Erst in der Oberstufe wurde ich erfolgreicher. Aus eigenem Antrieb. Ich arbeitete mit 16 als Puppenspieler beim Fernsehen und hatte pro Semester 120 Fehlstunden, die meine Eltern unterschrieben haben, weil ich alle Prüfungen mehr als gut bestanden habe.

Ihr Berufswunsch stand also schon früh fest …
Zu diesem Zeitpunkt wollte ich noch Tierarzt werden und begann, Veterinärmedizin zu studieren. Bald stellte ich fest, dass das Wissenschaftliche doch nicht mein erträumtes Bild war. Ich widmete mich der Theaterwissenschaft, bekam bald Angebote von Fernsehen und Radio und begann Bücher zu schreiben.

Mehr als 550 Bücher für Kinder sind es mittlerweile.
Begeistern Ihre Bücher auch leseschwache Kinder?

Mein Herz gehört schon immer den weniger „starken“ Lesern. Das berücksichtige ich bei der Schriftgröße und den vielen Illustrationen. Jetzt noch mehr, denn die neue Auflage der „Knickerbockerbande“ ist drei Mal so stark bebildert wie die erste.

Können Haustiere Kinder bereichern und begeistern?
Haustiere halte ich grundsätzlich für wichtig und gut. Nur muss klar sein, dass es sich um eine große Verantwortung handelt. Ein ehemaliger Schulkollege hat seine drei Kinder, die unbedingt einen Hund wollten, vorher ein Jahr lang Woche für Woche in einen Kurs geschickt, damit sie lernen, mit einem Hund umzugehen. Er hat einen Vertrag aufgesetzt und die Kinder unterschreiben lassen, dass sie sich um das Tier kümmern. Ich finde das großartig. Ein Haustier nach vier Wochen, wenn die Begeisterung bei den Kindern abgeflaut ist, wieder wegzugeben, halte ich für schrecklich.

Sie beschreiben Ihre Neffen als wohlerzogen. Was zeichnet ein wohlerzogenes Kind aus?
Paul, 6, und Jakob, 4, sind für mich Positivbeispiele. Sie beherrschen schon im jungen Alter sehr gut die Spielregeln, die es im Zusammenleben braucht. Gleichzeitig sind sie, wie es so schön heißt, „richtige Buam“, die wild sein können. Mir gefällt es, dass Paul und Jakob nicht dressiert höflich sind, sondern ganz selbstverständlich „bitte“ und „danke“ sagen. Sie grüßen, sitzen beim Essen mit den Erwachsenen am Tisch und gehen dann spielen. Das ist für mich Erziehung, ich muss sagen, meine Schwägerin macht das großartig.

Bei der Methode „Unerzogen“ wird bewusst auf
Erziehung verzichtet. Was halten Sie davon?

Ich habe keine positiven Beobachtungen in dieser Hinsicht. Erziehung ist das Einüben von Spielregeln. Damit geben Eltern ihren Kindern ein unglaublich wichtiges Handwerkszeug ins Leben mit.

Sie gestehen, dass Ihnen nicht alle Kinder sympathisch sind …
Kinder sind nicht interessanter als Erwachsene. Die mag ich schließlich auch nicht alle. Es gibt Kinder, die sich furchtbar künstlich verhalten und altklug sind. Mit ihnen kann ich wenig anfangen. Je natürlicher ein Kind ist, umso mehr bewundere ich es.
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