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Ausgabe Nr. 36/2019 vom 03.09.2019, Foto: Getty Image
Arnautovic mit zahlreichen Anhängern bei Shanghai SIPG.
Der „Fußball-Kaiser“ von China
Seit er für Shanghai SIPG (China) kickt, legen Marko Arnautovic, 30, die Superdribbler Hulk und Oscar die Tore auf. Doch trotz elf Millionen Euro Jahresgage wird ein Karriereeinbruch des im Juli nach Asien gewechselten Wieners befürchtet.
Elf Stunden, solange etwa fliegt die Austrian Airlines von Shanghai (China) nach Wien, wo der Stürmer Marko Arnautovic, 30, in dieser Woche landete, um das ÖFB-Nationalteam trotz sechs Stunden Zeitunterschied bei den bevorstehenden Schlüsselspielen auf EM-Kurs zu schießen. „Ich spiele nach wie vor mit ganzem Herzen für die Nationalmannschaft und werde auch als China-Legionär meine Leistung bringen“, versichert er. Immerhin, 220.000 Euro wöchentlich an Gehalt und namhafte Fußballer wie die Brasilianer Hulk und Oscar neben ihm versüßen ihm dieses Abenteuer kräftig, doch es ist fraglich, ob dem „Fußballkaiser von China“ fürs Nationalteam der gute Wille reicht.

Wenn am Freitag in Salzburg um 20.45 Uhr gegen Lettland angepfiffen wird, steht seine innere Uhr auf drei Uhr nachts. Doch Teamchef Franco Fodas Elf, derzeit in der Qualifikationsgruppe G mit Platz drei auf einem Rang, der nicht für die EM reicht, braucht zwei Top-Leistungen seines Leithammels. „Auf Marko kommen immense Reisestrapazen zu“, befürchtet Marc Janko, der einst sogar aus Australien zum Nationalteam anreiste. „Ich traute mich damals keine Schlafmittel zu nehmen, weil die Spiele so wichtig waren.“ Der nach China gewechselte Belgier Marouane Fellaini beendete wegen dieser Strapazen seine Nationalteamkarriere für die Roten Teufel. „Der Weg ist zu weit und der Jetlag zu groß“, klagte er. „Ich weiß nicht, ob ich nach einer solchen Reise fit und frisch sein kann.“ Aber auch die Brasilianer Hulk und Oscar, früher Säulen der Nationalmannschaft, sind seit ihrem Abgang nach China 2016 und 2017 nie wieder für die „Selecao“ aufgelaufen. Aus gutem Grund, weiß der deutsche Sportwissenschaftler Dr. Ralph-Ingo Kern, der die Auswirkungen des Jetlags auf Spitzensportler untersuchte.

„Der Temperatur-Rhythmus benötigt Richtung Westen vier Tage, um sich zu akklimatisieren, Herzkreislauf und Blutdruck brauchen sogar bis zu elf Tage“, ist das Ergebnis seiner Studien. „Sportlern, die in anderen Zeitzonen Leistung bringen müssen, sind zwei Wochen Akklimatisationszeit anzuraten.“

Bei Arnautovic ist das undenkbar, zwei Tage nach seiner Ankunft spielt er erstmals, nach fünf Tagen folgt das zweite Spiel auswärts gegen den Gruppengegner Polen. Und bereits weitere drei Tage später wird von ihm, zurück in Shanghai in der Liga und der asiatischen Champions League, eine Top-Leistung erwartet, obwohl gerade die Heimkehr nach Osten die heftigsten Jetlag-Folgen verursacht. Schnell könnte Arnautovic bei der kritischen chinesischen Presse in Ungnade fallen, die ihn zuletzt wegen mangelnder Laufarbeit als „Großvater auf dem Feld“ bezeichnet hatte. Oder es ergeht ihm wie Janko, der wegen der für den Verein nachteiligen Nationalteamreisen sogar vom Sydney FC gefeuert wurde.

Freilich gibt es auch andere Beispiele wie den Slowaken Marek Hamsik, der trotz China-Transfers heuer zumindest die Pflichtspiele für sein Nationalteam passabel absolvierte. Dennoch nennen Experten viele andere Gründe, warum der Abgang relativ junger Kicker nach China grundsätzlich fraglich ist. „Für Arnautovic kam dieser Transfer zu früh“, hätte sich der Jahrhundertfußballer Herbert Prohaska einen Verbleib des Schlüsselspielers in Europa gewünscht. „Die Chinesen zahlen viele Millionen und haben wegen der hohen Bevölkerungsdichte des Landes gutbesuchte Stadien“, weiß das Ex-Chelsea-Ass John Mikel Obi (Nigeria) aus seiner Zeit in China. „Aber sie können einfach nicht Fußball spielen und werden in 50 Jahren noch nicht zu Europa aufgeschlossen haben“, glaubt der Argentinier Carlos Tévez nach seinem Asien-Abenteuer. Der ehemalige ÖFB-Nationalspieler Rubin Okotie berichtete nach seinem Engagement im Reich der Mitte von Problemen kulinarischer Art. „Ein Mal wurde mir Frosch serviert, ein anderes Mal verfiel ich nach dem Verspeisen von Meeresfrüchten in einen allergischen Schock.“

In Shanghai, wo Arnautovic kickt, ist eine Suppe aus erstarrtem Entenblut eines der beliebtesten Gerichte, auch Hundefleisch kommt auf den Tisch. Disziplinär muss Arnautovic ebenfalls aufpassen, der Brasilianer Diego Tardelli fasste eine Geldstrafe aus, weil er sich während der vor jedem Spiel abgespielten chinesischen Nationalhymne mit der Hand durchs Gesicht fuhr, Chinas Nationalteamkapitän Zheng Zhi wurde gesperrt, weil er vergaß, den Mitspielern die Hand zu schütteln.

Zum größten Problem könnte für Arnautovic die Distanz zu seiner Familie werden, die vorerst in London (England) blieb. Zuletzt machte seine Frau Sarah mit den Töchtern Emilia, 7, und Alicia, 4, alleine Urlaub auf Ibiza, sie steht den Ortswechseln kritisch gegenüber. „Es ist schwer, das Umfeld der Kinder immer neu aufzubauen. Es tut am meisten weh, wenn die Kinder wieder ihre Freunde und ihr Zuhause verlieren.“ Kreuziger
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