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Ausgabe Nr. 36/2019 vom 03.09.2019, Fotos: Raunig, picturedesk.com
Umstrittenes Wald-Projekt wird am Sonntag in Klagenfurt (K) eröffnet. Klaus Littmann steht hinter dem Projekt.
Kahle Bäume sollen als Mahnmal dienen
Ein verpflanzter Mischwald wird ab 8. September das Fußball-Stadion in Klagenfurt (K) ausfüllen. Obwohl das umstrittene Kunstprojekt auf den Klimaschutz und die grüne Lunge Wald aufmerksam machen soll, werden nun auch kahle Bäume eingepflanzt. Auswirkungen der Strapazen.
Der Wald dient uns als grüne Lunge. Er bündelt Schadstoffe und produziert lebensnotwendigen Sauerstoff. Gerade jetzt, da ständig über die Umweltbelastung gesprochen wird, mutet es daher seltsam an, wenn Lastwagen quer durch Europa fahren, um Bäume samt ihren Wurzeln zu transportieren. Nur um sie dann im Wörthersee-Stadion von Klagenfurt in Kärnten in einer dünnen Schicht aus Erde und Spänen zur Schau zu stellen. Kein Wunder also, dass dieses Projekt des Schweizers Klaus Littmann höchst umstritten ist.

Ab Sonntag, dem 8. September, kann der Wald im Stadion von der Öffentlichkeit besichtigt werden. Unter dem Namen „For Forest“ ist bis zum 31. Oktober täglich von 10 bis 22 Uhr bei freiem Eintritt ein Mischwald aus 284 Bäumen zu sehen. Der Zugang erfolgt allerdings nur über die große Westrampe, der Wald selbst darf nicht betreten, sondern nur von der Tribüne aus betrachtet werden. Zahlenmäßig am stärksten vertreten ist die Birke, gefolgt von Zitterpappel, Lärche und Stieleiche.

Einige der Bäume geben bereits ein trauriges Bild ab. Denn die zwischen zehn und vierzehn Meter hohen Gewächse, die bereits vor einem Monat aus Italien, den Niederlanden und Deutschland angeliefert wurden, sind zum Teil schon kahl. Die Bäume werden zwar bewässert und gepflegt, aber ihre Wurzeln waren eingepackt. Bevor sie ins Stadion kamen, waren sie mit Spanngurten am Boden auf einem Parkplatz fixiert. Im Fußball-Stadion selbst wurden sie auf einer Holzkonstruktion festgezurrt, die auf Metallplatten liegen. Sie bedecken den gesamten Rasen. Ein computergesteuertes Bewässerungssystem sorgt für regelmäßige Nässe. Um die Wurzeln zu verdecken, wurde der Boden dann mit Hackschnitzeln aufgeschüttet, gefolgt von Rindenmulch. Damit der Eindruck eines richtigen Waldes entsteht, kamen zuletzt auch Totholz und Sträucher zwischen die Bäume. Dennoch hagelt es Kritik. „Jeder, der die Natur liebt, kann nur mit Befremden zur Kenntnis nehmen, welche Gewalt Bäumen angetan wird, um das Projekt ,For Forest‘ umzusetzen“, empört sich die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter. Die „Wissenschaftlerin des Jahres 2013“ findet deutliche Worte. „Einen Wald dazu einzuladen, von einer Fläche Besitz zu ergreifen, ist grundsätzlich unmöglich. Baumschulbäume auf einer Platte sind kein Wald.“

Klaus Littmann selbst sieht sein Projekt als „Mahnmal“, das Menschen für Ökologie, Kunst und Natur sensibilisieren soll. Dafür wurden keine Mühen gescheut. Um das Kärntner Projekt zu bewerben, flogen er und Mitarbeiter der Stadt Klagenfurt extra nach Hamburg (D). Dass in der Zwischenzeit einige der Bäume nicht mehr ganz frisch wirken, sieht Littmann pragmatisch. „Die Besucher werden den Klimawandel auch bei den Bäumen im Stadion sehen. Das ist keine Präsentation auf einer Gartenschau.“ Das Aufstellen des Waldes erfolgte dann aber wie ein gut gehütetes Staatsgeheimnis. Es herrschte ein striktes Fotografie-Verbot. Wer es missachtete, dem drohten 20.000 Euro Strafe.

Ein Hundertstel dessem, was das gesamte Projekt kostet. Den Hauptteil der zwei Millionen Euro tragen laut Littmann Mäzene und Gönner. Doch über die genauen Kosten schweigen sich sowohl der „Künstler“ als auch Klagenfurts Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz (SPÖ) aus. „Von Seiten der Stadt werden keine öffentlichen Gelder aufgewendet“, meint die Bürgermeisterin. Eine Aussage, die Stadtrat Christian Scheider (FPÖ), nicht gelten lassen will. „Der Künstler muss keinen Cent Miete zahlen, sondern bekommt das Stadion seitens der Stadt Klagenfurt gratis zur Verfügung gestellt. Das bedeutet einen Mietentgang von rund 100.000 Euro. Nochmals 100.000 Euro kostet das Ersatzstadion, das errichtet werden musste, damit der Bundesligaklub Austria Klagenfurt in der Zwischenzeit nicht untergeht. Danach braucht dieses Ersatzstadion kein Mensch mehr. Am Ende des Wald-Projektes muss der Fußballrasen um 200.000 Euro erneuert werden. Die Stadtwerke Klagenfurt, die zu 100 Prozent im Eigentum der Stadt Klagenfurt stehen, sponsern die Bewässerung der Bäume mit 6.000 Euro. Außerdem wurden 45.000 Euro an Subventionen seitens der Kulturabteilung für begleitende ,For Forest‘-Ausstellungen lockergemacht. Obendrein wurde eine Straße, die ständig von Schwertransportern befahren wurde, um die Bäume ins Stadion zu bringen, derart stark beansprucht, dass sie neu asphaltiert werden muss. Diese Straße befindet sich neben einem Pflegeheim und wird ständig von Senioren mit Rollatoren benützt. Das war nun nicht mehr möglich und da hört sich der Spaß sowie jegliches Kunstverständnis auf“, sagt Christian Scheider.
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