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Ausgabe Nr. 35/2019 vom 27.08.2019, Fotos: Your Photo Today, Tilak Lackner
Unsere Ernährung ist viel zu süß. Mit verheerenden Folgen für den Körper.
Prof. Herbert Tilg
Zu viel Zucker macht den Darm „löchrig“
Dreißig Kilo Zucker verspeist jeder von uns im Jahr. Doppelt so viel wie unser Körper benötigt, um gut zu funktionieren. Die dauerhaft hohe Menge des „süßen Treibstoffes“ macht dick und wirkt wie Gift. Der Darm wird geschädigt, die Gefäße entzünden sich, die Bauchspeicheldrüse erlahmt. Die gute Nachricht, Zuckerfallen sind schnell entlarvt und einfach zu meiden.
Vierundzwanzig Stück Würfelzucker. So viel „vernascht“ jeder von uns an nur einem Tag. Anders gesagt, wir sind „Schleckermäuler“, denn sieben bis 13 Würfelzucker pro Tag reichen vollkommen aus, um unseren Körper mit dem „Treibstoff“ Glukose zu versorgen. Der Rest ist Zuviel des Guten, mit Auswirkungen, die zunehmend am Übergewicht von Kindern und Erwachsenen zu sehen sind und mittlerweile weitreichende gesundheitliche Beschwerden auslösen.

Von etwa 8,8 Millionen Menschen in unserem Land sind dreieinhalb Millionen übergewichtig oder fettleibig. Unter den Jüngsten bringt bereits jedes dritte Kind zu viel auf die Waage. Zwei Studien des Gesundheitsministeriums prophezeien, diese Zahl wird weiter steigen, denn eine der größten Ursachen für diese Entwicklung ist der viel zu hohe Zuckerkonsum. Darin sind sich Ärzte und Gesundheitsexperten sicher. „Die Politik ist gefordert, hier endlich Maßnahmen zu setzen“, meint etwa Dr. Herbert Tilg, Direktor für Innere Medizin I an der Innsbrucker Uniklinik.

Der Experte für Gastroenterologie und Hepatologie (= Magen/Darm- und Lebererkrankungen) schlägt Alarm. Immer mehr Untersuchungen zeigen, die Überdosis Zucker in der Nahrung verursacht nicht nur Übergewicht. Sie schädigt den Darm und löst eine verheerende Kettenreaktion aus. „Die Oberfläche unseres Darmes, die Darmschleimhaut, ist im gesunden Zustand perfekt wie ein englischer Rasen. Dank der richtigen Zusammensetzung der Darmkeime, die für die Verdauung verantwortlich sind. Kommen dauerhaft zu viel Zucker und Fett mit dem Essen in den Darm, gewinnen krankmachende Keime die Oberhand. Die Darmschleimhaut verändert sich. Ist dann zu viel Zucker im Blut, wird die Darmschleimhaut sogar löchrig. Schädliche Keime gelangen in den Blutkreislauf. Anfangs fängt die Leber noch einiges ab, aber mit der Zeit wird sie zu schwach. Keime gelangen zu den Organen und können Entzündungen hervorrufen. Entzündungen, die chronisch und gefährlich werden, zum Beispiel an den Blutgefäßen. Dies führt zu Arteriosklerose, der ‚Gefäßverkalkung‘“, beschreibt Dr. Tilg den Teufelskreislauf. Vor allem Diabetiker und Übergewichtige sind betroffen. „Dies dürfte für das erhöhte Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt verantwortlich sein.“

Vermeintlich Gesundes oft ungesund

Zucker „per se“ ist kein Gift, betont Prof. Dr. Martin Clodi, Facharzt für Innere Medizin bei den Barmherzigen Brüdern in Linz. „Unser Gehirn und unsere roten Blutkörperchen akzeptieren nur diesen ‚Treibstoff‘. Aber die Menge macht den Unterschied“, erklärt er und warnt vor allem vor der versteckten Zuckergefahr in Schnellgerichten und Fertigprodukten. Auch vermeintliche gesunde Nahrungsmittel wie zahlreiche Fruchtsäfte, Milchgetränke, Fruchtjoghurt oder Müslis sind oft „Zuckerbomben“.

Neuer Dickmacher ist auf dem Vormarsch

Die Weltgesundheitsorganisation rät, täglich maximal zwischen 25 und 50 Gramm Zucker zu essen. Ob als Kristallzucker, Fruchtzucker, Melasse oder Honig. „Für den Körper ist immer die Gesamtmenge an Zucker entscheidend“, bestätigt Dr. Tilg. Seit zwei Jahren verarbeitet die heimische Industrie in steigendem Maße den vermutlich größten „Dickmacher“. Isoglukose, in unserem Land oft als Fruktose-Glukose-Sirup (oder umgekehrt) auf Verpackungen angegeben. Sie wird aus gentechnisch verändertem Mais gewonnen, hat eine enorme Süße, steht im Verdacht, keine Sättigung auszulösen und sich auf den Darm besonders ungünstig auszuwirken. Experten sind sicher, der billig herzustellende „Mais-Zucker“ ist für das rasant ansteigende Übergewicht der Menschen in den USA verantwortlich.

Süßstoff kann krank machen

Den Ersatz von Zucker durch Süßstoffe wie Aspartam, Saccharin oder Sucralose (Diabetiker-Produkte) lehnen Ärzte wie Prof. Alexandra Kautzky-Willer von der Österreichischen Diabetes Gesellschaft ab. „Aktuelle Studien zeigen, Süßstoffe haben keinen positiven Effekt auf den Body-Maß-Index (= Körpergewicht). Es ist sogar mit einer Gewichtszunahme zu rechnen. Zusätzlich stehen Süßstoffe in Verbindung mit Neu-Erkrankungen an Bluthochdruck, Diabetes und dem metabolischen Syndrom, welches das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt erhöht“, warnt sie und verrät. „Für Frauen hat sich sogar ein Zusammenhang von mit Süßstoff gesüßten Getränken und einer kürzeren Lebenserwartung gezeigt. Ab vier Portionen am Tag war er erheblich erkennbar.“
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