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Ausgabe Nr. 32/2019 vom 06.08.2019, Foto: Reuters
Briten-Premier Boris Johnson will den Austritt am 31. Oktober durchsetzen
Boris beißt sich durch
Als Kind still und schwerhörig, scheut Boris Johnson jetzt nicht davor zurück, lautstark seine Meinung zu vertreten. Er will die Briten auf jeden Fall aus der EU herausführen. Die Wähler trauen ihm das eher zu als seiner Vorgängerin.
Boris Johnson hat ein Ziel. „Wir werden am 31. Oktober die EU verlassen, ohne Wenn und Aber.“ Nach drei Jahren des Brexit-Zögerns will der 55jährige die Zweifler eines Besseren belehren. Der Austritt sei „eine grundlegende Entscheidung des britischen Volkes“ gewesen. „Wir müssen jetzt diese Entscheidung respektieren und eine neue Partnerschaft mit unseren europäischen Freunden schaffen, so herzlich und eng wie möglich.“

Am 23. Juni 2016 stimmten knapp 52 Prozent der britischen Wähler für einen Austritt aus der EU. Der ursprüngliche Scheidungs-Termin im heurigen März wurde zwei Mal verschoben. Drei Mal lehnte das britische Parlament den Austrittsvertrag ab, den Johnsons Vorgängerin Theresa May mit Brüssel verhandelt hatte.

„Nach drei Jahren voll unbegründetem Selbstzweifel ist es Zeit, eine neue Platte aufzulegen“, erklärte Johnson gleich an seinem ersten Tag als neuer Premierminister. Viele Briten trauen dem exzentrisch wirkenden, schlagfertigen und hochintelligenten „Boris“ eher zu, den gordischen Austritts-Knoten zu zerschlagen als der kompromissbereiten Theresa May. Bei Kritikern als chaotisch verschrien, scheut er auch nicht vor einem „harten Brexit“ zurück, einem EU-Austritt ohne Abkommen und Zustimmung aus Brüssel. Immerhin hat er es in der eher linken Millionen-Metropole London zwei Mal geschafft, den Bürgermeister-Sessel zu erobern.

Mit Brüssel hat der am 19. Juni 1964 in New York (USA) geborene Alexander Boris de Pfeffel Johnson schon früh Erfahrungen gemacht. Er war neun Jahre alt, als sein Vater Stanley eine Stelle bei der EU-Kommission bekam und die Familie in die belgische Hauptstadt übersiedelte. Dort besuchte er die europäische Schule so wie die künftige EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, 60.

Als Kind war der heute oft als „Politclown“ beschimpfte Johnson lerneifrig, aber eher still, was wohl auch an seiner Schwerhörigkeit lag. Er litt bis zum Alter von acht Jahren an einem „verklebten Ohr“. Flüssigkeit im Ohr beeinträchtigte das Hörvermögen. Trotzdem wurden Alexander, wie ihn seine Familie nach wie vor nennt, und seine drei jüngeren Geschwister zu Höchstleistungen angespornt. Vor allem in Altgriechisch und Latein tat er sich später hervor.

Doch Brüssel war, so erzählten seine jüngeren Geschwister, „ein zutiefst unglücklicher Ort“. Die Mutter musste nach einem Zusammenbruch acht Monate in einem psychiatrischen Spital in London verbringen. Die Flirtereien ihres Mannes sollen daran nicht unschuldig gewesen sein. Ende der 70er scheiterte die Ehe. Der Vater wurde EU-Abgeordneter.

Doch da war der älteste Sohn bereits auf einem Internat in England. Als 13jähriger kam Johnson danach mit einem Stipendium an die Eliteschule Eton, wo er sich unter anderem mit Prinzessin Dianas Bruder Charles Spencer anfreundete.

In der Oberklasse-Nachwuchsschmiede wurde aus Alex endgültig „Boris“. Er legte den katholischen Glauben seiner Mutter ab, konvertierte zur Anglikanischen Kirche und er entwickelte seine typisch britische Exzentrik. Boris tauften ihn seine Eltern nach einem russischen Emigranten, der ihnen einmal geholfen hatte. Johnson hat unter anderem türkische und deutsche Vorfahren.

Nach einem Jahr in Australien studierte er Altertumswissenschaften an der Universität Oxford. Dort war er auch Mitglied des exklusiven „Bullingdon Clubs“, der für seine Alkohol-Ausschweifungen und reichen Mitglieder bekannt ist. Zeitgleich mit Johnson war auch David Cameron Mitglied, der britische Premier, der die Brexit-Volksabstimmung angesetzt hat.

Als 24jähriger Jung-Journalist kehrte Boris Johnson wieder nach Brüssel zurück. Von 1989 bis 1994 mischte er als einer der wenigen euroskeptischen Korrespondenten die EU-Hauptstadt auf. Damit avancierte er sogar zum Lieblingsjournalisten der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher. Über das angebliche Verbot von Chips mit Shrimps-Geschmack regte er sich ebenso auf wie über die vermeintlichen Dimensionen des Euro-Kondoms.

Eine Mitarbeiterin erzählte später, wie er sich für seine, nach eigenen Worten, „Hass-Hymnen über die jüngste Euro-Infamie“ motivierte. Gegen 16 Uhr habe er begonnen, die Yucca-Palme in seinem Büro zu beschimpfen, um sich in die notwendige Rage für seine neuesten EU-Artikel zu bringen. Unter Journalisten-Kollegen und EU-Politikern hatte er einen schlechten Ruf. Der britische EU-Kommissar Chris Patten sagte einmal, dass Johnson „einer der größten Vertreter des Fake-Journalismus“ gewesen sei.

Auf der anderen Seite schrieb Johnson im Jahr 2002, längst wieder zurück in Großbritannien und in zweiter Ehe verheiratet, nahezu Prophetisches: „Je größer die EU wird, desto klarer wird es, dass Europa keine einfach zu identifizierende Persönlichkeit oder politische Geschlossenheit hat.“

Als Kind wollte Johnson „König der Welt“ werden, erzählte seine Schwester Rachel einmal. Als Politiker habe ihn aber nur noch der Berufswunsch „Premierminister“ angetrieben, berichten Wegbegleiter. Auf dem Weg dorthin war er Journalist, Abgeordneter für die konservativen „Torys“, acht Jahre lang Bürgermeister von London, das Gesicht der Brexit-Kampagne und zuletzt Außenminister.

Hätte sich Johnson 2016 nicht auf die Seite der Austritts-Befürworter gestellt, wäre die Volksabstimmung vielleicht anders ausgegangen. „Ich bin zu der Ansicht gelangt, dass, nachdem ich 30 Jahre über dieses Thema geschrieben habe, nun die Chance da ist, wirklich etwas zu ändern“, sagte er im Februar 2016. „Ich wünsche mir ein neues Verhältnis zur EU, das mehr auf Handel und Zusammenarbeit basiert und weniger mit diesem Superstaat zu tun hat.“ Die Mehrheit der Wähler sah das damals ähnlich.

Der „Boris-Charme“ verfehlte seine Wirkung nicht. Gepaart mit Humor und Schlagfertigkeit wirkt er nicht nur auf Männer, sondern auch auf Frauen. Immer wieder wurden Johnson Affären nachgesagt. Von seiner zweiten Ehefrau, der Anwältin Marina Wheeler, mit der er mehr als 20 Jahre verheiratet war und vier Kinder hat, lebt er getrennt. Sobald die Scheidung durch ist, erwarten die Briten, dass er seine jetzige Freundin Carrie Symonds heiratet. Die
31jährige war Kommunikationschefin der Konservativen und soll mit dafür verantwortlich sein, dass sich ihr Freund zuletzt deutlich staatstragender gab als gewohnt.

Die Blondine wird mit Johnson im Premiers-Amtssitz in der Londoner Downing-Street wohnen. Für seinen neuen Brexit-Anlauf muss der Premier dort noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Aus Schottland, Wales und Nordirland, den drei anderen Teilen des Vereinigten Königreichs neben England, schallt ihm laute Kritik entgegen.

Aber der 55jährige ist optimistisch. Er will einen neuen Austritts-Vertrag mit der EU verhandeln, vor allem ohne die verhasste „antidemokratische Backstop“-Klausel. Sie soll Waren-Kontrollen an der inneririschen Grenze verhindern.

Nach einem Austritt wäre die Grenze zwischen Nordirland, das zum Vereinigten Königreich gehört, und der Republik Irland eine EU-Außengrenze. Das würde die Wirtschaft hart treffen. Den Personen-Verkehr weniger, denn weder die Iren noch die Briten sind Teil des „Schengenraumes“ und schon jetzt gibt es offene Grenzen.

Aber ein großer Teil der Export-Fracht aus Irland wird derzeit über Wales und England verschifft. Zudem erreichen die meisten eingeführten Waren Irland ebenfalls über Großbritannien. Deshalb sollten laut „Backstop“ die Briten weiterhin in der Zollunion bleiben, bis es ein Handelsabkommen mit der EU gibt. Das könnte aber dauern. In der Zwischenzeit müssten sich die Briten weiterhin an die EU-Spielregeln halten, ohne selbst mitreden zu dürfen. Und ohne Handelsverträge mit anderen Ländern der Welt abschließen zu können.

„Wir sind sicher, dass wir das mit gutem Willen auf beiden Seiten fertigbringen“, glaubt Johnson an einen besseren Austritts-Vertrag. Zumal die EU bisher ein wenig verwirrt gewesen sei, was die Briten tatsächlich wollen. Daran lässt der neue Premierminister keinen Zweifel. Das Land werde am Tag vor Allerheiligen austreten, mit oder ohne Abkommen. Dafür hat er auch Druckmittel in der Hand. Einer davon ist die „Scheidungs-Abfindung“ von 42 Milliarden Euro, die die Briten noch an Brüssel zahlen sollen. „Ich denke, unsere Freunde und Partner müssen verstehen, dass das Geld einbehalten wird, bis wir größere Klarheit über den weiteren Weg haben“, sagte er Anfang Juni. „Ich habe schon immer gedacht, das es außergewöhnlich ist, dass wir der Ausstellung des gesamten Schecks zustimmen sollen, bevor wir einen endgültigen Vertrag haben. Um einen guten Abschluss zu bekommen, ist Geld ein wunderbares Schmiermittel.“

Zudem sitzen derzeit 29 Mitglieder von Nigel Farages Brexit-Partei im EU-Parlament, die nicht unbedingt Hymnen auf die EU singen. Brüssel will „nicht, dass das so bleibt. Es gibt also viele Anreize auf beiden Seiten. Wir werden am 31. Oktober austreten, ob mit oder ohne Abkommen“. Für einen harten Brexit hat seine Regierung jüngst 2,3 Milliarden Euro zusätzlich bereitgestellt.

Allerdings könnte ihm das Parlament einen Strich durch die Rechnung machen, mit einem Misstrauensantrag
vor dem Stichtag. Dazu müsste sich die geeinte Opposition mit ein paar abtrünnigen Konservativen zusammenschließen. Denn Johnsons Regierung hat mit einem Abgeordneten nur eine hauchdünne Mehrheit.
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