Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 31/2019 vom 30.07.2019, Foto: Universal Music
„Rammstein“ sorgen mit dem neuen Album wieder für kontroverse Meinungen
Ein bisschen zahm gewordene Provokateure
Sie sind laut und sie sind eigenwillig. Und sie provozieren immer noch. Auch wenn ihnen vorgeworfen wurde, ihr neues Album mit dem einfachen Titel „Rammstein“ habe an Wucht verloren. Doch die gleichnamige deutsche Band feuert nach wie vor aus allen Rohren.
Auf ihrer aktuellen Tournee ließen sich die Bandmitglieder in Polen in Schlauchbooten von ihren Anhängern auf die Bühne tragen. Dabei schwenkte Schlagzeuger Christoph Schneider, 53, die Regenbogenfahne aus Solidarität für die Lesben und Schwulen, die in Polen immer wieder angefeindet werden. Die Show verlief dann ganz in „Rammstein“-Manier. Laut und bunt und knallig.

Was beim neuen, dem mittlerweile siebenten Studioalbum, gar nicht so einfach ist. Denn Sänger, Texter und Vorzeige-Provokateur Till Lindemann, 56, hat mit seinen fünf Kollegen für seine Verhältnisse ein zurückhaltendes Album eingespielt. Mit Betonung auf „für ihre Verhältnisse“.

Denn was die Erregung betrifft, ging es gleich steil nach oben, sobald die ersten Sekunden des neuen Materials veröffentlicht waren. Selten wurde ein Kunstwerk in jüngerer Vergangenheit so kontrovers und mitunter geifernd diskutiert wie das Video zur vor einigen Wochen vorab veröffentlichten Single „Deutschland“. Im Trailer zum Video waren die Musiker zu sehen, die sich als offenkundig kurz vor der Hinrichtung stehende Insassen eines Konzentrationslagers entpuppten – die Empörung war gigantisch. Wieder schrieben und sprachen alle von Grenzüberschreitungen, Geschmacklosigkeiten und Tabubrüchen. Das ist weder falsch, noch kam eine Aktion dieser Art unerwartet. Seit jeher werfen „Rammstein“ gerne Stöckchen, über die dann alle folgsam springen. Dass die Band auch Zuhörer aus dem rechten Lager anlockt, nimmt sie gelassen. „Die sind auch bei den ,Toten Hosen‘ und den ‚Ärzten‘ zu finden. Außerdem trauen sie sich nicht in kleinere Säle, dann bekommen sie was aufs Maul“, meint Lindemann.

Aus „Rammstein“-Sicht hätte es nicht besser laufen können, die Aktion Aufmerksamkeitsmaximierung war erfüllt. Im finalen Elf-Minuten-Video galoppieren die sechs Musiker dann sprichwörtlich durch gut 2000 Jahre deutsche Geschichte und Lindemann brüllt hinaus: „Deutschland! Meine Liebe kann ich dir nicht geben.“

Das war es dann auch mit dem Wilden. Völlig zahm und praktisch poppig klingt die neue Single „Radio“, mit der die in der DDR aufgewachsenen Musiker ihre tiefe Liebe zum Westradio sowie ihr Leiden und Darben aufgrund der kulturellen Abgeschnittenheit ihrer Jugend bekunden („Jede Nacht ich heimlich stieg auf den Rücken der Musik“). Der Sound von „Radio“ orientiert sich ein bisschen an „Kraftwerk“, der anderen deutschen Ikonenband. Überhaupt fällt auf, dass „Rammstein“ trotz immer wieder einsetzender harter Gitarren wohl noch nie so melodisch und regelrecht freundlich klangen wie auf dem neuen Album.

Manche Lieder hinterlassen auch keinen bleibenden Eindruck, in einem, es heißt „Tattoo“, wirkt der über seine Tätowierungen singende Lindemann fast schon von sich selbst gelangweilt, aber zwei Mal noch ist er richtig gut. In „Hallomann“, dem letzten Lied, gibt er den fiesen Kindesräuber. Der heimliche Höhepunkt aber heißt „Puppe“, es ist das sowohl musikalisch als auch textlich interessanteste Lied. In der Ballade über eine märchenhafte, abgründige Horror- und-Gewalteskalation („Und dann beiß‘ ich der Puppe den Hals ab“) ist Till Lindemann wirklich zum Fürchten gut.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung