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Ausgabe Nr. 30/2019 vom 23.07.2019, Foto: Kerstin Joensson
Gottfried Wolfgang Würcher wurde am 24. Oktober 1958 in Radenthein (K) geboren. Dass er einmal als Musiker sein Geld verdienen würde, verdankt er wohl seinem Vater Willi. Der hat mit der Steirischen Harmonika auf Hochzeiten gespielt und war ein äußerst geselliger Mensch. Der Sohn ist seit 1982 beim „Nockalm Quintett“, er ist Sänger und Texter. Zu sehen ist er mit seiner Band beim „Wenn die Musi spielt Sommer Open Air“, am 27.7., 20.15 Uhr, ORF2. Von 13. bis 15.9. geht das „Nockisfest“ in Millstatt über die Bühne. Kartentel.: 01/96096.
Gottfried Würcher
„Ich war mit 14 Jahren zum ersten Mal beim Frisör“
Das „Nockalm Quintett“ ist die erfolgreichste Schlagerband unseres Landes. Weil der Sänger und Texter Gottfried Würcher, 60, mit seinen Zeilen immer wieder den Nerv der Zeit trifft. „Für ewig“ heißt das neue Werk, das seit Freitag im Handel ist und mit der Single „Fair Play“ einen ersten Hit enthält. Darin geht Würcher mit dem Leben hart ins Gericht, weil es nicht gerecht zugeht und das Schicksal erbarmungslos zuschlägt. Das hat er selbst auch erlebt.
Herr Würcher, ist die Welt ein schrecklicher Ort?
Das kommt darauf an, wo wir uns auf der Welt befinden. In unserem Land haben wir es gut, wie ich finde. Es gibt aber auch schreckliche Orte, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Vor wenigen Tagen wurde ein zweijähriges Mädchen und dessen Vater tot im Grenzfluss zwischen Amerika und Mexiko gefunden. Die Kleine hatte noch den Arm um ihren 25jährigen Vater geschlungen. Die beiden wollten in Amerika ein besseres Leben finden. Im Nahen Osten werden Kinder dagegen niedergebombt. Lesen Sie noch solche Meldungen oder finden Sie sie schon zu grausam?
Natürlich bekomme ich solche Meldungen mit und es jagt mir einen Schauer über den Rücken. Die Situation an sich können wir freilich nicht ändern, sehr wohl aber die Situation, wie es dazu kommen konnte. Es geht um Politik, Macht, Einfluss, Profitgier und darum, Vorhaben durchzuziehen – auch wenn sie falsch sind –, um wieder gewählt zu werden. Der Mensch verroht zunehmend und wird seitens der selbsternannten Heilsbringer beeinflusst. Das sollten wir uns öfter bewusst machen.

Das Leben ist nicht fair. Versuchen Sie etwas dagegen zu unternehmen?
Ich habe gerade mit einem Freund telefoniert. Er hatte zwei Herzinfarkte, er litt an Krebs, den er besiegen konnte und er erhielt jetzt wieder eine Krebsdiagnose – ist das fair? Nein. Ich versuche immer, wo es möglich ist, zu helfen. Wir haben auch einen Fonds der „Nockis“ unter dem Motto „Fans helfen Fans“ vor einigen Jahren ins Leben gerufen. Wir konnten auch schon einige Male unkompliziert und unbürokratisch helfen. Zuletzt bei einer Anhängerin unserer Gruppe aus Regensburg (D), einer jungen Mutter, die bei einem Motorrad-Unfall ein Bein verloren hat.

Sie haben in Ihrer Familie selbst erlebt, wie ungerecht das Leben sein kann. Ihre Eltern sowie zwei Brüder sollen ja an einem Herzinfarkt gestorben sein …
Es waren keine Infarkte. Alle starben den Sekundentod. Ihr Herz hörte einfach auf zu schlagen. Das war ein Schock für mich.

Wie alt waren Ihre Eltern und Brüder?
Mein Vater war 86, meine Mutter 76 Jahre alt. Meine Brüder starben mit 69 und 62 Jahren. Mein jüngster Bruder starb im Alter von 25 Jahren. Er hatte einen Magendurchbruch, der nicht gleich erkannt wurde und verstarb nach drei Tagen. Der Hausarzt hat das Leiden damals nicht richtig diagnostiziert.

Wusste Ihre Familie um das Risiko, an einem Sekundentod sterben zu können?
Damals nicht, heute weiß zumindest ich es. Ich gehe regelmäßig zur Gesundenuntersuchung und bin eigentlich mit meinem Zustand zufrieden. Ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht und versuche mich ausgewogen zu ernähren. Das heißt, ich esse wenig Süßes, wenngleich ich es liebe, und betreibe Sport. Ich laufe gerne, fahre Rad und spiele Tennis.

Für Ihre Eltern und Brüder gab es keine Rettung?
Nein, meine Mutter ist beim Mittagessen im Spital vom Sessel gekippt und war weg. So etwas ist heftig für die Hinterbliebenen, wie der eine oder andere aus eigener Erfahrung weiß. Mit Anstand betrachtet, nach einiger Zeit, ist ein schneller Tod aber sicherlich für den Betroffenen besser als ein langes Leiden.

Haben Sie ein mulmiges Gefühl, wenn Sie daran denken, woran Ihre Eltern gestorben sind? Dass Ihnen ein ähnliches Schicksal drohen könnte?
Überhaupt nicht. Ich lebe so, wie ich lebe. Meine Eltern und Geschwister haben nicht so auf sich geachtet, sich einseitig ernährt und keinen Sport betrieben.

Im neuen Album des „Nockalm Quintetts“ nehmen Sie mit dem Titel „Für ewig“ und in der Single „Fair Play“ Bezug auf die Ungerechtigkeiten des Lebens. Was genau wollen Sie mit
diesen Titeln aussagen?

Im Lied geht es um Fairness in der Partnerschaft zwischen Mann und Frau. Wir möchten aber auch Fairness generell damit ansprechen. Mehr Fairness im Leben – gleiche Möglichkeiten für Menschen, die nicht privilegiert sind. Vieles ist in unserem Land schon passiert, aber es ist noch Luft nach oben. Ob bei der Bildung, am Arbeitsplatz oder bei den Pensionisten. Mehr Miteinander und Verständnis wären wünschenswert. Das fängt vor der eigenen Haustür an.

Für ewig ist auch ein Foto, auf dem Sie als Baby auf dem Schoß der Mutter zu sehen sind, im Kreis der Familie Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Brüder und Eltern?
Ich wurde streng erzogen und war der jüngste von vier Söhnen. Mein ältester Bruder war 18 Jahre älter und hätte schon mein Vater sein können. Papa war ein Schichtarbeiter und auf die Arbeit fokussiert. Die Mutter genauso. Wir hatten ein kleines Häuschen mit Plumpsklo. Ein Mal in der Woche, immer am Samstag, durfte ich in einer blechernen Wanne mit warmem Wasser aus dem Holzofen baden. Das Geld war knapp. Ich habe mich gar nicht getraut, irgendwelche Wünsche zu äußern. Die Kleidung der Brüder wurde nachgetragen. Wenn ich denke, wie es uns heute geht, dann war das Leben damals hart. Aber es gab auch schöne Seiten, etwa dann, wenn über Nacht ein Meter Schnee gefallen ist, das Schifahren, die Sommer waren heiß und die Gewitter nicht so heftig wie heute. Ich würde meine Kindheit als bescheiden, aber glücklich beschreiben.

Ihr Vater hat schwer im Bergwerk gearbeitet. Wie viele Stunden musste er pro Tag in der ewigen Finsternis schuften?
Er hat im Magnesitwerk Radenthein acht Stunden hart gearbeitet und dann, wenn er nach Hause kam, noch sechs bis sieben Stunden am Webstuhl. Das war sein Leben. Mein Vater war Weber, sogar Meister, er hatte vor dem Krieg in Spittal an der Drau (Kärnten) eine Firma, die im Krieg zerbombt wurde. Er hatte nicht den Mut und die finanziellen Möglichkeiten, einen Kredit aufzunehmen. Er brauchte die Sicherheit – das habe ich von ihm geerbt.

Auf dem alten Foto sieht Ihr Vater im Anzug elegant aus. Auch der Rest der Familie ist ordentlich gekleidet. Er hatte wohl gemeinsam mit seiner Frau trotz aller Armut ein Gespür für Stil?
Das stimmt, und die Mutter hat alles, was sie selber machen konnte, gemacht. Essen, Kleidung, Frisur – zu meinem Leidwesen (lacht). Ich war bei meinem ersten Frisörtermin 14 Jahre. Mama hat jeden Tag gebügelt, gekocht, gewaschen. Drei Schweine und 50 Hasen hatten wir im Stall. Es hat nichts gefehlt und es gab immer was zu essen.

Ihre Lieblingsspeise ist Hasenleber, stimmt das?
Die Hasenleber meiner Mutter war das Beste, was ich in meinem Leben gegessen habe. Die Hasenleber wurde kleingeschnitten, Ei und Zwiebel wurden dazugegeben und gut gewürzt. Oder der Heringsalat, da habe ich immer mitgeholfen. Mama hat praktisch aus Nichts was machen können. Das ist auf mich übergegangen. Wenn nur wenig im Kühlschrank ist, kann ich daraus etwas Essbares machen. Aber die Hasenleber meiner Mutter ist unerreicht.
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