Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 29/2019 vom 16.07.2019, Fotos: zVg
Zwei Generationen Steinölgewinnung (v. li.): Alexander, Bernhard, Hermann, Manfred und Günther Albrecht.
Klein geschreddert wird das Gestein geschwelt.
Im Vitalberg-Museum in Pertisau gibt es auch die Steinöl-Produkte zu kaufen.
Das heilende Öl aus dem Stein
Seit mehr als 100 Jahren wird von der Familie Albrecht im Bächental (T) ein besonderes Öl gewonnen. Es ist im Schiefer des Berges gebunden. In einem aufwändigen Verfahren wird das Gestein abgebaut, zerkleinert und angeschwelt, bis sich das Öl tropfenweise in Behältnissen sammelt. Das Tiroler Steinöl dient als Rohstoff für viele Produkte.
A bisserl kleiner geht‘s noch“, sagt Bernhard Albrecht und holt mit einem großen Vorschlaghammer aus, bis der Hammerkopf fast seinen Rücken berührt. Dann lässt er das schwere Werkzeug auf den Steinhaufen vor ihm niedersausen, dass ein großer Brocken in viele Stücke zerspringt. Der 33jährige nimmt eines dieser Stücke, hält die blaue Flamme eines Gasbrenners an den Stein, der nach wenigen Sekunden zu brennen beginnt. „Im Gestein befindet sich Schieferöl“, erklärt Albrecht das Phänomen. Vor mehr als 100 Jahren begann Martin Albrecht, aus dem Gestein das Schieferöl zu extrahieren. Was seine Söhne und Enkel fortsetzten. Mittlerweile gewinnt die vierte Generation in der malerischen Idylle des Tiroler Bächentales das Schieferöl, das als „Tiroler Steinöl“ weit über die Grenzen des kleinen Tales bekannt ist.

„Unser Tiroler Steinöl wirkt antiseptisch und entzündungshemmend“, sagt der Urenkel des Firmengründers, der den Betrieb gemeinsam mit seinem Großcousin Alexander und Cousin Manfred leitet, während er in 1.350 Meter Seehöhe den Abbau nicht nur koordiniert, sondern auch tatkräftig anpackt. „Zuerst einmal muss das Gestein, das sich hier in einem etwa sechs bis acht Meter breiten Band im Fels nach oben zieht, herausgesprengt werden“, erklärt Albrecht. Zerkleinert wird sowohl mit einem sogenannten Brecher wie auch von Hand mit dem Hammer. Eine Materialseilbahn bringt das Gestein gut 70 Meter nach unten. Es landet in der Vorratsrutsche und wird schließlich mit der Hand oder mit Hilfe eines kleinen Baggers in die drei Schachtöfen manövriert. Dann beginnt das Schwelen, wie es in der Sprache der Bergleute heißt. „Ein Prozess ähnlich dem des Schnapsbrennens“, erklärt der 33jährige. „Der zerkleinerte Schiefer wird kalt eingefüllt, rutscht in den immer wärmer werdenden Bereich und erreicht irgendwann eine Temperatur zwischen 350 und 450 Grad. Dann gast er aus, wie der Fachbegriff lautet. Er setzt dabei das Ölgas frei, das sich in den Kondensationstürmen wieder verdichtet und langsam in die Bottiche tropft. Dort wird es gefiltert und gereinigt, ehe es in Fässer gefüllt wird.“

Trotz nunmehr hochmoderner Anlage mit computergesteuertem Prozessleitsystem, ist die Gewinnung von Steinöl eine kräftezehrende Arbeit geblieben. Alle eineinhalb Stunden müssen die Öfen neu beschickt, das ausgebrannte Material entfernt und in Hunten, wie die metallenen Transportwagen heißen, zu einem Abhang gebracht werden, wo es fortan lagert. „Aus sieben Tonnen Schiefer, die wir täglich abbauen, lassen sich etwa 140 Liter Schieferöl gewinnen.“ Zwei bis drei Knappen arbeiten im Schichtbetrieb, Tag und Nacht, bei jedem Wetter. Denn die Saison auf 1.350 Meter Seehöhe ist kurz. „Wir können hier aufgrund der Witterungsbedingungen nur von Mai bis September arbeiten“, sagt Albrecht. Dann ist der Ölschiefer hinter Schneewechten verborgen.

Das gewonnene Steinöl kommt schließlich in den Veredelungsbetrieb nach Jenbach (T), wo es als Wirkstoff in Produkte eingearbeitet wird, die von der Familie Albrecht selbst entwickelt wurden. Die Angebotspalette umfasst Salben, Cremen, Massageöl, Duschgel, Haarshampoo, Körpermilch und Badezusätze, die sowohl über Apotheken erhältlich sind, wie auch im Internet (www.steinoel.at) bestellt werden können.

Dass Steinöl gute Wirkung tut, ist schon lange bekannt. „Die Tiroler Bauern im Karwendelgebirge hatten schon immer ein feines Gespür für die ‚Apotheke der Natur‘. Schon vor mehr als 600 Jahren haben sie mit der Gewinnung des Steinöles begonnen“, weiß Bernhards Vater Hermann Albrecht, der zwar mittlerweile in Pension ist, aber sogar noch beim Abbau anpackt, wenn zwei helfende Hände gefragt sind. „Heute kommt Steinöl vor allem bei Gelenksbeschwerden, Durchblutungsstörungen und Problemen mit dem Bewegungsapparat zum Einsatz. Es ist belebend und spannungslösend vor und nach sportlichen Aktivitäten und findet in Kuranstalten und zahlreichen Wellnesshotels, vor allem in der Region Achensee, Verwendung“, berichtet der 65jährige.

Wer nicht nur die Produkte kaufen, sondern auch viel Wissenswertes über die Steinölproduktion erfahren will, sollte einen Abstecher ins Karwendelgebirge machen. Die Gewinnung des Tiroler Steinöles kann bei der Steinölwanderung, jeden Donnerstag von Juni bis September, aus nächster Nähe erlebt werden. Die Anmeldung zu dieser Wanderung erfolgt in den Tourismusinformationsbüros rund um den Achensee. Dazu passt ein Besuch im „Vitalberg“ in Pertisau, eine ganz besondere Steinöl-Erlebniswelt, die von der Familie Albrecht im Jahr 2003 eingerichtet wurde (Erwachsene: 8,50 Euro, Kinder bis 5 Jahre frei, Kinder 6 bis 15 Jahre 4,30 Euro). Der gesamte Innenboden ist mit Schieferstein ausgelegt. Durch spezielle Beleuchtungstechniken wird mystische Bergwerksstimmung erzeugt. Begehbare Glasvitrinen und Bilder, die sich wie eine Ölschieferader durch den Stollen ziehen, erzählen die Geschichte des Steinöles und der Familie. Die übrigens noch lange die Menschen mit dem Naturheilmittel versorgen kann. „Geologen schätzen das Ölschiefer-Vorkommen im Bächental auf sieben Millionen Tonnen“, sagt Bernhard Albrecht.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung