Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 29/2019 vom 16.07.2019, Fotos: Ötztal Tourismus/Photo Lohmann, Stefan Schomann
Sigurd Bemme liebt das Jodeln.
Jodeln lernen in Obergurgl in Tirol
Jodeln macht glücklich, ist Sigurd Bemme überzeugt. Deshalb zeigt er Interessierten, wie das geht. In Obergurgl in Tirol lädt er während der Ötztaler Kulturwochen zum Jodelkurs. Der 60jährige nimmt die Teilnehmer mit auf den Berg, wo gemeinsam gejodelt wird.
Ein „Juuuh“ hallt durch die Ötztaler Alpen in Tirol. Gefolgt von einem „Hä-i-di“ und einem „Jo-e-ho“. Wer jetzt glaubt, ein Wolfsrudel habe sich im Gebirge breit gemacht, kann erleichtert aufatmen. Es sind keine wilden Tiere, die diese Töne von sich geben, sondern Menschen, die wie wild versuchen zu jodeln.

Wie diese Kunstform des Singens gelingt, zeigt Sigurd Bemme. Den 60jährigen Schauspieler zieht es jedes Jahr hierher, wenn die Ötztaler Kulturwochen stattfinden. In diesem Sommer finden sie von 18. Juli bis 4. August statt.

„Eine Freundin aus der Steiermark hat mich in diese Tradition eingeführt“, erzählt Bemme, der aus Hannover (D) stammt, aber mittlerweile in Berlin wohnt. Dass ausgerechnet ein Deutscher in den Tiroler Alpen die Kunst des Jodelns vermittelt, mag befremdlich klingen. Doch gejodelt wird nicht nur in den Alpen. „Gejodelt wird auf der ganzen Welt, zum Beispiel im zentralafrikanischen Regenwald, in Südamerika und bei den Inuit in Alaska“, erzählt Bemme, der seine Leidenschaft gerne weitergibt.

In Obergurgl im Ötztal lädt er deshalb zum Jodelkurs. Der erste viertägige Kurs (21.7.–24.7.) richtet sich an Anfänger, der zweite sechstägige Kurs (27.7.–1.8.) ist für Fortgeschrittene bestimmt.

„Wir wandern täglich in die Berge. Bevor wir mit dem Jodeln beginnen, wärmen wir unsere Stimme auf“, erklärt Bemme. „Das Jodeln ist ein lustvoller Wechsel zwischen Kopf- und Bruststimme. Indem wir rufen, seufzen und klagen, öffnen wir leicht unsere Stimmkanäle, fangen an, im Kopf und im ganzen Körper zu vibrieren“, sagt der Deutsche, der überzeugt ist, dass Jodeln glücklich macht.

„Es vertreibt die Sorgen. Vielleicht liegt das daran, weil wir beim Jodeln keinen Text singen. Wir rufen sinnfreie Silben in die Gegend und lassen unseren Gefühlen freien Lauf.“ Das Jodeln ist sozusagen ein akustisches Antidepressivum.

Das Schöne ist, dass diese Form des Gesanges jeder lernen kann. „Jodeln ist schnell zu erlernen, ohne dafür viel üben zu müssen“, motiviert Bemme die Teilnehmer. Die einzige Überwindung findet im Kopf statt. Wer jodeln will, muss sich trauen, seiner Stimme freien Lauf zu lassen.

In der Gruppe fällt dies einigen leichter. Der Juchaza, auch Juchitzer oder Jauchzer genannt, ist hingegen alleine zu meistern. „Ein ,Juchaza‘ ist ein Jubelschrei, ein Ausbruch von Lebensfreude“, erklärt Bemme.

Die Kulisse erleichtert jedenfalls das Singen. Die Teilnehmer stehen oben am Berg, umgeben von mehreren 3.000ern. Sechs der zehn höchsten Gipfel unseres Landes befinden sich in den Ötztaler Alpen, unter anderem der zweithöchste Berg, die Wildspitze (3.770 Meter).

Inmitten der Arena der Dreitausender tönen sie los. „In freier Natur und im Gebirge öffnen sich die Menschen leichter“, sagt Bemme. Er singt am liebsten mehrstimmig, lange, getragene Jodler. Kein Jodler gleicht dem anderen. Sie werden unterschiedlich interpretiert. „Die Intervalle, die Abfolgen und die Art der Stimmführung sind immer anders.“ Unterschiede gibt es auch, je nachdem, aus welchem Land der Jodler stammt. In der Schweiz werden lange Jodler oft bis zu drei Minuten gesungen. In einigen Regionen wird laut gejodelt, in anderen innig. „In Österreich dauern sie maximal eine Minute. Außerdem klingen die Jodler immer seelig, als hätten die Sänger vorher ein Glas Schnaps getrunken“, schmunzelt Bemme.

Als der Schauspieler zum ersten Mal die Kurse abhielt, hatte er Bedenken, andere Wanderer zu stören. „Wer auf den Berg geht, will seine Ruhe haben. Wir hingegen suchen die schönsten Orte in den Alpen auf und machen Musik. Glücklicherweise empfinden die anderen Wanderer dies als angenehm. Sie freuen sich, wenn sie uns jodeln hören“, erzählt Bemme.

Ungestört fühlen sich auch die Kühe auf der Alm. Die Tiere heben kurz den Kopf, wenn der erste Klang ertönt, grasen dann aber zufrieden weiter.

Der Deutsche führt die Gruppe auch in ein kleines Tal nahe der italienischen Grenze. Dort gibt es vier Echos. „Damit wir sie hören können, müssen sich die Teilnehmer trauen, laut zu singen.“

Nach den Gesangseinlagen geht es wieder zurück nach Obergurgl. Dort werden während der Kulturwochen, die von der Hamburger Volkshochschule organisiert werden, weitere Kurse zu den Themen Wandern, Tanzen, Singen, Musizieren und Steinbildhauen angeboten. Zudem gibt es öffentliche Veranstaltungen, die Interessierte kostenlos besuchen können.

Am Ende seiner beiden Kurse werden auch Sigurd Bemme und seine Teilnehmer am 24. Juli und am 1. August ihre Jodelkünste dem Publikum
vortragen. widlak
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung