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Ausgabe Nr. 29/2019 vom 16.07.2019, Foto: AdobeSTock
Kinder vor dem Ertrinken schützen

* Kleinkinder immer in Reichweite, größere Kinder in Sichtweite beaufsichtigen.
* Sind mehrere Erwachsene anwesend, stets eine Person für die Aufsicht bestimmen.
* Auch kleinen Kindern kann beigebracht werden, sich beim „in das Wasser schauen“ auf den Bauch zu legen. Dadurch reduziert sich das Risiko, dass sie das Gleichgewicht verlieren und ins Wasser fallen.
* Kleiden Sie Kinder in gut sichtbaren Farben (Badekleidung), im schlimmsten Fall können Kinder unter Wasser damit schneller aufgefunden werden.
* Ältere Kinder und auch Erwachsene überschätzen ihre Schwimmkenntnisse gerne.
* Sichern Sie Becken/Biotope/ Schwimmteiche mit einem Zaun mit einer selbstschließenden Tür.
* Alarmsysteme für Schwimmbecken oder Gartenteiche, die größere Bewegungen im Wasser melden, bieten zusätzliche Sicherheit, ersetzen jedoch keine Aufsichtsperson.
Land der Nichtschwimmer
Bei hohen Temperaturen springen die Menschen gerne ins kühle Nass. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) warnt jedoch, dass jedes dritte Kind bis 19 Jahre nicht schwimmen kann. Insgesamt gibt es hierzulande ab einem Alter von fünf Jahren 700.000 Nichtschwimmer, das ist knapp jeder Zehnte. Mit fatalen Folgen, denn jedes Jahr ertrinken hierzulande rund 40 Personen, fünf davon sind Kinder.
Eigentlich ist es mir egal, dass ich nie schwimmen gelernt habe. Schließlich sind die Bäder im Sommer rappelvoll, da habe ich keine Lust, Haut an Haut mit anderen zu plantschen“, sagt Julia Buxbaumer, 18, aus Klagenfurt (K). „Wenn ich doch eine Abkühlung brauche, nehme ich halt meine Schwimmflügerl mit“, lacht sie.

Auch der 16jährige Elias aus Linz (OÖ) ist Nichtschwimmer. Er stellt sich an heißen Sommertagen gerne in ein seichtes, kühles Bächlein. „In tiefes Wasser traue ich mich aber nicht. Mit sieben Jahren habe ich zwar einen Schwimmkurs besucht, doch anhaltend und ausdauernd durchschwimmen kann ich nicht. Vor meinen Freunden ist mir das nicht peinlich, sie wissen ohnehin längst Bescheid“, sagt er.

Für Wilfried Kammerer, 56, den Einsatzstellenleiter der Klagenfurter (K) Wasserrettung, sind Nichtschwimmer keine Seltenheit. „Ich sehe ständig Kinder ohne Schwimmflügerl und Schüler, die nicht schwimmen können. Mittlerweile bin ich zehn Jahre dabei und habe schon tote Erwachsene aus dem Wasser gezogen, Kinder waren zum Glück noch nicht darunter.“ Seine Kollegin, Elena Windisch, 16, glaubt, „dass die heutige Jugend einfach kein Interesse mehr daran hat, schwimmen zu lernen.“

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) warnt vor Todesfällen, weil immer mehr Menschen hierzulande nicht schwimmen können, wie eine erstmals zur Schwimmkompetenz durchgeführte Befragung ergab. Äußerst dramatisch ist die Situation bei Jugendlichen, denn demnach kann nur etwa jedes zweite Kind bis 19 Jahre (51 Prozent) gut schwimmen, jedes dritte Kind verfügt über gar keine Schwimmkenntnisse. Insgesamt gibt es ab einem Alter von fünf Jahren in unserem Land 700.000 Nichtschwimmer, das ist knapp jeder Zehnte. Zudem schätzt jeder fünfte ab 15 Jahren seine Schwimmkenntnisse als unsicher bis mittelmäßig ein. Eine Aufschlüsselung der Nichtschwimmer nach Geschlechtern sei laut Kuratorium nicht verfügbar, jedoch ist es laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) belegt, dass vier von fünf Ertrunkenen männlich sind, was in vielen Fällen mit Selbstüberschätzung und Alkohol zu tun habe. Insgesamt ertrinken jährlich weltweit rund 370.000 Menschen, wobei mehr als 90 Prozent dieser Todesfälle auf Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommen entfallen. In der Europäischen Region ertrinken jährlich etwa 37.000 Menschen.

Hierzulande hat sich die Zahl der Todesfälle durch Ertrinken laut den Daten der Statistik Austria jedoch seit 2002 um mehr als die Hälfte reduziert, was der Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, Othmar Thann, auf „die Optimierung der medizinischen Versorgung und der Rettungskette“ zurückführt. Dennoch ertrinken in unserem Land immer noch 40 Personen pro Jahr, fünf davon sind Kinder.

„In der Altersklasse der unter Fünfjährigen ist Ertrinken die häufigste Todesursache, bei älteren Kindern die zweithäufigste. Zudem kommt auf jedes ertrunkene Kind noch eines dazu, das zwar gerettet wurde, aber mit schweren Gehirnschäden leben muss“, erklärt Thann. Er ist überzeugt, dass „letztlich nicht das Planschen, sondern die Beherrschung des Schwimmens im tiefen Wasser entscheidend ist, um Ertrinkungsunfälle zu verhindern.“

Die Gründe, warum so viele Kinder nicht schwimmen können, sind laut Experten vielfältig. Thann erklärt, „dass es einen Zusammenhang zwischen Bildungs- und Einkommensniveau der Eltern und den Schwimmfertigkeiten der Kinder gibt. Sieben von zehn Kindern, die schwimmen können, haben dies von den Eltern gelernt.“

Martin Eberl vom oberösterreichischen Landesverband der Wasserrettung (ÖWR) weiß, „dass es einen hohen Anteil von Nichtschwimmern unter Kindern mit Migrationshintergrund gibt. Gerade bei Flüchtlingen und Asylwerbern gibt es viele Unfälle. Zudem findet in Schulen weniger Schwimmunterricht statt, weil es in vielen Gemeinden keine Hallenbäder mehr gibt.“ Eberl kritisiert zudem, dass Kinder heute unsportlicher seien. „Früher sind die Kinder gerne schwimmen gegangen, heute müssen sie von den Eltern gezwungen werden.“

So auch der 18jährige Paul Lerchenfelder aus Villach (K). Er ist Nichtschwimmer, was ihm peinlich ist. „Meine Eltern wollten mich zwar in einen Schwimmkurs stecken, aber ich habe mich immer geweigert. Jetzt gehe ich einfach nur bis zu den Knien ins Wasser, weiter traue ich mich nicht hinein“, sagt er.

Anders die heutige kaufmännische Angestellte Erna Seyerl, 57, aus St. Oswald (OÖ). „Schwimmen habe ich mir mit acht Jahren im Teich in meinem Heimatort selbst beigebracht. Immer weiter und weiter wagte ich mich hinaus und lernte so das Schwimmen.“ Ihren beiden Kindern habe sie es jedoch gemeinsam mit ihrem Mann beigebracht.

Der neunjährige Erik Skofler hingegen besucht seit heuer einen Schwimmkurs am Klopeiner See (K). „Ich habe schon die ersten Stunden hinter mich gebracht und mache große Fortschritte. Auch Kraulen steht auf dem Programm“, freut sich Erik. Seine Trainerin von der Kärntner Schwimmschule „Happy Swim“, Martina Pritz-Duindam, 42, ist überzeugt, „am besten ist, die Kinder schon mit eineinhalb Jahren zum ersten Kurs zu schicken, in dem sie lernen, sich auf den Rücken zu drehen und zu atmen, wenn sie ins Wasser fallen. Einen richtigen Schwimmkurs empfehle ich mit vier Jahren.“ Durchschnittlich kosten zehn Kurs-Einheiten für Kinder rund 170 Euro.

Laut Kuratorium für Verkehrssicherheit lernen Kinder hierzulande mit fünf Jahren schwimmen. Wer es erst als Erwachsener lernt oder seinen Kindern selbst beibringen will, kann auch auf Literatur zurückgreifen, wie die im „Mayer und Mayer Verlag“ erschienenen Bücher „Schwimmen lernen“ von Kurt Wilke, und „Schwimmen für Kinder“ von Lilli Ahrendt belegen.

Der Chefarzt des Roten Kreuzes, Harald Hertz, warnt davor, Kinder in der Nähe von Schwimmbecken und Gewässern unbeaufsichtigt zu lassen. „Denn Kinder strampeln und schreien nicht, sondern ertrinken lautlos.“ Nach einem Unfall im Wasser sei es wichtig, schnell zu handeln, sagt Hertz. „Wenn der Verunfallte nicht atmet, wählen Sie die Notrufnummer 144, schalten Ihr Telefon auf Freisprechen und beginnen sofort mit der Herzdruckmassage. Dafür wird eine Hand auf die Mitte des Brustkorbes gelegt, die zweite Hand darüber. Schnell und kräftig mit durchgestreckten Ellbogen auf den Brustkorb drücken. Das einzig Falsche wäre, nichts zu tun.“
morri, rb
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